Die fabelhafte Welt des Matthias Schweighöfer
Von Christoph PetersenNicht alle Wunschgeber*innen sind so freundlich wie der Flaschengeist in Disneys „Aladdin“. Der titelgebende Djinn in der von Wes Craven angestoßenen Horrorreihe „Wishmaster“ etwa versteht absichtlich jeden Wunsch falsch, damit die Wünschenden am Ende auf möglichst grausame Weise ums Leben kommen. Aber braucht es wirklich eine dämonische Entität, um die vorgebrachten Begehren zu pervertieren? Sind die tief verborgenen Wünsche der meisten Menschen nicht ohnehin schlimm genug, dass es einer potenziell weltenvernichtenden Katastrophe gleichkäme, wenn sie tatsächlich ungefiltert in Erfüllung gehen würden?
In der Mitte von „Das Leben der Wünsche“ wird diese Frage kurzzeitig auf durchaus bissig-schwarzhumorige Weise verhandelt. Da scheint der zuvor so weichgezeichnet-kitschige Wünsch-dir-was-Reigen sogar kurzzeitig in Richtung einer pointiert-bösartigen Variante der ausgetüftelten Todesszenarien der „Final Destination“-Filme zu kippen. Aber zumindest dieser Wunsch geht leider nicht in Erfüllung. Erik Schmitt haben wir bei seinem Debüt „Cleo“ noch mit Michel Gondry („Vergiss mein nicht“) und Jean-Pierre Jeunet („Die fabelhafte Welt der Amélie“) verglichen. Aber diesmal bleibt er mit seiner holprig-konstruierten Fantasy-Tragikomödie konsequent an der kalenderspruchgespickten Oberfläche haften
Seven Pictures
Felix Niemann (Matthias Schweighöfer) hasst seinen Job in der Analyse-Abteilung des Amazon-auf-Steroiden-Megakonzerns OASIS; er hasst sein schütter gewordenes Haar; er hasst, dass seine Ehefrau Bianca (Luise Heyer) bald zu einer elfwöchigen Exkursion zur Skorpion-Forschung in die Wüste aufbricht und ihn mit den zwei Kindern alleine lässt; und er hasst, dass auf seinem Becher beim allmorgendlichen Kaffeekaufen jedes Mal „Niemand“ steht, ganz egal, wie oft er die Schmalspur-Baristi auch berichtigt.
Als ihn sein Arschloch-Chef Gideon (Benno Fürmann) dann auch noch rausschmeißt, um stattdessen die menschenschindende Jill (Ruby O. Fee) einstellen zu können, die mit koffeinversetzten Wasserspendern die Produktivität um 0,2 Prozent steigert, ist Felix endgültig am Ende. Oder doch nicht? Denn plötzlich lotsen ihn die Werbetafeln in der Schwebebahn zu einem fernöstlich anmutenden Glücksbringer-Eckgeschäft, wo ihm ein mysteriöser Fremder (Henry Hübchen) drei Wünsche anbietet. Aber Felix ist ja ein pfiffiges Kerlchen – und so will er nur einen einzigen Wunsch, nämlich den, dass einfach alle seine Wünsche in Erfüllung gehen…
Was zuerst auffällt, sind die Farben, beziehungsweise die weitestgehende Abwesenheit derselbigen. In seinem Zeitreise-Debütfilm „Cleo“ hat Erik Schmitt noch mit einladend-sonnendurchfluteten Bildern und kreativen, handgemachten Effekten gepunktet. „Das Leben der Wünsche“ hingegen kommt dermaßen weichgezeichnet und kontrastarm daher, dass vieles nur noch grau und leblos wirkt. Nun ergibt das in einer Kapitalismus-Dystopie mit grenz-depressivem Protagonisten vielleicht noch Sinn, aber selbst Felix' Wunschwelt sieht aus, als hätte jemand mit einer Nadel in die Bilder hineingestochen und die Farben aus ihnen herausträufeln lassen.
