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    Family Dinner
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Family Dinner

    An Guaden!

    Von Christoph Petersen
    In der österreichischen Seele brodelt etwas Abgründiges – vor allem Richtung Wien: Je weiter weg von den touristischen Gute-Laune-Hochburgen im Westen, desto voller Gewalt drängt es an die Oberfläche. Die Folge ist eine düster-verstörende, meist mit dunkelschwarzem Schmäh-Humor gewürzte Sensibilität, die andere Kino-Nationen so einfach nicht kopiert bekommen: Dem kürzlich bei Amazon Prime Video erschienenen „Ich seh, Ich seh“-Remake „Goodnight Mommy“ mit Naomi Watts fehlen die alpenrepublikanischen Widerhaken – und selbst wenn Michael Haneke seinen Austrian-New-Wave-Klassiker „Funny Games“ höchstpersönlich in den USA neu auflegt, tut der im Original kaum auszuhaltende sadistisch-satirische Biss unter der Sonne Long Islands gleich deutlich weniger weh.

    Family Dinner“ von Peter Hengl, der nach zwei umgesetzten Spielfilm-Drehbüchern („Curling für Eisenstadt“, „Man kann nicht alles haben“) nun seinen Einstand als Langfilm-Regisseur gibt, ist hingegen ein waschechtes Wienerisches Original (selbst wenn es eine längere Autofahrt von Wien entfernt auf dem Land spielt). Auf so engem Raum prallen hier die Figuren aufeinander, dass man selbst beim Zuschauen klaustrophobische Zustände bekommt. Zumal sich vieles – zumindest für die Bundesdeutschen unter uns – irgendwie „off“ anfühlt, was das aufkommende Unwohlsein selbst angesichts der grandios-lecker aussehenden Gerichte bei diesem ganz besonderen Familienessen nur noch weiter befeuert.

    Das Mahl ist angerichtet: Selbst wenn die Erwachsenen "aus Fastengründen" nicht mitessen…


    Simi (Nina Katlein) will vor Ostern ein paar Tage bei ihrer Tante Claudia (Pia Hierzegger) in ihrem renovierten Bauernhaus verbringen. Allerdings nicht ohne Hintergedanken: Die Schülerin ist nämlich stark übergewichtig – und Claudia hat gleich mehrere Ernährungs-Bestseller geschrieben, weshalb sich die Teenagerin ein paar Tipps zum Abnehmen erhofft. Allerdings macht ihr Claudia da direkt einen Strich durch die Rechnung, wenn sie direkt bei der Begrüßung anmerkt, dass ihre Nichte ja wohl hoffentlich nicht wegen einer Diätberatung gekommen sei …

    … denn dazu hätte sie nun so wenige Tage vor Ostern ohnehin keine Zeit, denn am Sonntag stehe ein großes Event an, weshalb Simmi besser auch schon am Karfreitag wieder abreisen solle. Und so gestalten sich die nächsten Tage zunehmend merkwürdig – denn während Claudias Ehemann Stefan (Michael Pink) jagen geht und Simmi unangemessene Komplimente macht, beleidigt der etwa gleichaltriger Sohn Filipp (Alexander Sladek) seine Cousine die ganze Zeit nur. Zumindest bis er ihr seine Vermutung enthüllt, dass seine Eltern ihm in den kommenden Tagen etwas antun wollen…

    Wie ein Frosch im Wasserkocher


    Das ehemalige Bauernhaus sieht aus, als hätte es die Filmcrew halt irgendwo gefunden. Aber das stimmt so nicht – denn die Mauern um den Innenhof zwischen Wohnhaus und Arbeitsschuppen wurden extra für den Dreh hinzugefügt, um so das omnipräsente Gefühl des Eingeschlossenseins noch weiter zu verstärken. Und der Aufwand hat sich gelohnt: Die zubereiteten Gerichte sehen zwar fantastisch lecker aus – und doch entwickelt sich angesichts der gesammelten Eigenheiten schnell ein gewisser Fluchtinstinkt - bei Simmi wie beim Publikum. So nehmen Claudia und Stefan etwa wegen des vorösterlichen Fastens selbst keinen Bissen zu sich …

    … und auch der Umgang mit dem fast volljährigen Filipp ist sicherlich alles andere als normal, wenn seine Mutter ihm etwa das Fleisch klein schneidet, als wäre er noch im Kindergarten. Peter Hengl zieht die Spleen-Schraube dabei mit großer Präzision und Behutsamkeit immer weiter an – so dass man sich trotz der zunehmenden Warnzeichen gut vorstellen kann, warum Simmi weiter dableibt - wie ein Frosch im langsam erhitzten Wasserbad. Als Zuschauer*in fühlt man sich da bald an die moderne Version eines Grimm’schen Märchens erinnert – aber wirklich sicher sein kann man sich nicht, dafür sind Erzählung und Inszenierung dann doch zu subtil und schräg.

    Clash Of Styles


    Nina Katlein ist eine echte Entdeckung – nicht nur bringt sie eine große Natürlichkeit in die Rolle, sie spielt auch nie das simple eingeschüchterte Opfer. Stattdessen überwindet sich Simmi trotz spürbarem Unwohlsein immer wieder dazu, kritische Nachfragen zu stellen, was dem Part nicht nur eine ganz andere Komplexität, sondern auch eine spannungssteigernde (und zum Ende hin die moralische Ambiguität befeuernde) Agency verleiht. Dabei clasht ihr authentischer Stil durchaus mit den theatralischeren, präzise überhöhten Performances von Michael Pink („Das schaurige Haus“) und der gewohnt großartigen Pia Herzegger („Contact High“). Selten hat das Aufeinanderprallen verschiedener Schauspielstile so gut gepasst wie zu dieser Familien-Reunion der ganz besonderen (und besonders fiesen) Art…

    Fazit: So mögen wir das österreichische (Genre-)Kino am liebsten! Herrlich weird und creepy - selbst wenn man irgendwann ahnt, wie der Hase läuft, landet der stark inszenierte und noch stärker gespielte „Family Dinner“ einen ordentlichen Punch!

    Wir haben „Familiy Dinner“ bei Fantasy Filmfest 2022 gesehen.

     

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