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    Der Mauretanier
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Der Mauretanier

    Ein gewaltiges Unrecht

    Von Oliver Kube
    Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 errichtete die US-Regierung unter George W. Bush CIA-Gefangenenlager für Terror-Verdächtige auf Militärbasen außerhalb der USA. Man meinte offenbar, sich so nicht an geltendes Recht halten zu müssen – Foltermethoden waren plötzlich erlaubt, Insassen konnten ohne Anklage auf unbestimmte Zeit festgehalten werden. Allein in Guantanamo Bay auf Kuba wurden seit Januar 2002 hunderte Menschen aus aller Welt oft über Jahre hinweg festgehalten und verhört. Zu Verurteilungen kam jedoch nur in acht Fällen, von denen drei anschließend wieder aufgehoben wurden. Den fünf rechtskräftig Verurteilten stehen neun Gefangene gegenüber, die während ihres erzwungenen Aufenthaltes auf dem Marinestützpunkt ums Leben gekommen sind.

    Bis heute werden immer noch 40 Menschen in Guantanamo Bay festgehalten. US-Präsident Joe Biden hat zwar angekündigt, den Stützpunkt endgültig zu schließen – aber das hatte sein Vor-Vorgänger Barack Obama bei seinem Amtsantritt im Jahr 2009 auch schon versprochen… Das starbesetzte Justizdrama „Der Mauretanier – (K)Eine Frage der Gerechtigkeit“ erzählt nun die wahre Geschichte eines der 779 Insassen: Mohamedou Ould Slahi hat über seine 14-jährige Tortur im US-Gewahrsam den erschütternden Sachbuch-Bestseller „Das Guantanamo-Tagebuch“ verfasst, den „Der letzte König von Schottland“-Regisseur Kevin Macdonald nun für die Leinwand umgesetzt – und dabei eine ganze Menge richtig gemacht – hat.

    In den Gerichtsszenen dominieren nicht die geschickten Winkelzüge - sondern die schockierende Art, mit der die US-Regierung auf ihr eigenes Recht pfeift...


    Unter Mithilfe lokaler Polizeibehörden verschleppt die CIA im November 2001 den mauretanischen Staatsbürger Mohamedou Ould Slahi (Tahar Rahim) aus seinem Heimatland. Auf Umwegen über andere Staaten und ohne dass jemals eine formelle Anklage gegen ihn erhoben wird, landet er schließlich im US-Internierungslager Guantanamo Bay auf Kuba. Dort versuchen die Agent*innen und Soldat*innen mit allen möglichen (Folter-)Methoden ein Geständnis aus ihm herauszupressen. Er soll zugeben, dass er als Rekrutierer für die Terror-Organisation Al-Qaida tätig war und als solcher direkt mit den Drahtziehern der Anschläge kooperiert habe.

    In Washington wird derweil unter der Leitung von Militär-Ankläger Stuart Couch (Benedict Cumberbatch) ein Verfahren gegen Slahi vorbereitet, das möglichst mit seiner Hinrichtung enden soll. Über einen französischen Kollegen (Denis Ménochet) erfährt die engagierte Anwältin und Strafverteidigerin Nancy Hollander (Jodie Foster) von dem Fall. Zusammen mit ihrer Assistentin Teri Duncan (Shailene Woodley) nimmt sie sich der Sache an und reist nach Kuba. Im Gespräch mit ihrem neuen Klienten wird schnell klar, dass der nicht nur schwer gefoltert, misshandelt und bedroht wurde, sondern es zudem eine regelrechte Verschwörung innerhalb der mit der Aufklärung von 9/11 beauftragten US-Regierungs-Behörden geben muss…

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    Über zwei Stunden hinweg wechselt „Der Mauretanier“ immer wieder zwischen klassischem Justiz-Drama und verstörendem Folterknast-Survival. So geht hier und da zwar ein wenig der Fokus verloren – aber diese Aufsplittung der Ereignisse macht die Story für das Kinopublikum im ersten Fall weniger trocken und im zweiten überhaupt erst erträglich. Im thematisch verwandten „The Report“ wälzt die von Adam Driver verkörperte Hauptfigur über Jahre hinweg geschwärzte Akten in einem Keller – und es reicht, sein Gesicht zu sehen, um zu erkennen, wie grausam das alles sein muss, was er dort zu lesen bekommt.

