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    The Forever Purge
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    The Forever Purge

    12 Stunden Hass sind nicht genug

    Von Christoph Petersen
    Der Horrorfilm ist traditionell schon immer das Genre, in dem aktuelle politische oder gesellschaftliche Strömungen als erstes aufgegriffen bzw. ausgebeutet werden. So erschien etwa George A. Romeros Zombie-Meisterwerk „Die Nacht der lebenden Toten“ bereits 1968 – und damit fast zehn Jahre, bevor die ersten „richtigen“ Filme über die Gräuel des Vietnamkriegs in die Kinos kamen. So wird es nun auch eher kürzer als länger dauern, bis sich die ersten Horrorfilme direkt auf die Geschehnisse vom 6. Januar 2021 beziehen, als das US-Kapitol von vorgeblichen Patrioten gestürmt und die US-Gesellschaft damit bis ins Mark erschüttert wurde.

    Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man glauben, dass „The Forever Purge“ nun der erste dieser Filme ist. Allerdings war der fünfte Teil der immens populären Reihe im Januar schon längst fertiggestellt – schließlich sollte er vor seiner pandemiebedingten Verschiebung bereits im Juli 2020 in den Kinos starten. Statt eines schnellen Reaktionsvermögens muss man Regisseur Everardo Valerio Gout und dem auch diesmal wieder für das Drehbuch verantwortlich zeichnenden „Purge“-Erfinder James DeMonaco deshalb eher hellseherische Fähigkeiten unterstellen: „The Forever Purge“ mag ursprünglich als dystopische Zukunftsvision gedacht gewesen sein, wirkt nun aber schon zum Kinostart schmerzhaft aktuell.

    Der Purge ist offiziell vorbei - aber die Gewalt geht einfach immer weiter...


    Nach vier Kinofilmen und zwei Staffeln einer TV-Serie muss man den Purge selbst wohl nicht mehr groß erklären: Einmal im Jahr stellt die US-Regierung alle Verbrechen inklusive Mord für zwölf Stunden straffrei – und während sich die Wohlhabenden bestmöglich verschanzen, werden die Armen den brandschatzend durch die Straßen ziehenden Horden zum Stillen ihrer Mordlust vorgeworfen. So auch diesmal: Während es sich Rancher Tucker (Will Patton) und sein latent rassistischer Sohn Dylan (Josh Lucas) in ihrem Hochsicherheits-Anwesen gutgehen lassen, müssen die erst vor sechs Monaten illegal aus Mexiko eingewanderte Köchin Adela (Ana de la Reguera) und ihr Cowboy-Ehemann Juan (Tenoch Huerta) eben sehen, wo sie bleiben.

    Als Kenner der Reihe malt man sich direkt aus, was wohl in dieser „Purge“-Nacht alles passieren wird: Hat es Dylan auf Juan abgesehen, der ihn am Tag zuvor beim Pferdeeinreiten bloßgestellt hat? Oder will er gar seinen eigenen, deutlich liberaler eingestellten Vater ausschalten, um endlich selbst die Ranch zu übernehmen? Aber dann dauert der Purge im Film nur wenige ereignisarme Minuten – die Tore öffnen sich, die Sonne strahlt. Alles scheint vergleichsweise glimpflich abgelaufen zu sein – bis plötzlich im ganzen Land die Gewalt eruptiert: Eine organisierte Gruppe von weißen Nationalisten ruft den Forever Purge zur endgültigen Reinigung der USA aus…

    Der totale Kontrollverlust


    Bisher richteten sich die „Purge“-Filme als fratzenhaft-verzerrte Satire vor allem gegen einen totalitären Staat, der seinem Volk eine pervertierte Version des römischen Mottos „Brot und Spiele“ bietet, um es auf diese Weise für den Rest des Jahres ruhig zu stellen. Aber so leicht lässt sich der einmal geschürte Hass eben weder lenken noch einschränken – das ist nicht nur am 6. Januar 2021 schmerzhaft deutlich geworden. Und so spielt die Purge-Partei NFFA in „The Forever Purge“ auch nur noch eine Mini-Nebenrolle – und muss trotz Befehlsgewalt über die US-Armee relativ hilflos mit ansehen, wie das selbstgeschaffene nationalistische Geschwür das ganze Land in Schutt und Asche legt.

    All das wird in der üblichen „Purge“-Manier ohne jeden Anflug von Subtilität präsentiert. Allerdings nimmt das der überhöhten Endzeitvision mit Killern in plüschigen Häschen-Kostümen, die ihre Opfer mit Schlachterbeilen und Bolzenschussgeräten malträtieren, kaum etwas von ihrem Schrecken – dafür ist das alles viel zu nah an der Realität. Zugleich bleibt „The Forever Purge“ aber auch an der Oberfläche haften – einmal hört man zwar im TV, dass sich die sogenannten Forever Purger irgendwie abgestimmt haben müssen, aber an komplexere Fragen wie die Radikalisierung der Mitte oder den Einfluss Sozialer Medien wagt sich der Film nicht heran.

    Der Purge-Plüschhase - nur echt Kettenschürze und Schlachterbeil...


    Die mordenden Horden bestehen aus offensichtlich psychopathischen Wahnsinnigen und aus Neonazis, die per Hakenkreuz-Tattoo auch sofort als solche zu identifizieren sind – dabei weiß man doch, dass es vor allem dann gefährlich wird, wenn plötzlich auch der immer nett grüßende Nachbar in Reih und Glied mitmarschiert. Da macht es sich „The Forever Purge“ in seinem Feindbild dann doch etwas einfach. Ähnliches gilt leider auch für die Horrorelemente: Gerade in der ersten Hälfte gibt es einige Jump Scares, die extrem selbstzweckhaft anmuten. So verschwindet etwa der kleine Junge, der die mexikanischen Einwander*innen durch ein verwinkeltes Tunnelsystem unter der Grenzmauer hindurchführt, nur um dann nach der nächsten Abbiegung mit einem angestrengt-konstruierten Schockeffekt wieder aufzutauchen.

    Aber die „Purge“-Reihe hat sich schließlich eh schon längst vom Grusel-Horror zu einer „Die Klapperschlange“-auf-Speed-Endzeit-Action-Reihe weiterentwickelt – und auf dieser Ebene entpuppt sich „The Forever Purge“ vor allem mit seinen „Call Of Duty“-artigen Straßenschlacht-Szenen im finalen Drittel als zwar solide inszenierter, wenn auch wenig überraschender Genre-Vertreter. Die holzschnittartigen Figuren profitieren hingegen sehr davon, dass die namhaften Produzenten Jason Blum und Michael Bay einen erstaunlich starken Cast zusammengetrommelt haben (immerhin handelt es sich hier um den fünften Teil einer Horrorreihe, da ist das keine Selbstverständlichkeit). Vor allem „Narcos“-Star Ana de la Reguera liefert hier nach „Army Of The Dead“ die zweite glaubhafte Badass-Performance innerhalb weniger Monate ab.

    Fazit: Thematisch entwickelt sich die „The Purge“-Reihe im fünften Teil erschreckend stimmig weiter – was Horror und Action angeht, gibt’s hingegen nur den üblichen Standard ohne große Überraschungen.

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