The Captive
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
The Captive

Alles, nur kein brav-langweiliges Kostümkino

Von Pavao Vlajcic

Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre schien die ganze Kinowelt einen kurzen Moment lang Alejandro Amenábar zu gehören. Mit dem Snuff-Thriller „Tesis“ landete chilenisch-spanische Regisseur im Jahr 1996 einen ersten Achtungserfolg, der künstlerisch und kommerziell überzeugen konnte. Der Nachfolger „Virtual Nightmare – Open Your Eyes“ (1997) war dann ein weltweites Phänomen: Er lancierte die globale Karriere von Penélope Cruz, Tom Cruise kaufte die Rechte und ließ das Drehbuch als „Vanilla Sky“ von Cameron Crowe neu verfilmen, ebenfalls mit Cruz an Bord. Es folgte „The Others“ (2001) mit Nicole Kidman – der äußerst erfolgreiche Hollywood-Einstieg – und im Anschluss „Das Meer in mir“, für den Amenábar mit dem Auslands-Oscar geehrt wurde. Es ist nicht einfach, einen Regisseur zu finden, dessen Aufstieg ähnlich kometenhaft verlief.

Der Kater nach der Party war dann aber umso ernüchternder. Das aufwändige Drama „Agora“ (2009) mit Rachel Weisz floppte, das Thriller-Comeback „Regression“ (2015) missglückte, und sein bis dato letzter Film „Mientras Dure la Guerra“ (2019) fand mehr oder weniger unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Über die Qualität der genannten Filme lässt sich zwar freilich streiten. Fakt ist aber, dass weder Publikum noch Kritik Amenábar noch sonderlich gewogen waren. Zumindest in Spanien scheint sein Name jedoch immer noch die Ticketverkäufe anzukurbeln. Nur so lässt sich erklären, dass man einem eher intimen Historiendrama wie „The Captive“ ein relativ großzügiges Budget spendiert hat. Dafür geht Amenábar inhaltlich und produktionstechnisch in die Vollen, wie sich das für ein Projekt über Miguel de Cervantes, den Erfinder der Romangattung und Heiligen der Weltliteratur, wohl so gehört.

Miguel de Cervantes (Julio Peña) muss fünf Jahre in einem algerischen Gefängnis ausharren – und begeistert bald nicht nur seine Mitgefangenen mit seiner Erzählkunst. Himenoptero / MOD Producciones
Miguel de Cervantes (Julio Peña) muss fünf Jahre in einem algerischen Gefängnis ausharren – und begeistert bald nicht nur seine Mitgefangenen mit seiner Erzählkunst.

Amenábars Film setzt während Cervantes' durch Quellen belegter Gefangenschaft in Algerien zwischen 1575 und 1580 ein, schert sich aber sonst wenig um Fakten. Miguel de Cervantes (Julio Peña) wird verschleppt, versklavt und verharrt mit anderen christlichen Gefangenen unter der despotischen Herrschaft des Sultans von Algerien, Hasán Bajá (Alessandro Borghi). Die Chancen, dass er durch eine Lösegeld-Zahlung freikommt, sind gering. Um sich die Zeit zu vertreiben und die Moral der Gefangenen aufrechtzuerhalten, fängt Cervantes an, Geschichten zu erzählen.

Bald eilt ihm sein Ruf als Erzählmeister im Gefangenenlager voraus, und der Sultan selbst wird auf ihn aufmerksam. Dieser lässt sich gerne von Cervantes' Kunst betören und gewährt ihm für besonders schöne Geschichten Privilegien: Köstliches Essen, Hamambäder, Freigänge. Davon beflügelt, beginnt Cervantes mit den Mitgefangenen Fluchtpläne zu schmieden. Doch bald sieht er sich zwischen seiner Sehnsucht nach Freiheit und unerwartet aufkeimenden Gefühlen für den Sultan hin- und hergerissen...

