Die Verfilmung eines absoluten Videospiel-Meilensteins
Von Markus TruttAls Anfang der 2000er-Jahre Pläne laut wurden, die legendäre Survival-Horror-Reihe „Silent Hill“ zu verfilmen, dauerte es nicht lange, bis Regisseur Christophe Gans („Der Pakt der Wölfe“) und der oscarprämierte Drehbuchautor Roger Avary („Pulp Fiction“) Morddrohungen von fehlgeleiteten Fans der Videospiel-Vorlage bekamen – man solle ja die Finger von der ikonischen Marke lassen! Doch das Ergebnis konnte viele Zweifler und Zweiflerinnen letztlich umstimmen. Das Presseecho fiel zwar gemischt aus, den Vibe des interaktiven Pendants konnte Gans mit seinen dem Vorbild entlehnten Kamerafahrten und -perspektiven, Musik von Original-Komponist Akira Yamaoka und einer kompromisslosen Härte jedoch virtuos einfangen.
Nachdem verkündet wurde, dass Christophe Gans knapp 20 Jahre später mit einem neuen Film ins nebelverhangene Silent Hill zurückkehren (und damit hoffentlich die ohne ihn entstandene miserable Fortsetzung „Silent Hill: Revelation“ vergessen machen) würde, war die Stimmung folglich eine ganz andere. Und tatsächlich bringt der „Crying Freeman“-Macher viele Stärken seiner ersten „Silent Hill“-Adaption nun auch im passend betitelten „Return To Silent Hill“ wieder mit in die titelgebende albtraumhafte Kleinstadt. Von der emotionalen Wucht, die in der starken Geschichte schlummert, hat es indes nur ein Bruchteil auf die Leinwand geschafft.
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Noch immer macht dem Maler James Sunderland (Jeremy Irvine) der Tod seiner großen Liebe Mary (Hannah Emily Anderson) in Folge einer rätselhaften Erkrankung schwer zu schaffen. Umso erstaunter ist er, als er eines Tages einen kryptischen Brief erhält. Angeblich stammt dieser nämlich von niemand Geringerem als seiner verstorbenen Frau, die ihn darin anfleht, in das Städtchen Silent Hill zurückzukehren, in dem sich die beiden einst ineinander verliebt haben.
Sich an die verzweifelte Hoffnung klammernd, dass Mary auf wundersame Weise doch noch am Leben sein könnte, begibt sich James an den entlegenen Ort – den er jedoch kaum noch wiedererkennt. Ein seltsamer Nebel hüllt die gesamte Region ein, Asche regnet vom Himmel und die Straßen sind wie leergefegt. Doch dabei bleibt es nicht: Kurz nach seiner Ankunft lauern James seltsam missgestaltete Kreaturen auf, die ihm an den Kragen wollen. Ganz zu schweigen davon, dass er schon bald in eine noch finsterere Version der Stadt abtaucht, aus der es endgültig kein Entrinnen mehr zu geben scheint. Ist Mary womöglich wirklich an diesem höllischen Ort gefangen? Und wenn ja, kann er sie noch rechtzeitig finden und befreien?
Schon als er sich erstmals an einer „Silent Hill“-Adaption versuchte, hatte Christophe Gans eigentlich geplant, „Silent Hill 2“ zu adaptieren, das dank seiner meisterlichen und vom Rest der Reihe losgelösten psychologischen Horror-Story weithin nicht nur als beliebtester Teil des Franchises gilt, sondern auch als eines der besten Videospiele aller Zeiten. Doch trotz eines passionierten 37-minütigen Videos, in dem Gans den Entscheidungsträgern bei der Gaming-Firma Konami seine Vision präsentierte, wurde daraus nichts. Stattdessen entschied man sich für einen möglichen Franchise-Start erst mal für eine (lose) Verfilmung des ersten Serien-Teils.