Besonders schade ist das bei der Zukunftsmetropole selbst. Denn die wirkt in den Panoramaaufnahmen, als hätte jemand die Skylines einer deutschen und amerikanischen Großstadt in einem spektakulären Modellbausatz miteinander verschmolzen. Auch der Besuch im Glücksbringer-Shop hätte mit strahlenderen Farben sicherlich mehr Freude bereitet. An anderer Stelle täuscht der graue Look aber zumindest ein Stück weit über die wohl auch budgetären Beschränkungen hinweg: Die OASIS-Zentrale wirkt etwa weniger wie ein futuristischer Google-Campus, sondern eher wie ein abgewirtschaftetes Kongresszentrum mit ein paar Tischen auf den Gängen.
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Die Verfilmung stößt längst nicht so sehr in den philosophischen Unterbau des Wunsch-Dilemmas vor wie noch der zugrundeliegende Roman*. Stattdessen gibt es Kapitalismus-Kritik, die aber bei der abgegriffenen Erkenntnis, dass negative Angst mehr verkauft als positives Verlangen, auch schon wieder endet. Das Problem ist dabei noch nicht mal die mangelnde Tiefe, sondern dass der verbliebene, stark abgeänderte Plot erzählerisch holprig und tonal uneinheitlich wirkt – als wären zwischendrin immer wieder Szenen einfach weggelassen worden.
Besonders deutlich wird das bei den beiden völlig unterentwickelten Frauenfiguren: Vor allem Paula (Verena Altenberger), eine patente alleinerziehende Mutter und erfolgreiche Konzertmusikerin, die als Theremin-Solistin die Philharmonie füllt, verliebt sich offenbar nur deshalb, weil Felix bei einer Schultheateraufführung eine Glühbirne repariert. Wirklich? Oder liegt es womöglich doch am Haar, das nach der ansetzenden Halbglatze zu Beginn doch schnell wieder im blonden Glanz erstrahlt? (Die blonde Langhaar-Perücke in Felix' Butterwerbung-Perfektionswelt ist hingegen einer der besten Gags des Films.)
Spannend wird es nur, wenn es kurzzeitig so wirkt, als wäre die erste Stunde eigentlich nur dazu dagewesen, um das Publikum in eine trügerische Sicherheit zu wiegen – und stattdessen plötzlich doch dorthin zu gehen, wo es richtig wehtut: Denn so harmlos, wie es zunächst den Anschein hat, sind die geheimen Verlangen von Felix gar nicht: So wünscht er nicht nur seinem Nebenbuhler, sondern irgendwann auch seiner eigenen Ehefrau den Tod. Nicht nach reiflicher Überlegung, sondern fast wie aus einem Reflex. Trotzdem muss Felix handeln, bevor sein Wunsch – „Final Destination“-Style – in Erfüllung geht.
Fast wie in einem Horrorfilm, in dem sich das eigene Unterbewusstsein als das wahre Monster entpuppt. Aber Pustekuchen: All die etwas fieseren (und tatsächlich spannenden) Seiten werden – im Gegensatz zur Vorlage, wo Felix' Wünsche tatsächlich tödliche Folgen haben können – schnell wieder zur Seite gewischt. Statt Ambivalenzen auszuhalten, wird Felix zum typischen Schweighöfer-Helden, dem die Frauen schon deshalb zu Füßen liegen, weil er in ihrem Garten – im Vergleich zu „Pee Wees irre Abenteuer“ oder gerade erst „Der Prank - April! April!“ nicht mal sonderlich spektakuläre – Rube-Goldberg-Maschinen aufstellt.
Fazit: Eine geniale Idee in einem Meer aus farbentleertem Kalenderspruch-Kitsch.
Wir haben „Das Leben der Wünsche“ auf dem Filmfest Hamburg 2025 gesehen.
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