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    Ruby taucht ab
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Ruby taucht ab

    DreamWorks‘ Attacke auf "Arielle, die Meerjungfrau"

    Von Sidney Schering

    Zwischen Disney Animation und DreamWorks Animation bestand lange Zeit nicht gerade das beste Verhältnis: Immerhin hat der Produzent Jeffrey Katzenberg die DreamWorks-Trickschmiede auch deshalb gegründet, weil er sich zuvor bei der Suche nach dem nächsten Disney-Konzernchef übergangen fühlte. Daraufhin positionierte Katzenbergs Studio den sarkastischen Ameisen-Trickfilm „Antz“ als direkte Konkurrenz zu Pixars „Das große Krabbeln“ – und verteilte in der „Shrek“-Reihe zahlreiche Seitenhiebe in Richtung Disney, bevor sich in „Große Haie – Kleine Fische“ noch ausgiebig über „Findet Nemo“ lustig gemacht wurde.

    Inzwischen schien jedoch längst Gras über die Sache gewachsen zu sein. Jetzt aber, nur wenige Wochen nach dem Start von Disneys „Arielle, die Meerjungfrau“-Realfilm-Remake, bringt DreamWorks mit „Ruby taucht ab“ einen Trickfilm über schurkische Meerjungfrauen in die Kinos. Die Titelheldin Ruby wiederum verfügt – wie Arielles Widersacherin Ursula – über Tentakeln sowie einen blass-blauen Teint. Und obendrein stolziert eine eitle Rothaarige durch den Film, die frappierend der Arielle aus dem Zeichentrick-Klassiker ähnelt, der 1989 die Goldene Ära der Disney Animation einläutete. Das Kriegsbeil wurde also offenbar wieder ausgegraben – und das ist nicht das einzige, was an der Animations-Komödie von „Die Croods“-Regisseur Kirk DeMicco irritiert.

    Ausgerechnet die Unterwasserszenen fallen in „Ruby taucht ab“ enttäuschend detailarm aus.

    Ruby Gillman (Stimme im Original: Lana Condor) besucht die Oceanside High School und plant eigentlich, gemeinsam mit ihren besten Freund*innen den anstehenden Schulball zu boykottieren. Aber dann steigen die dramatische Margot (Liza Koshy), der Gamer Trevin (Eduardo Franco) und die sarkastische Bliss (Ramona Young) überraschend aus – und so beschließt Ruby, mit dem Skater Connor (Jaboukie Young-White) ihren Schwarm zu dem Ball einzuladen.

    Was Ruby jedoch allen verschweigt: Sie ist die Tochter der Kraken-Wesen Agatha (Toni Collette) und Arthur (Colman Domingo), die einst aus dem Meer an Land geflohen sind und seitdem ihre wahre Identität verheimlichen. Als Ruby allerdings in Kontakt mit dem Ozean kommt, obwohl ihr dies streng verboten wurde, erweckt sie damit ihre innere Riesenkrake – und dennoch stiehlt ihr die neue rothaarige Mitschülerin Chelsea Van Der Zee (Annie Murphy) die Schau: Was für ein Drama!

    So richtig passt das alles nicht zusammen

    Dass „Ruby taucht ab“ mit der Disney/DreamWorks-Fehde ein Relikt vergangener Trickfilmtage ausgräbt, ist im doppelten Sinne passend: Zunächst auf der inhaltlichen Ebene, da Rubys Eltern ihre nasse Heimat einst verlassen mussten, weil sie dem ewigen Streit zwischen Riesenkraken und Meerjungfrauen entfliehen wollten, an dem Rubys Großmutter verbissen festhielt. Aber noch mehr passt es, weil sich „Ruby taucht ab“ in seiner Gesamtheit anfühlt, als wäre der Film aus einem bunten Sammelsurium an übriggebliebenen Story-Schnipseln früherer Planungsphasen zusammengesetzt worden.

    Teils wirkt der Film wie ein animierte, an ein jüngeres Publikum gerichtete Version der cleveren Teenie-Comedy „Booksmart“: Es geht um den Schulalltag eines quirligen, aber dennoch scheuen Kraken-Mädchens und seiner eklektischen, progressiven Clique. Dann gibt es aber auch wieder Szenen, die wie eine meeresbiologische Antwort auf Pixars Plüschpanda-Pubertäts-Parabel „Rot“ anmuten: Ruby entdeckt kurz vor dem Schulball, zu welchen Verwandlungen ihr Körper imstande ist, und will sich eilig damit arrangieren. Dass sich Rubys Seemonster-Erscheinung auch als Metapher auf die Pubertät betrachten lässt, geht in den meisten anderen Passagen des Films aber direkt wieder unter.

    Man muss sich mit Animations-Filmen nicht mega auskennen, um in der arroganten Chelsea sofort einen Seitenhieb auf Disneys Arielle zu erkennen.

    Denn die für das Skript verantwortlich zeichnenden Pam BradyBrian C. Brown und Elliott DiGuiseppi erzählen zwischendurch eine geradlinige Fantasy-Actionkomödie über eine Riesenkrake, die ihre Kräfte trainiert, um ein magisches Artefakt zu stehlen. Mit einer zweidimensionalen Trennung zwischen Gut und Böse widerspricht dieser Abschnitt des Films noch dazu lautstark der tief verinnerlichten Toleranzbotschaft der „Booksmart“-Szenen. Dieses Problem plagt „Ruby taucht ab“ unablässig: Obwohl es zweifelsohne möglich gewesen wäre, all diese Ansätze zu einem kohärenten Ganzen zu vereinen, endet der Film als Flickenteppich.

    Genauer gesagt sogar als Flickenteppich, dessen Nähte aufreißen, sobald man sie nur scharf anblickt: Subplots werden aufgegeben, Figuren ändern willkürlich ihre Persönlichkeit – und es gibt fast so viele widersprüchlich-sprunghafte Motivationen wie Plastikmüll im Meer. Das schadet massiv der emotionalen Glaubwürdigkeit der Figuren und ihrer Probleme, und führt im Zusammenspiel mit der steifen Inszenierung der Actioneinlagen zu einer gewissen Gleichgültigkeit.

    Oceanside ist das größte Plus des Films!

    Dabei hat „Ruby taucht ab“ durchaus seine Stärken: So haben Kirk DeMicco und seine Co-Regisseurin Faryn Pearl („Trolls World Tour“) eine farbenfrohe, vielfältige Welt geschaffen: Die Bevölkerung von Oceanside setzt sich aus einer schillernden Vielzahl an Menschen verschiedenster Körpertypen und Persönlichkeiten zusammen – die noch dazu spritzig animiert und für einige gewitzte Sprüche zu haben sind.

    Und dass einfach alles in Oceanside wie ein zu drall aufgepustetes Strandspielzeug aussieht, ist nicht nur optisch erfrischend, sondern wird auch für einige visuelle Gags eingesetzt. Dass im Gegenzug ausgerechnet die ausschweifenden Unterwasserszenen lieblos aussehen, mag die Fluchtentscheidung von Rubys Eltern untermauern. Dem Film aber schadet dies noch mehr als die halbgaren Seitenhiebe gegen einen 34 Jahre alten Zeichentrick-Klassiker.

    Fazit: Ein Film auf der Suche nach seiner Identität: Der lebhaft animierte „Ruby taucht ab“ schwimmt weitestgehend orientierungslos zwischen Fantasy-Abenteuer, Pubertäts-Parabel und Teenie-Sitcom herum.

     

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