Zwei Jahrzehnte später kann sich Gans jetzt aber doch noch seinen Traum erfüllen – und seine Liebe für den Stoff quillt zweifellos an allen Ecken und Enden aus „Return To Silent Hill“. Wie schon 2006 beweist Gans erneut ein wunderbares Gespür dafür, den unwirklichen Schauplatz im Zentrum des Geschehens zu schaurig-schönem Leben zu erwecken. Seine Bildsprache fällt dabei weniger expressiv aus als in seinen opulenteren Werken wie „Der Pakt der Wölfe“ oder „Die Schöne und das Biest“, bleibt aber wirkungsvoll. Behilflich sind ihm dabei einmal mehr die im Kontrast mit den gezeigten Schrecken erst recht effektiv-gediegene Kameraarbeit, die (un)wohlig-vertrauten Klänge von Akira Yamaoka und die Liebe zum Detail – von Szenen, die fast 1 zu 1 aus den Spielen übernommen wurden über das vor Gefahren warnende statische Rauschen aus James‘ Radio bis hin zum Monsterdesign selbst.
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Gerade wenn sich Gans auf praktische Effektarbeit verlässt, sind die obskuren Wesen, die Silent Hill bevölkern und James‘ entrückten Trip in die Tiefen seiner eigenen Psyche säumen, bisweilen ähnlich bedrohlich wie ihre virtuellen Ebenbilder. Vor allem eine berüchtigte Spielekreatur gegen Ende des Films, die auf ziemlich verstörende Weise eines der vielen Traumata symbolisiert, mit denen die Hauptfiguren zu kämpfen haben, ist ein echtes Highlight handgemachter Filmkunst – obgleich hier eher Ekel als Grusel im Vordergrund steht.
Risse bekommt das Schauerstück aber immer dann, wenn allzu deutlich CGI zum Einsatz kommt. Nicht nur lässt die Qualität der Computerbilder angesichts des überschaubaren Budgets zu wünschen übrig („Return To Silent Hill“ soll weniger als die Hälfte des 50 Millionen Dollar schweren „Silent Hill“ gekostet haben, weswegen übrigens wohl auch kein Geld mehr für anständige Perücken und falsche Bärte übrig war). Auch bekommt der Horror hier direkt eine andere Farbe. Unheimliches Unbehagen weicht (allzu) lautem Spektakel. Generell verabschiedet sich Gans zu häufig von einer subtilen Auseinandersetzung mit den furchterregenden Auswüchsen von Verlustbewältigung, Schuld und Missbrauch und buchstabiert am Ende dann doch (fast) alles überdeutlich aus.
Symptomatisch dafür sind auch die immer wieder eingestreuten Schnipsel von James' und Marys gemeinsamer Zeit, die zwar schön assoziativ mit dem sonstigen Geschehen verwoben werden, es aber nichtsdestotrotz eher ausbremsen, als dass sie es bereichern. Zumal die bemühte stringentere Erzählung sich hier mit der erratischen Struktur der Haupthandlung beißt, die passend zur eingenommenen Perspektive eher einer Albtraumlogik folgt.
„Return To Silent Hill“ versucht uns die Beziehung von James und Mary wiederholt als die große Liebe zu verkaufen, die hier überhaupt alles in Gang setzt. Doch nachdem schon die krampfige erste Begegnung der beiden zu Beginn des Films jegliche Chemie vermissen lässt, wollen auch bei der über angestaubte Romantik-Floskeln nicht hinausgehenden Annäherung im weiteren Verlauf die Funken nicht fliegen. Das Fundament von James‘ Leidensweg bleibt damit bloße Behauptung und steht so auf mehr als wackeligen Beinen, was den Zugang ungemein erschwert.
Fazit: Trotz einiger Abweichungen ist „Return To Silent Hill“ unterm Strich eine recht werkgetreue Adaption des Videospiel-Meilensteins „Silent Hill 2“ geworden, die dessen Klasse und Tiefe aber trotzdem niemals erreicht. Die Atmosphäre und der surreale Mindfuck-Ansatz der Story stimmen. Die schleppend erzählte und kaum greifbare Liebesgeschichte, die eigentlich alles zusammenhalten soll, entpuppt sich allerdings als ziemliche Nullnummer.