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    The Witch Next Door
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    The Witch Next Door

    Hitchcock mit Hexe

    Von Christoph Petersen

    Der Traum vom Kassen-Rekord ist inzwischen leider wieder geplatzt: Während der Kinoschließung in den USA wurde von vielen Medien (auch von uns) berichtet, dass es „The Witch Next Door“ dank seiner Erfolge in den Autokinos fünf Wochen in Folge auf Platz 1 der Box Office Charts geschafft hat: Das ist in den 23 Jahren zuvor nur „Titanic“, „The Sixth Sense“, „Avatar“ und „Black Panther“ gelungen. Keine schlechte Gesellschaft für einen Indie-Horrorfilm, dessen ansonsten auf Arthouse-Stoffe spezialisierter US-Verleih IFC die Gunst der Stunde für sich zu nutzen wusste.

    Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass „The Witch Next Door“ in keiner Woche tatsächlich an der Spitze der Charts stand. Stattdessen geht diese Ehre rückwirkend an „Trolls 2: Trolls World Tour“, dessen Studio Universal Pictures zu Beginn der Pandemie mit anderen Dingen zu tun hatte, als rechtzeitig die wöchentlichen Box-Office-Ergebnisse zu übermitteln. Aber wie dem auch sei: Selbst wenn er nun nicht in die Geschichtsbücher eingeht, erweist sich „The Witch Next Door“ von den Pierce Brothers („Deadheads“) als launige Horror-Hommage, die neben Alfred Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ noch eine ganze Reihe weiterer Genre-Klassiker in einen Kessel wirft und zu einem schmackhaft-fiesen Hexen-Schocker verrührt.

    Noch ist die Freude groß, dass ihnen das Abendessen versehentlich vor den Kühlergrill gesprungen ist - aber da krabbelt gleich noch etwas sehr Unschönes heraus...

    Nachdem er sich bei dem Versuch, Schmerztabletten aus dem Haus der Nachbarn zu stehlen, den Arm gebrochen hat, wird Teenager Ben (John-Paul Howard) als Therapiemaßnahme zu seinem Vater Liam (Jamison Jones) geschickt, der in einem verschlafenen Urlaubsstädtchen einen Bootsverleih betreibt. Aber zum Langweilen bleibt dennoch keine Zeit, denn mit der Familie im Haus gegenüber geschehen merkwürdige Dinge:

    Erst benimmt sich die Mutter Abbie (Zarah Mahler) zunehmend merkwürdig – und dann behaupten die Eltern plötzlich, dass sie gar keinen Sohn haben, obwohl Ben dem siebenjährigen Dillon (Blane Crockarell) doch erst gestern noch Segelunterricht gegeben hat. Das Problem ist nur: Einem Teenager mit Schmerzmittel-Problemen glaubt natürlich niemand, wenn er plötzliche solche fantastischen Geschichten erzählt – also nimmt Ben gemeinsam mit seiner Bootverleih-Bekanntschaft Mallory (Piper Curda) die Ermittlungen kurzerhand selbst in die Hand…

    Ob Arm oder Bein, Hauptsache gebrochen

    Statt wie James Stewart mit einem Gipsbein an den Rollstuhl gefesselt zu sein, kann sich Ben mit seinem Gipsarm noch weitestgehend frei bewegen. Aber im Gegensatz zu „Disturbia“ mit Shia LaBeouf ist „The Witch Next Door“ eben längst nicht nur eine Hommage an den Alfred-Hitchcock-Klassiker „Das Fenster zum Hof“. Stattdessen greifen die offensichtlich genrefilmbegeisterten Brüder Brett und Drew T. Pierce etliche Vorbilder von „Die Goonies“ über „Die Dämonischen“ bis hin zu „Alien“ für ihren Hexen-Horror auf, wobei sich „The Witch Next Door“ trotz der vielen wiedererkennbaren Versatzstücke und einer gewissen Achtziger-Atmosphäre erstaunlich frisch und nie forciert „meta“ anfühlt.

    Der Hauptdarsteller John-Paul Howard („Hell Or High Water“) ist dabei nicht nur kein James Stewart – er wirkt auch trotz solider Leistung eher wie ein Disney-Channel-Milchbubi statt wie ein rebellischer Teenager, der für die nächste Schmerzmittel-Dosis mal kurz bei den Nachbarn einsteigt. Umso gelungener ist dafür das Design der Hexe, die schon bei ihrem ersten Auftritt aus den Eingeweiden eines Hirsches herauskrabbelt – noch mehr als die Make-up-Effekte begeistert dabei das saftig-schmatzende Sounddesign mitsamt den gänsehauterregend-knackenden Knochen.

    Kein schlechter Schauspieler, aber auch kein James Dean: John-Paul Howard nimmt man den Schrecken, aber nicht die Schmerzmittel-Sucht ab.

    Die Vielzahl der Vorbilder hat zur Folge, dass „The Witch Next Door“ nacheinander verschiedene Subgenres abhandelt: Ein wenig Paranoia-Thriller, ein wenig Körperfresser-Horror dann wieder die genretypischen Jump Scares – und das in angenehm knackigen 95 Minuten. Keiner dieser Abschnitte setzt in irgendeiner Form neuer Maßstäbe – aber sie alle haben ein solches Tempo und eine solch erfreuliche Geradlinigkeit, dass man nie auch nur in die Nähe kommt, sich zu langweilen.

    Selbst die Wendung im Finale, die einen zentralen Teil des Plots im Nachhinein noch einmal aus einer neuen Perspektive beleuchtet, wird trotz erklärender Rückblenden-Collage nicht großartig zelebriert. Da ist es dann völlig schnuppe, dass das jetzt nicht der beste Twist aller Zeiten ist – dafür wird er schön kurz und knackig in genau der angemessenen Länge präsentiert. Wie eigentlich auch der ganze restliche Film - einfach gute Genreunterhaltung.

    Fazit: Auch ohne Box-Office-Rekord ein absolut sehenswerter Hexen-Horror, der zugleich als Hommage an „Das Fenster zum Hof“ und das Genre-Kino überhaupt fungiert.

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