Russell Crowe als Hitlers rechte Hand
Von Markus TschiedertDer Trend ist unübersehbar: Immer mehr Nazis werden aus der Hölle zurückgeholt, um ihre Gräueltaten ein weiteres Mal auf der Leinwand nachzuzeichnen. Die Faszination des Bösen – darum ging es bereits in „The Zone Of Interest“ mit Christian Friedel als Auschwitz-Lagerkommandant Rudolf Höß. Danach konnte man Robert Stadlober als Propaganda-Reichsminister Joseph Goebbels in „Führer und Verführer“ sehen, während August Diehl in „Das Verschwinden des Josef Mengele“ den menschenverachtenden KZ-Arzt verkörpert.
Und nun ist auch noch ein Film über Hermann Göring entstanden, die rechte Hand von Hitler, der von 1933 bis 1945 die Menschheit terrorisierte und in den Zweiten Weltkrieg führte. Verkörpert wird der nationalsozialistische Politiker und verurteilte Kriegsverbrecher allerdings nicht von einem deutschsprachigen Schauspieler, sondern von dem neuseeländischen Oscar-Preisträger Russell Crowe („Gladiator“). Da dieser inzwischen mehr und mehr in die Breite gegangen ist, schien er der ideale Hauptdarsteller für „Nürnberg“ zu sein, der sich um den Nürnberger Prozess vor dem Internationalen Militärgerichtshof vom 20. November 1945 bis 1. Oktober 1946 dreht. 24 NS-Funktionäre saßen damals auf der Anklagebank – mit Göring an der Spitze. Schauspielerisch macht Crowe seine Sache gut. Er versteht es, Görings krankes Ego herauszukehren und unterstreicht immer wieder die Niederträchtigkeit und Tücke dieses Individuums. Gleichzeitig ist Crowe aber auch das Problem des Films. Sein Gesicht ist zu prominent, um hinter seiner Figur verschwinden zu können.
Sony Pictures Classics
Im Zentrum des Films steht mit dem amerikanischen Militärpsychiatern Douglas M. Kelley (Rami Malek) aber noch eine weitere Figur. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird Kelley nach Nürnberg abkommandiert, um vor dem Prozess die geistige Verfassung der Angeklagten zu beurteilen. Besonders Hermann Göring (Russell Crowe) weckt sein Interesse. Immer wieder besucht er den schwergewichtigen Kriegsverbrecher in dessen winziger Zelle.
Kelley glaubt, er müsse Göring nur in Gespräche verwickeln, um dessen Vertrauen zu gewinnen. Um ihn zu analysieren, schreibt er jedes Detail akribisch in sein Notizbuch. Bald entsteht zwischen diesen beiden Männern eine gewisse Innigkeit. Kelley schmuggelt sogar Briefe zwischen Göring und dessen Ehefrau Emmy (Lotte Verbeek) hin und her, ohne zu ahnen, dass er von Göring manipuliert wird. Erst als der Prozess beginnt und im Gerichtssaal erschreckende Originalaufnahmen von den befreiten Konzentrationslagern als Beweismaterial gezeigt werden, wird sich Kelley seines eigenen Fehlverhaltens bewusst. Noch einmal sucht er Göring in seiner Zelle auf und verkündet, alles zu tun, um dafür zu sorgen, dass der Massenmörder seiner gerechten Strafe zugeführt wird: Tod durch den Strick.
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Doch natürlich wissen wir, dass sich Göring in der Nacht vor seiner Hinrichtung durch eine Zyankali-Giftkapsel selbst tötete. Douglas M. Kelley nutze seine Aufzeichnungen, um 1947 sein Buch „22 Cells In Nuremberg“ zu veröffentlichen. 1958 nahm auch er sich das Leben – ebenfalls mit Zyankali. Wiederum 50 Jahre später begann US-Journalist Jack El-Hai, über das Verhältnis zwischen Göring und Kelley zu recherchieren, und veröffentlichte als Ergebnis das Sachbuch „Der Nazi und der Psychiater“, das diesem Film als Vorlage diente. Regisseur James Vanderbilt, der seine Karriere in Hollywood als erfolgreicher Drehbuchautor („Zodiac - Die Spur des Killers“) begann und auch für „Nuremberg“ die Skriptvorlage schrieb, geht es in seiner zweiten Regiearbeit nach „Der Moment der Wahrheit“ nicht nur um das psychologische Duell zwischen Göring und Kelley, sondern auch um den historischen Kontext.
