Andor Hirsch
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Andor Hirsch

Das Gespenst im Keller

Von Janick Nolting

Das 20. Jahrhundert bleibt in den Filmen von László Nemes ein beklemmendes, labyrinthisches Gewirr. Schon „Son Of Saul“ und „Sunset“ versuchten sich an einem Spiel mit der Perspektive und Immersion. Wie lassen sich die Gräuel der Vergangenheit auf der Leinwand erfahrbar machen? Wie lässt sich gerade über die stark subjektive, beengte Weltsicht ein historischer Abschnitt in seinem Wesen erfassen? Der Oscar-prämierte, aus der Egoperspektive eines den Nazis in der Gaskammer „zur Hand gehenden“ Häftlings gefilmte „Son Of Saul“ fragte nach der (Un-)Darstellbarkeit der menschengemachten Hölle von Auschwitz. „Sunset“ verwandelte Budapest kurz vor dem Ersten Weltkrieg in einen brodelnden Moloch voller Paranoia, vergifteter Nostalgie und Verschwörungen.

Nemes’ dritter Langfilm springt nun erneut auf dem Zeitstrahl und wieder tun sich neue Gänge in dem Labyrinth der Geschichte auf, in denen seine Figuren ausgeliefert hin und her irren. Stilistisch bleibt sich der ungarische Regisseur also treu. „Andor Hirsch“ erzählt – inspiriert von der eigenen Familiengeschichte des Filmemachers – ein Drama in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in Budapest. Vier Jahre sind seit Kriegsende vergangen. Zu Beginn schaut die Kamera mit einem Jungen namens Andor aus einem Steinhaufen ins Freie. Die grobe Textur der analogen 35mm-Aufnahmen kreiert eine Unschärfe, ein Rauschen, an das sich die Augen erst gewöhnen müssen. Von Anfang an setzt Nemes also wieder auf das Beschneiden und Verfremden der Blickwinkel, die selten an weiten Panoramen interessiert sind. Stattdessen bleiben die 4:3-Aufnahmen klaustrophobisch nah an den Figuren, denen die Welt zum unübersichtlichen Chaos geworden ist.

Andor (Barabás Bojtorján) erfährt nach Kriegsende, dass offenbar gar kein jüdischer Ticketverkäufer, sondern ein korpulenter Metzger sein leiblicher Vater ist. Pioneer Pictures / Good Chaos / AR Content
Andor (Barabás Bojtorján) erfährt nach Kriegsende, dass offenbar gar kein jüdischer Ticketverkäufer, sondern ein korpulenter Metzger sein leiblicher Vater ist.

Andor (Bojtorján Barabas) wird nach Kriegsende von seiner Mutter (Andrea Waskovics) aus dem Waisenhaus geholt. Er darf wieder bei ihr leben. Nur vom Vater fehlt weiterhin jede Spur. Andor wartet auf ihn. Er sehnt sich nach seiner Rückkehr. Als jedoch ein anderer Mann – ein grober, korpulenter Metzger (Grégory Gadebois) – als (Ersatz-)Vater in das Leben der Familie tritt, sitzen Schrecken und Enttäuschung tief. Andor will nicht wahrhaben, dass dieser bedrohliche Mann sein Vater sein soll…

Geschichte wird lebendig

Nach dem Prolog springt „Andor Hirsch“ in die 1950er-Jahre, in die Zeit nach dem ungarischen Volksaufstand gegen die Sowjetdiktatur. Wenn sich die Kamera gemeinsam mit dem jungen Protagonisten nun durch das verfallene und verarmte Budapest bewegt, kann man über diese beeindruckenden Bilder nur staunen. Die Auszüge und Fragmente, die sie von ihrer Epoche preisgeben, sind mit einem Auge zum Detail in Szene gesetzt, wie man das selten so eindrucksvoll erleben kann. Egal, ob es um die Stoffe in den Schränken geht, die verschmutzten und verstaubten Scheiben, die Ruinen, die kleinen Geschäfte. Nemes’ Filme wollen sich als Zeitkapseln präsentieren, als habe man dokumentarische Realität eingefangen und keine künstlichen Sets hergerichtet. Und die Arbeit mit analogem Filmmaterial trägt ihr Übriges zu dieser Illusion bei.

Die Totalität, die mit solchen historisch abgeschotteten und möglichst akkurat recherchierten Bildwelten einhergeht, bietet jedes Jahr in zahllosen Filmen Anlass zur Kritik. Auch in „Orphan“, wenn man sich betrachtet, wie wenig dabei ein gegenwärtiger Standpunkt oder eine ästhetische Selbstreflexion in die Vergangenheitsschau einfließen. Zugleich lässt sich kaum leugnen, dass die Bilder bei Nemes eine unglaublich verführerische Kraft und Atmosphäre bergen. Die Aufnahmen von Kameramann Mátyás Erdély suchen auch im größten Schmutz noch die Geste des Schönen und Malerischen, ohne deshalb an Realitätseffekt und Abgründigkeit einzubüßen.

