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    Asche ist reines Weiß
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Asche ist reines Weiß
    Von Carsten Baumgardt
    Seit zwei Dekaden prägt Autorenfilmer Jia Zhang-ke das chinesische Independentkino mit seinen herausragend kunstvollen Arbeiten und Meisterwerken wie „Xiao Wu“, „Still Life“ oder zuletzt „Mountains May Depart“. Vom Untergrundkino der Anfänge spielte sich der Auteur in die erste Liga des internationalen Festivalbetriebs hoch, gewann in Venedig den Goldenen Löwen und ist Stammgast im Wettbewerb von Cannes, wo er für „A Touch Of Sin“ den Drehbuchpreis erhielt und wo nun auch sein neuestes Werk „Asche ist reines Weiß“ läuft. Obwohl Jia sich über die Jahre immer mehr vom naturalistischen Realitätsabbilder zum bildgewaltigen Erzähler und Stilisten gewandelt hat, ist er nach wie vor ein zuverlässig-feinsinniger Chronist der gesellschaftlichen Entwicklung seines Heimatlandes. Das zeigt auch das Gangster-Liebesdrama „Asche ist reines Weiß“: In drei Episoden, die zwischen 2001 und 2018 spielen, erzählt Jia in seinem bisher mit Abstand teuersten und aufwändigsten Film in mitreißenden Bildern eine tragische Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Umwälzungen im modernen China.

    2001: Bin (Liao Fan) ist der lokale Mafiaboss in der Millionenstadt Datong in der Provinz Shanxi. Er regiert mit seiner Brüderschaft wie ein König. Loyalität und Rechtschaffenheit sind für ihn unverzichtbare Maximen. Seine Freundin Qiao (Zhao Tao) begegnet dem gerechten Gangster auf Augenhöhe. Doch seine Regentschaft in Datong endet jäh, als aufmüpfige Jugendgangs Bin und seine Freundin in einen Hinterhalt locken. Als die Motorrad-Kids gerade dabei sind, Bin totzuprügeln, greift Qiao ein und gibt Warnschüsse ab. Waffenbesitz ist in China jedoch strengstens verboten, sie bekommt fünf Jahre Gefängnis aufgebrummt, Bin ist nach vier Jahren wieder draußen. Nach ihrer Entlassung macht sich Qiao auf die Suche nach Bin, der sich in seiner Heimatstadt Fengjie aufhalten soll.


    „Asche ist reines Weiß“ handelt von Jianghu – was in der chinesischen Kultur zwei Bedeutungen haben kann: Zum einen steht es für die „gefährliche Unterwelt“, in der sich die beiden Protagonisten bewegen und zum anderen für das „dramatische Leben“, was sie definitiv in ihrer Liebe-Hass-On-Off-Beziehung leidenschaftlich führen. Jia Zhang-ke bringt uns beide Seiten auf beeindruckende Weise nahe. Er verbindet meisterlich authentische Milieuschilderung und die Schaffung einzigartiger Stimmungen. Immer wieder schafft er berauschende Bilder. Das beginnt hier mit einer grandios gefilmten (Kamera: Eric Gautier, „Into The Wild“) und vor Dynamik und Leben strotzenden Sequenz in einem Tanzlokal, in der Bin und Qiao als das Gravitationszentrum ihrer Mafia-Parallelwelt inszeniert werden. Im 2006 angesiedelten Mittelteil, der genauso wie „Still Life“ in Fengjie am Dreischluchtendamm vor faszinierend-spektakulärer Kulisse spielt, fasst Jia dann einmal mehr die Nahtstelle zwischen Tradition und Moderne in sprechende Bilder und gegen Ende bringt er die Erzählung der Gegensätze zu einem hochpoetischen Abschluss, wenn Bin und Qiao noch einmal zum betörend schön gelegenen titelstiftenden Vulkan zurückkehren, dessen Asche das purste Weiß hervorbringt.