Zum ersten Mal in der neuzeitlichen Menschheitsgeschichte wurden führende Repräsentanten eines Staates für ihre Kriegsverbrechen vor einem internationalen Gericht zur Verantwortung gezogen. Die Geburtsstunde des heutigen Völkerstrafrechts war damals politisch noch sehr umstritten, und auch die Weltöffentlichkeit musste erst überzeugt werden. Um die Notwendigkeit des damaligen Prozesses zu unterstreichen, nutzt Vanderbilt tatsächlich echtes Archivbildmaterial von Leichenbergen, die in den befreiten Konzentrationslagern zuhauf mit Baggern in Massengräber geschaufelt wurden. Diese gefühlt minutenlangen Aufnahmen sind auch fürs Kinopublikum schwer auszuhalten – und doch unverzichtbar, um das Ausmaß der Schreckenstaten durch die NS-Diktatur zu verdeutlichen. Dramaturgisch ist das auch der Wendepunkt für Kelley, der bis dahin gern glauben wollte, dass andere, nicht aber unbedingt Göring, für den Holocaust verantwortlich waren.
Das perfide Psychospiel mit dem Psychiater beherrscht Crowe perfekt. Es gelingt ihm, die diabolische Intelligenz seiner Figur herauszuarbeiten, indem er auch ihre verlogen freundliche Seite zeigt. Kelley verfällt seinem Charme – und wenn Göring lächelt und gar Sympathie ausstrahlt, versteht man für einen Moment sogar, warum. Zugleich handelt es sich dabei aber um das selbstbewusste Lächeln von Crowe, das wir seit „Gladiator“ in- und auswendig kennen. Insofern fällt es schwer, den Schauspieler zu vergessen und nur noch Göring zu sehen – zumal im Gesicht keinerlei Ähnlichkeit auszumachen ist.
Einzig die Leibesfülle bringt Crowe mit, wobei auch hier nicht wirklich auf Authentizität geachtet wurde. Während Göring im Gefängnis tatsächlich an Gewicht verlor und beim Prozess in seiner inzwischen viel zu großen Uniform fast wie ein Häufchen Elend aussah, deutet Crowe das Abnehmen mit stetigen Liegestützen nur an, ohne dass es tatsächlich sichtbar wird. Hoch anzurechnen ist ihm aber, dass er für die ersten Filmszenen mehrere Sätze in Deutsch einstudierte, ohne dass es unbeholfen klingt. Seine rhetorische Brillanz, mit der er im Laufe der Handlung glänzen will, ist allerdings übertrieben – das Englisch des echten Göring galt als holprig und fehlerhaft. Zumindest die anderen Ober-Nazis wurden mit deutschsprachigen Darstellern besetzt: Andreas Pietschmann („Dark“) als Rudolf Heß, Peter Jordan („Babylon Berlin“) als Karl Dönitz und Wolfgang Cerny („The Healing“) als Baldur von Schirach. Im Gegensatz zu Crowe bleiben sie aber stets im Hintergrund.
Im letzten Drittel des Films wird der Gerichtssaal zum Hauptschauplatz. Hier dominieren dann Michael Shannon („The Bikeriders“) als amerikanischer Hauptanklagevertreter Robert H. Jackson und Richard E. Grant („The Lesson“) als britischer Ankläger Sir David Maxwell Fyfe die Bühne. Sie sind es schließlich, die dafür sorgen müssen, dass sich Göring in seiner Eitelkeit selbst überführt. Das ist ziemlich klischeehaft komprimiert, dient aber der Dramatik eines auf Spannung getrimmten Gerichts- und Psychothrillers. Wer also nach mehr Authentizität verlangt, wird mit dokumentarischen Filmwerken gewiss besser bedient. Wenn es „Nuremberg“ aber gelingen sollte, Menschen zu interessieren, die nur wenig bis gar nichts über die historischen Hintergründe vor 80 Jahren wissen, kann es nur gut sein, dass der Film entstanden ist.
Fazit: Russell Crowe als Menschheitsverbrecher Hermann Göring ist befremdlich – aber er gibt sein Bestes, um vor allem Leute ins Kino zu ziehen, die an das Thema Nationalsozialismus erst herangeführt werden müssen.
Wir haben „Nürnberg“ auf dem Zurich Filmfestival 2025 gesehen.