Wagenheber Vs. Einhorn-Schädel
Von Christoph PetersenNach dem milliardenschweren Mattel-Kinohit „Barbie“ würde es wohl niemanden überraschen, wenn der Spielregal-Konkurrent HASBRO einen „My Little Pony“-Realfilm ankündigt – natürlich inklusive der bei Fans besonders beliebten Glitzer-Einhörner Twilight Sparkle und Rarity. Und wenn dann noch die seit ihrem Netflix-Megaerfolg „Wednesday“ bei der Zielgruppe besonders beliebte Jenna Ortega für die Hauptrolle zusagt, dann könnte man in der Firmenzentrale eigentlich auch direkt mit dem Ausbau des Geldspeichers beginnen.
Aber Pustekuchen! Stattdessen gibt es nun „Death Of A Unicorn“ – und der Film hält, was der Titel verspricht. Schon in den ersten fünf Minuten wird der Schädel eines angefahrenen Einhorns ausgerechnet vom sonst so sympathischen Paul Rudd mit einem Wagenheber malträtiert, dass das lilafarbene Glitter-Blut nur so spritzt…
Die „My Little Pony“-Crowd wird da also eher keine Tickets lösen – und tatsächlich ist der ca. 15 Millionen Dollar teure „Death Of A Unicorn“ an den US-Kinokassen bereits hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Aber hey, Alex Scharfmann hat sein Regiedebüt schließlich für das Indie-Studio A24 gedreht – und dort kennt man sich ja mit provokanten Kultfilmen von „Spring Breakers“ über „Hereditary“ bis hin zum Oscar-Abräumer „Everything Everywhere All At Once“ bestens aus.
So macht „Death Of A Unicorn“ auch keinerlei Gefangenen, wenn die Einhorn-Familie zum Rachefeldzug ansetzt und den hilflosen Menschlein genüsslich die Eingeweide herausreißt. Aber zugleich fehlt der FSK-16-Horror-Komödie der angestrebte satirische Punch – dafür haben sich die Verantwortlichen einfach viel zu naheliegende Zielscheiben für ihre plumpen Anti-Reichen- und Anti-Pharma-Pointen auserkoren.
Universal Pictures
Der alleinerziehende Anwalt Elliot Kintner (Paul Rudd) steht kurz davor, seinen beruflichen Traum zu verwirklichen: Der schwerreiche, an Krebs erkrankte Pharma-Magnat Odell Leopold (Richard E. Grant) hat ihn auserkoren, nach seinem Tod die Leitung seiner Geschäfte zu übernehmen. Leopolds eigener Sohn Shepard (Will Poulter) bezeichnet sich zwar selbst als „diversifizierten Entrepreneur“, doch mit Wissenschaft hat er – abgesehen von seiner gut dokumentierten Drogenkarriere – herzlich wenig am Hut.
Aber vor der endgültigen Entscheidung steht noch ein Wochenende auf dem Anwesen der Leopolds auf dem Programm, zu dem Elliot auch seine Tochter Ridley (Jenna Ortega) mitbringen sollte. Die hat allerdings so gar keinen Bock, und so gibt es schon auf der Fahrt vom Flughafen mächtig Stress, bis Elliot das Einhorn-Junge übersieht, das vor ihm auf die Straße springt. Von der Situation völlig überfordert, erlöst der Anwalt das schwerverletzte mythische Wesen mit einem Wagenheber – und verfrachtet den Kadaver kurzerhand in den Kofferraum…
Selbst Paul „Ant-Man“ Rudd, der ja sonst fast nur supersympathische Charaktere verkörpert, entpuppt sich in „Death Of A Unicorn“ als ziemlicher Arsch, der zwar für seine Tochter vermeintlich nur das Beste möchte, aber ihr dafür vor allem den Mund verbietet: Wenn die Erwachsenen den Einhorn-Profit (Blut und Horn versprechen medizinische Wunder) bereits unter sich aufteilen, dann spielen die ethischen Einwände einer Teenagerin mit Nasenring eben keine Rolle mehr.
Es sind die üblichen Seitenhiebe gegen die Superreichen und speziell Big Pharma, gegen die man eigentlich nichts haben kann, die man genau so aber auch schon etliche Male serviert bekommen hat. Nur hier und da gibt es noch mal eine besonders scharf geschliffene Pointe, die dann trotzdem sitzt – etwa, wenn die Milliardärs-Gattin Belinda (Téa Leoni) sich schon Sekunden nach einem Charity-Videocall nicht mehr daran erinnern kann, ob es darin nun um die „evacuation“ (= Evakuierung) oder die „vaccination“ (= „Impfung“) von Flüchtigen ging.
Universal Pictures
Nur Will Poulter („Warfare“) dreht als bogenschießender, geriebenes Einhorn-Horn schniefender Pharma-Sprössling dermaßen auf, dass seine Performance allein fast schon den Kinoeintritt wert ist. Es wirkt fast, als würde er in seinem ganz eigenen Film agieren – und das ist ein Film, den wir tatsächlich noch sehr viel lieber gesehen hätten. Unterdessen machen die Einhörner gerade im Tageslicht, wenn die budgetbedingten CGI-Schwächen besonders deutlich hervortreten, keine sonderlich gute Figur. Da wäre – wie bei so vielen Creature Features – weniger mal wieder mehr gewesen!
Trotzdem liefern die behornten Vierbeiner als Splatter-Lieferanten ordentlich ab: Wenn der Einhorn-Papa den Schädel seines besonders verachtenswerten Gegenübers erst genüsslich zerquetscht und sich dann die Hufe abwischt, als sei er gerade versehentlich in einen Haufen Scheiße getreten, macht „Death Of A Unicorn“ dem absurd-abgründigen Gaga-Versprechen des Titels alle Ehre.
Fazit: Rotes und lilafarbenes Blut fließen in Strömen. Aber für eine richtig gute Horror-Comedy fehlt es „Death Of A Unicorn“ ganz gehörig an Biss.