Kein dröges Biopic

Ich hatte die ersten Plakate für „The Captive“ im Sommer während meines Spanienurlaubs gesehen und dachte zuerst, es würde sich um eine Don-Quijote-Verfilmung handeln. Der Hauptdarsteller Julio Peña lächelte aufreizend-einladend von den Plakaten, mein Interesse war aber doch begrenzt, denn ich hatte ursprünglich einen brav-langweiligen Kostümfilm erwartet. Daher freue ich mich zu berichten, dass ich damit falsch lag. Wie der Zusammenfassung vielleicht zu entnehmen ist, interessiert sich Amenábar weniger für eine dröge biografische Nacherzählung. Vielmehr entspinnt er in dem Film einen wild fabulierenden Diskurs über die Kraft und Macht des Erzählens.

Dazu setzt er auf ein komplexes, doppelbödiges Drehbuch, das im Verlauf der Handlung oft geschickt die Linie zwischen Realität und Wirklichkeit verwischt. Selbst Zuschauer*innen, die ganz genau aufpassen, werden immer wieder aufs Glatteis geführt. Ganz wie sein Held, der mit seinem Erzähltalent zunächst seine Mitgefangenen und dann zunehmend seine Peiniger für sich einnimmt, gelingt es Amenábar, die Zuschauer*innen im Verlauf der Handlung immer mehr für seinen Film zu begeistern. Die Vorgehensweisen des Hauptcharakters und des Regisseurs spiegeln sich so auf eine schöne Weise.

Bald wird auch Sultan Hasán Bajá (Alessandro Borghi) auf Cervantes' Talent aufmerksam. Himenoptero / MOD Producciones
Bald wird auch Sultan Hasán Bajá (Alessandro Borghi) auf Cervantes' Talent aufmerksam.

Interessant, angenehm entspannt und zutiefst humanistisch erweist sich die Haltung des Films zu Religionsfragen. Der Konflikt zwischen Islam und Katholizismus bildet den Hintergrund, Amenábar benutzt diesen aber nicht, um ideologische Rechnungen zu begleichen. Nicht die Religion der Akteure ist entscheidend, sondern deren individuelles Gewissen und freier Geist, die es ihnen immer wieder ermöglichen, Freiräume innerhalb der ihnen eng gesetzten Grenzen zu schaffen.

Wunderschöne Locations, ein nicht minder tolles Set-Design und eine agile Breitwand-Kamera verhindern, dass der Stoff zum ermüdenden Dialog-Dauerfeuer wird. Bei den Freigängen Cervantes' durch Algerien schleicht sich ein Hauch von Orientalismus ein, mit sexuell aufgeladenen Bildern, die in der zweiten Filmhälfte zunehmend an Bedeutung gewinnen. Die erotische Spannung zwischen Cervantes und dem Sultan entlädt sich nämlich irgendwann sehr explizit, wobei Alessandro Borghi und Julio Peña ein äußerst attraktives Paar abgeben, mit dem man mitleidet und mitfiebert. Das hat dem Film in Spanien zu viel Presse und einem guten Einspielergebnis verholfen, auch wenn Diskussionen um Cervantes' Sexualität am Kern der Geschichte vorbeigehen. Aber Klatsch und Tratsch haben immer Konjunktur, sie zählen ja zu den oralen, mündlichen Überlieferungen – und zahlen so ebenfalls auf das Thema des Films ein.

Fazit: Alejandro Amenábar meldet sich nach längerer Pause erfrischt zurück mit einer eigenwilligen und erzählerisch ambitionierten Mischung aus Abenteuerfilm, Historiendrama und Boyslove-Comic, die den literarischen Elfenbeinturm ebenso wenig scheut wie die despektierliche Freudengasse. Anspruchsvoll, aber dennoch unbeschwert, süffig unterhaltsam und trotzdem intellektuell stimulierend, ist der Film ein uneingeschränktes, barockes Vergnügen.

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