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    Roald Dahls Matilda – Das Musical
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Roald Dahls Matilda – Das Musical

    Auch auf Netflix ist der Musical-Hit ein überdrehter Spaß!

    Von Sidney Schering

    Roald Dahls Kinderbuch „Matilda“ über eine junge Rebellin mit telekinetischen Kräften ist in englischsprachigen Ländern Kulturgut. Derart populär ist es hierzulande nicht, dafür hinterließ der gleichnamige Film von 1996 seine Spuren: Er riss in den deutschen Kinos zwar keine Bäume aus, im TV und Heimkino wurde er jedoch zum Kult. 2010 wurde der Stoff erneut adaptiert – als Bühnenmusical, welches das Publikum begeisterte.

    Das Stück stellte mit sieben Auszeichnungen sogar einen Rekord beim bedeutendsten Preis der Londoner Theaterszene, den Olivier Awards, auf. Die Verfilmung des Musicals sorgte direkt zum Start für den nächsten Erfolg: In Großbritannien wurden am Eröffnungswochenende über die Hälfte aller verkauften Kinotickets für den Film „Roald Dahls Matilda – Das Musical“ gelöst. Bei uns landete die Regiearbeit von Matthew Warchus dagegen am ersten Weihnachtstag direkt bei Netflix. Und dort wird dieses Geschenk ganz sicher keine Revolte gegen den Streamer auslösen...

    Eine Schüler*innen-Revolte mit ganz viel Musik!

    Leseratte Matilda Wurmwald (Alisha Weir) ist scharfsinnig und verfügt über eine lebhafte Fantasie. Jedoch ziehen ihr Vater (Stephen Graham) und ihre Mutter (Andrea Riseborough) Trash-TV den elterlichen Pflichten vor. Als Matilda die Lehrerin Miss Honig (Lashana Lynch) kennenlernt, eröffnet sich ihr aber eine neue Welt. Sie erkennt, dass es mehr im Leben gibt als Rache an ihren lieblosen Eltern. Matildas Glück wird allerdings durch die sadistische Schulleiterin Knüppelkuh (Emma Thompson) bedroht. Doch Matilda begehrt auf: Inspiriert durch Bibliothekarin Mrs. Phelps (Sindhu Vee) sucht sie nach Gleichgesinnten, die bereit sind, für Freude, Freiheit und Gerechtigkeit zu kämpfen...

    Bereits die gefeierte Bühnenfassung des „Matilda“-Musicals wurde von Matthew Warchus inszeniert. Obwohl er sich vornehmlich als Theaterregisseur betätigt, hat er auch Filmerfahrung. So inszenierte er die gleichermaßen lustige wie berührende Dramödie „Pride“ über LGBTQ+-Aktivist*innen, die Spenden für Bergarbeiterfamilien sammeln und sich für die Rechte der Bergleute einsetzen. Daher lag es nahe, Warchus die Netflix-Filmadaption seines Theaterstücks zu überlassen. Auf dem Papier verspricht die Personalie immerhin, dass der lebhafte Geist der Bühnenfassung bewahrt wird und Warchus gleichzeitig die Möglichkeiten des Mediums nutzt. Und diese Personalie erweist sich als Glücksfall. Denn der Regisseur erfüllt diese Hoffnungen, selbst wenn sein Auge für Digitaltricks noch geschärft werden könnte.

    Richtig schön überdreht

    Die kunterbunte Filmwelt von „Roald Dahls Matilda – Das Musical“ besteht aus theatral überspitzten Schauplätzen, die mit filmreifer Grandeur ausgestaltet sind. Sei es eine sonnengelbe Geburtsstation, in der frohe Reigen getanzt werden, oder Matildas Fantasien eines pompösen Zirkus, der an die Exzentrik eines Tim Burton erinnert. Auch freudlose Orte sind voller kreativer Details: Das mit sich beißenden Mustern übersäte Wurmwald-Anwesen ist auf abartig-unterhaltsame Weise geschmacklos, Matildas überdimensionale Schule ein hässlicher Hort, der aus allen Winkeln „Unterdrückung“ schreit.

    Die Erwachsenenfiguren sind genauso knallig wie die Welt, die sie bevölkern. Thompson kostet als bullige Karikatur jede Silbe ihrer herablassenden, gehässigen Zeilen aus, Graham und Riseborough suhlen sich in der Oberflächlichkeit und Stumpfheit eines neureichen White-Trash-Pärchens. Vee und Lynch ergänzen sich derweil sympathisch, indem sie unterschiedliche Facetten inspirierender Mentorinnen verkörpern – anspornend-mahnend und scheu-herzlich.

    Emma Thompson hat richtig Spaß.

    Es ist aber die junge Hauptfigur, die in diesem Skript von Dennis Kelly („Black Sea“) Bandbreite zeigen darf. Die aus dem irischen Horrorfilm „Don't Leave Home“ bekannte Alisha Weir glänzt in der Rolle: Sie spielt die aufgeweckte Matilda mit beeindruckender Vitalität, goldiger Empathie und einer wohlverdienten Impertinenz, ohne je affektiert zu wirken. Stattdessen schmettert sie die beschwingten, raffinierten Songs aus der Feder des britisch-australischen Komikers Tim Minchin mit quirliger Leichtigkeit.

    Auch der Rest des Kinderensembles überzeugt in den peppig inszenierten Musikeinlagen, von denen gegenüber der Bühnenfassung ein paar der Schere zum Opfer fielen. Damit sollte zwar der Erzählfluss gestrafft werden, dennoch entstehen in „Roald Dahls Matilda – Das Musical“ kleinere Längen, bevor Matilda ihre Kräfte entdeckt. Sobald aber die Revolte gegen Knüppelkuh ihren Anfang nimmt, haucht Warchus der schrill-grotesken Dahl-Welt den beflügelnd-harmonischen Vibe ein, den er schon in „Pride“ demonstrierte.

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