    In „Der Mauretanier“ gibt es ähnlich clever inszenierte Aktenwälz-Szenen. Aber wo der Protagonist in „The Report“ völlig unvorbereitet auf die Gräueltaten der Regierung stößt, scheint die von Jodie Foster (für diese Rolle mit einem Golden Globe prämiert) gespielte Staranwältin es zumindest geahnt zu haben: Bei Hollander überwiegt daher auch nicht die schockierte Verwirrung, sondern eher Trauer und die unbedingte Entschlossenheit, Slahi aus in den Akten schwarz auf weiß festgehaltenen Hölle herausholen zu wollen. Ganz egal, welchen Preis in Form von öffentlichen Anfeindungen und professionellen Nachteilen sie dafür auch zahlen muss. Jodie Foster („Das Schweigen der Lämmer“) spielt diese Szenen wortlos und nahezu gestenfrei; nur mit Blicken und Mimik, die brillant subtil und doch mitreißend sind. Sie allein sind den Kauf von Kinoticket oder Blu-ray wert.

    Die einzelnen "Außengehege" in Guantanamo Bay sind mit grünen Planen abgehängt, damit die Gefangenen sich nicht sehen können.


    Auch Benedict Cumberbatch („Doctor Strange“) macht seine Sache gut, hat jedoch lange Zeit den etwas undankbaren Part des Vertreters der offensichtlich moralisch auf der falschen Seite stehenden Partei. In der zweiten Hälfte des Films macht der von ihm zunächst unerbittlich und treu gegenüber seiner Aufgabe verkörperte Ankläger allerdings eine Wandlung durch, die Zyniker zu der Annahme verleiten könnte, dass der streng nach christlichen Regeln lebende Familienvater und Vorzeigepatriot aus reinem Marketing-Kalkül eingebaut wurde. Vielleicht um den einen oder anderen eher konservativ orientierten Kinogänger in seiner Ansicht zu bestätigen, dass es damals eben nicht nur Bushs, Cheneys und Rumsfelds, sondern auch integre Menschen in der US-Regierung gab? Dieser Lt. Colonel Stuart Couch existiert allerdings wirklich und musste zum Glück nicht extra erfunden werden.

    Die Darstellung der nichts beschönigenden und dennoch nicht in Richtung Horror-Schocker abgleitenden Folter- und Verhör-Sequenzen ist angemessen verstörend, selbst wenn etwa „Zero Dark Thirty“ in dieser Hinsicht noch eine Ecke heftiger war. So dauert es unter Umständen auch eine Weile, bis man als Zuschauer*in realisiert, dass Kevin Macdonald und sein deutscher Chef-Kameramann Alwin H. Küchler („Wer ist Hanna?“) das Seitenverhältnis der Bilder laufend wechseln: Das 2.39:1-Widescreen-Format wechselt immer dann in ein enges 1.33:1, wenn wir den hilflosen Slahi in seiner Zelle, in einem Außengehege mit Sichtschutz-Planen oder während der immer unmenschlicher werdenden Vernehmungen gezeigt bekommen. Ein simpler, aber klug eingesetzter Kniff, der dem Publikum ein Gefühl von Bedrängung vermittelt und ihm zudem dabei hilft, die Übersicht zwischen den verschiedenen Zeitebenen zu bewahren.

    Zwei herausragende Stars in den Hauptrollen


    Neben Foster glänzt vor allem Tahar Rahim – speziell Slahis finalen Statements per Videoschalte vor einem amerikanischen Gericht werden von dem „Ein Prophet“-Star immens emotional und durchgehend authentisch dargestellt. Diese Sequenz wird ganz sicher für etliche Tränen im Kinosaal sorgen. Noch berührender sind nur die Aufnahmen des realen Slahi, die während des Abspanns zu sehen sind.

    Denn der zeigt sich – trotz all der Jahre, die ihm gestohlen wurden, und der physischen wie psychischen Qualen, die er durchleben musste – als ein sanfter, warmherziger und sogar erstaunlich freudvoller, witziger Mensch, dem es offenbar gelungen ist, Frieden zu finden, indem er seinen Peinigern vergeben hat. Eine Fortsetzung über sein Zurückfinden ins Leben nach 14 Jahren unrechtmäßiger Inhaftierung in Guantanamo Bay wäre sicherlich ebenso spannend wie es auch dieser Film geworden ist.

    Fazit: Ein kraftvolles, klug aufgebautes, emotional aufrüttelndes Drama über eine der größten Ungerechtigkeiten unserer Zeit, aus dem vor allem Tahar Rahim und Jodie Foster mit ihren so gegensätzlichen Schauspielansätzen herausragen.



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