    Noch nie zuvor hat Jia Zhang-ke so viel Geld und materiellen Aufwand in einen Film gesteckt, was den für seine Verhältnisse pompösen Sets durchaus anzusehen ist. Arbeitete er zu Beginn seiner Karriere noch überwiegend mit Laiendarstellern und dem, was er vor Ort an Kulissen nutzen konnte, ist „Asche ist reines Weiß“ nun wohl Jias kommerziellster Film – inklusive einer kurzen, aber heftigen Martial-Arts-Einlage. Seinen gewohnt ruhigen erzählerischen Gestus behält der Regisseur allerdings auch hier bei und dabei entfaltet sich fast schon unterschwellig eine thematische und motivische Vielfalt, die den Film zu einem komplexen Zeugnis der rasanten und radikalen Veränderungen in China zwischen 2001 und 2018 macht.

    Wenn sich die Figuren plötzlich in einem halb fertiggebauten Stadion befinden, das vom Anstauen des Yangtse überrascht worden zu sein scheint, dann zeigt das ganz nebenbei die Probleme des galoppierenden Fortschritts auf. Kohleminen sterben und die Menschen müssen schauen, wo sie bleiben. Nicht jeder kommt mit dieser Geschwindigkeit mit. Zwar starrt man wie in jedem anderen zivilisierten Land auf das Smartphone und unterwirft sich den Gesetzen von Beschleunigung und Vernetzung, aber andererseits wird auch noch ganz ohne Retrokult und Nostalgie zu „YMCA“ von den Village People gefeiert: Dieses späte Echo westlicher Popkultur gehört eben auch zur chinesischen Gegenwart.

    Die Umwälzungen in der Gesellschaft im Laufe der Handlungszeit gehen mit einem radikalen Rollentausch der beiden Hauptfiguren einher. Schauspielerisch gehört „Asche ist reines Weiß“ Jia Zhang-kes herausragend aufspielender Ehefrau und Lieblingsmimin Zhao Tao („Mountains May Depart“, „Still Life“). Während sich ihre Qiao mit eisernem Willen nach der Haft ihren Platz im Leben und ihren geliebten Partner wiederholen möchte, ist Bin ein gebrochener Mann, der jegliches Selbstvertrauen eingebüßt hat. Qiaos melancholische Reise den Yangtse hinauf ist der Höhepunkt des Films, von ihr geht eine trotzige Energie aus, die einen emotional voll mitnimmt. Sie ist jetzt in die Welt des Jianghu eingetreten und ergaunert sich resolut mit kleinen Trickbetrügereien ihr Reisegeld. Dabei tritt Qiao so tough und bestimmt auf, wie es Bin nicht einmal in seiner Glanzzeit möglich war.

    Umso mehr schmerzt es, Bin in einem so bedauernswerten Zustand der Resignation zu sehen. Liao Fan („Feuerwerk am helllichten Tage“) dominiert den ersten Teil als charismatischer Gangster mit großem Herzen und spielt die Demontage eines stolzen Mannes anschließend überzeugend passiv. Wie er zaghaft versucht, auf die Beine zu kommen, aber keine Kraft mehr hat, zieht den Film dann im 2017/2018 spielenden dritten Teil emotional nach unten. Von Liebe und Hass ist nicht mehr viel übrig. Es bleibt nur noch Leere, die Qiao dennoch zu füllen versucht.

    Fazit: „Asche ist reines Weiß“ ist nicht der beste Film des chinesischen Meisterregisseurs Jia Zhang-ke, er hat weder die Wut und Wucht von „A Touch Of Sin“, noch die furiose Ambition von „Mountains May Depart“, aber diese berauschend-melancholische Mischung aus epischem Liebesdrama, Gangsterfilm und Gesellschaftsporträt ist trotz des etwas schwächeren Schlussteils unbedingt sehenswert.

    Wir haben „Asche ist reines Weiß“ bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 2018 gesehen, wo er im Wettbewerb um die Goldenen Palme gezeigt wurde.
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