Echo Valley
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Echo Valley

Als Familiendrama top, als Thriller ein Flop

Von Lutz Granert

Nach außen hin starke, knallharte und selbstbewusste, aber innerlich oft gebrochene Frauenfiguren sind so etwas wie das Markenzeichen von Julianne Moore, die in ihrer langen Hollywood-Karriere anspruchsvolle Herausforderungen noch nie scheute. So wurde die vielfach prämierte Charakterschauspielerin dann 2015 auch folgerichtig für ihre beeindruckend realistische Verkörperung einer Alzheimerpatientin in „Still Alice: Mein Leben ohne Gestern“ mit dem Oscar für die Beste weibliche Hauptrolle auszeichnet.

Diese verdeckte Verletzlichkeit bei gleichzeitig ausgezahlter Stärke schätzt auch der Filmemacher Michael Pearce an ihr, wie er in Interviews betonte. Für ihn war Julianne Moore in der Hauptrolle von „Echo Valley“ von Anfang an gesetzt. Tatsächlich sorgt ihre vielschichtige Performance auch dafür, dass der exklusiv für Apple TV+ produzierte Thriller um eine in einem See entsorgte Leiche nie in den tiefen Logiklöchern des Plots absäuft. Dennoch laufen hier Charakterdrama und Suspense-Thriller selten stimmig, geschweige denn organisch ineinander.

Julianne Moore ist der Hauptgrund, warum „Echo Valley“ trotz eines überschaubaren Maßes an Spannung zumindest als Charakterdrama überzeugt. Apple TV+
Julianne Moore ist der Hauptgrund, warum „Echo Valley“ trotz eines überschaubaren Maßes an Spannung zumindest als Charakterdrama überzeugt.

Nachdem ihre Ehepartnerin Patty (Kristina Valada-Viars) bei einem Reitunfall ums Leben kam, fristet Kate Garretson (Julianne Moore) ein einsames Dasein auf ihrer weitläufigen Farm, die zudem kaum Geld abwirft. Die Beziehung zu ihrer aus einer früheren Ehe mit dem Anwalt Richard (Kyle MacLachlan) stammenden Tochter Claire (Sydney Sweeney) ist ebenfalls schwierig: Die drogensüchtige Teenagerin lässt sich nur sporadisch bei Geldnot mal blicken.

Weil sie bei ihrem skrupellosen Dealer Jackie Lawson (Domhnall Gleeson) aktuell besonders tief in der Kreide steht, steht Claire nachts vor Kates Tür und beichtet ihr einen Mord an ihrem Freund Ryan (Edmund Donovan). Um ihre Tochter zu schützen, versenkt Kate die Leiche im nahen Marsh Creek Lake und beseitigt auch sonst alle Spuren. Doch dann beginnt Jackie, Kate mit seinem Wissen um das feuchte Leichenversteck zu erpressen...

Juliane Moore ist – zumindest für den Drama-Teil – ein sicherer Anker

In seinem Filmdebüt „Beast“ rückte Michael Pearce ein stark gespieltes und einfühlsam erzähltes Außenseiter-Liebesdrama in den Vordergrund – der Thriller-Plot um einen umgehenden Killer war dabei hingegen eher sekundär. Bei „Echo Valley“ ist das nun ähnlich: In der ersten halben Stunde kullern immer wieder die Tränen, egal ob in Montagen von Kates Alltagsroutinen, beim wiederholten Abspielen von Pattys letzten Sprachnachrichten oder bei den Streitereien mit ihrer Tochter. Nur Leslie (Fiona Shaw), eine Freundin aus der lesbischen Community, vermag das sich nach einer intakten Familie sehnende Nervenwrack zeitweilig emotional aufzufangen.

Julianne Moore („May December“) spielt diesen Widerstreit zwischen (kurz) aufkeimender Hoffnung und blanker Verzweiflung auf ihrem Hof ebenso glaubwürdig wie einfühlsam. Auch Sydney Sweeney (aus der Teenie-Serie „Euphoria“) gelingt mit ihrer abgefuckten Erscheinung und nervösem Gestus eine glaubwürdige Performance eines reichlich windigen Junkies auf Entzug. Die ohnehin vorherrschende elegische Stimmung wird durch die etwas dick auftragenden – und etwas zu lautstarken – dramatischen Streicher im Score von Jed Kurzel („Monkey Man“) noch zusätzlich betont.

Sydney Sweeney gibt sich diesmal deutlich weniger glamourös als in ihrer Durchbruch-Rolle im RomCom-Superhit „Wo die Lüge“ hinfällt. Apple TV+
Sydney Sweeney gibt sich diesmal deutlich weniger glamourös als in ihrer Durchbruch-Rolle im RomCom-Superhit „Wo die Lüge“ hinfällt.

Doch dann versucht „Run All Night“-Autor Brad Ingelsby fast schon krampfhaft, das durchaus funktionale und einfühlsame Mutter-Tochter-Familiendrama Richtung Thriller zu pushen – denn als solcher wird „Echo Valley“ durch seinen mit Suspense-Elementen kokettierenden Trailer auch vermarktet. Das gelingt allerdings allein schon wegen einer allzu vorhersehbaren Finte mit einer komplett verhüllten (!) Leiche auf dem Rücksitz nicht wirklich. Kates blauäugiges Verhalten in dieser Situation entbehrt ebenso jeder Logik wie der finale Twist, der dann einige zuvor angerissene Szenen noch einmal reichlich unglaubwürdig und konstruiert auserzählt.

Selbst wenn phasenweise – wie bei einer Polizeipatrouille auf dem See – durchaus Spannung aufkommt, lässt Michael Pearce zwischendurch immer wieder zu sehr die Zügel locker. Die sensiblen Drama-Elemente und die Suspense-Szenen ergeben nie eine stimmige Einheit: Da kramt Kate etwa alte Hochzeitsvideos heraus, bricht emotional zusammen und sucht bei einem Treffen mit zwei Freundinnen Trost – bis Jackie plötzlich an der Haustür klingelt à la „Da war doch was...“.

Fazit: „Echo Valley“ ist ein besonders von Julianne Moore herausragend-intensiv gespieltes Drama, das an seinen zuweilen aufgepfropften und übermäßig konstruierten Thriller-Elementen krankt.

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