Überschaubarer Familien-Konflikt

Tritt man einen Schritt zurück, bleibt jedoch die Frage, welchen Aufschluss dieses Nachstellen einer Epoche konkret bietet. Was interessiert Nemes an dieser Zeit, abseits der autobiografischen Einflüsse? „Andor Hirsch“ sucht über seine stark verdichtete Figurenkonstellation, genau wie die vorherigen Filme des Regisseurs, das Überzeitliche und Parabelhafte. Leider ist genau das der Punkt, an dem sich „Andor Hirsch“ nach einem vielversprechenden Auftakt ein wenig diffus und träge verläuft. Am Ende fällt er sowohl hinter der kontroversen ästhetischen Spannung von „Son Of Saul“ als auch dem Sittengemälde von „Sunset“ ab. Sein überschaubarer Plot und dessen Implikationen sind nach einer guten Stunde auserzählt.

Nemes will hier von einer verlorenen Generation erzählen, die zwischen den Verheerungen der Nazis und des Holocausts und der Gewalt der kommunistischen Diktatur aufwächst. Der abwesende Vater wird dabei nicht nur zur Verkörperung des historischen Traumas, sondern auch der Sehnsucht nach einer heilen Welt und Ganzheit, die verloren ist. Wie ein Gespenst scheint er nun im Keller des Hauses zu spuken. Andor steigt die Stufen hinab und spricht mit ihm. Er beschwört die Ankunft des Geistes. Die politische Propaganda und die brutalen Patrouillen und Razzien der Außenwelt, die die aufoktroyierte Ordnung wahren wollen, vermengen sich derweil mit den Lügen und Übergriffen innerhalb der Familie im Kleinen.

Andor hat Angst vor seinem möglichen neuen Vater (Grégory Gadebois), der mit seiner hünenhaften Gestalt mitunter wie aus einem Horrorfilm entsprungen wirkt. Pioneer Pictures / Good Chaos / AR Content
Andor hat Angst vor seinem möglichen neuen Vater (Grégory Gadebois), der mit seiner hünenhaften Gestalt mitunter wie aus einem Horrorfilm entsprungen wirkt.

Hat man Andor die Wahrheit über die Vergangenheit erzählt? Welche Abhängigkeiten und Machtverhältnisse werden dort enthüllt? Welches Geheimnis hütet womöglich jener abstoßend inszenierte Metzger? Einmal lässt Nemes seinen jungen Protagonisten nachts in das alte Haus des Mannes einsteigen. Und für wenige Minuten gleicht „Andor Hirsch“ einem Horrorfilm, der die Angst des Kindes adäquat zu vermitteln weiß. In solchen Spannungsmomenten zeigt sich Nemes’ inszenatorische Meisterschaft besonders. Der Metzger selbst wird dabei durch Verschiebungen im Kamerawinkel in einen Hünen verwandelt, als sei hier ein garstiger Riese einem Märchen entstiegen.

Der zentrale Konflikt des Films bleibt jedoch für über zwei Stunden Laufzeit dünn gestrickt und er stellt im zähen Verlauf eigentlich nur noch die Frage, ob und inwieweit die ohnehin omnipräsente Gewalt weiter eskalieren wird. Schon früh wird eine Pistole aus der Erde gegraben, auch das ist eine der vielen Heimsuchungen der Vergangenheit. Sie ist noch scharf, kann noch schießen. Und hier schließt sich die berühmte Frage an, ob sie im letzten Akt auch abgefeuert werden wird. László Nemes verpasst es nur leider, sein Szenario ein bis zwei erhellende Schritte darüber hinaus zu denken. Er bleibt in seiner historisierenden Perspektive ernüchternd platt gestrickt.

Die gefressenen Kinder

Was den Film aber überdauert, ist zuvorderst der reproduzierte Orientierungsverlust. Figuren träumen von einer Alternative. Sie sehnen sich etwa ganz konkret nach Amerika. Was die USA jedoch für jüdische Migranten und Geflüchtete nach dem Zweiten Weltkrieg eigentlich bereithielten, konnte man beispielsweise in Brady Corbets „Der Brutalist“ erleben. „Andor Hirsch“ rückt diese Erfahrungswelt jedoch ohnehin in weite Ferne. Seine Figuren kreisen immer wieder um sich selbst und die alten Versehrungen, die nicht heilen wollen.

Der junge Protagonist Andor Hirsch kämpft um das Recht auf eine eigene Geschichte und Identität, die nicht von Fremden überschrieben werden soll. Er soll sich letztlich einreihen in eine Riege ikonischer, tragischer Film- und Literaturkinder, die das 20. Jahrhundert gefressen hat. Sei es „Iwans Kindheit“, „Komm und sieh“ oder „The Painted Bird“. Jeder Hoch- und Tiefpunkt in ihrem Leben wird von der Gewalt der Geschichte überschattet. Bei László Nemes wird letztere zum sinnbildlichen Riesenrad auf einem Jahrmarkt, das sich unter der eigenen Last ächzend weiterdreht.

Fazit: Wenige europäische Autorenfilmer schaffen es, die Vergangenheit so beeindruckend und stimmungsvoll zum Leben zu erwecken wie László Nemes. „Andor Hirsch“ bildet dabei keine Ausnahme. Leider stellt sich dieses Mal der Eindruck ein, dass sich der Regisseur an der Verschränkung eines grausamen Familiendramas und eines größeren Gesellschaftsporträts ein wenig verhoben hat.

Wir haben „Andor Hirsch“ beim Filmfest Venedig 2025 gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.

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