"Eine Klasse für sich": Quentin Tarantino bewundert diesen bildgewaltigen Sci-Fi-Film – doch eine Sache macht ihn wütend!
Sebastian Groß
Sebastian Groß
-Freier Autor
Manchmal fühlt er sich alt, weil er damals „The Big Lebowski“ oder „Matrix“ zum Kinostart gesehen hat. Andererseits konnte er damals „The Big Lebowski“ und „Matrix“ zum Kinostart sehen. Zum Glück behält er das für sich, außer jemand fragt ihn. Jetzt fragt ihn halt endlich.

Quentin Tarantino liebt das Kino – doch nicht jeder Film trifft bei ihm ins Schwarze. Diese Sci-Fi-Perle der „28 Years Later“-Macher begeistert ihn mit emotionaler Tiefe, doch ein entscheidendes Element behagt ihm gar nicht.

Meinungen zu Filmen haben wir alle. Doch wenn Quentin Tarantino seine Expertise kundtut, hören viele besonders aufmerksam zu. Kein Wunder – seit seinem Durchbruch mit „Reservoir Dogs“ (1992) hat er sich den Ruf eines lebenden Filmlexikons erarbeitet. Ein Ruf, den er mit zahllosen Interviews und seinem Buch „Cinema Speculation“ weiter untermauerte.

Mittlerweile spricht Tarantino gemeinsam mit seinem „Pulp Fiction“-Co-Autor Roger Avary im Podcast The Video Archives Podcast hauptsächlich über ältere Filme. Doch früher scheute sich der zweifache Oscar-Preisträger nicht, auch seine Meinung zu jüngeren Titeln zu äußern. Einer davon ist der Sci-Fi-Thriller „Sunshine“ (2007). Zwei Jahre nach der Veröffentlichung tat Tarantino seine Meinung über den Film kund.

Das ist "Sunshine"

„Sunshine“ war nach „28 Days Later“ (2002) die zweite Zusammenarbeit von Regisseur Danny Boyle („Trainspotting“) und Drehbuchautor Alex Garland („Civil War“). Garland entwirft in seinem Skript ein dystopisches Szenario:

Die Sonne droht zu erlöschen. Die letzte Hoffnung der Menschheit ist das Raumschiff Icarus II, das mit einer gigantischen Bombe zur Sonne geschickt wird, um den sterbenden Stern durch eine massive Kernexplosion neu zu entfachen.

Auf dem Weg zum Ziel empfängt die Crew ein Notsignal der Icarus I – eines Schiffes, das bereits sieben Jahre zuvor auf derselben Mission unterwegs war, aber verschwand. Anscheinend hat niemand der damaligen Besatzung überlebt. Doch nach dem Andocken an die Icarus I geschehen seltsame Dinge, die die Mission immer weiter in Gefahr bringen.

Wut und Begeisterung: Tarantinos gespaltene Meinung zu "Sunshine"

Quentin Tarantino hat viel Lob für den Film – so nennt er ihn beispielsweise „eine Klasse für sich“. Doch nicht alles an „Sunshine“ gefällt ihm. Besonders der dritte Akt stößt ihm sauer auf. Laut ihm verrate dieser die vorher so sorgsam aufgebaute Atmosphäre des Films. Bevor wir darauf eingehen, hier eine Spoiler-Warnung: Falls ihr „Sunshine“ noch nicht gesehen habt, könnt ihr ihn unter anderem bei Disney+ streamen* oder als DVD bzw. Blu-ray in eure Sammlung aufnehmen.

Was Tarantino – und viele andere Kritiker – an „Sunshine“ bemängeln, ist die Wandlung des Films im letzten Drittel. Hier wird aus dem philosophischen Sci-Fi-Thriller plötzlich ein Horrorfilm mit Slasher-Elementen. Der von Mark Strong („Kingsman“) gespielte Captain Pinbacker, ein Crewmitglied der Icarus I, ist wahnsinnig geworden und dezimiert nach und nach die Besatzung der Icarus II.

Um es mit Tarantinos eigenen Worten auszudrücken: „[...] Sobald man beginnt zu durchschauen, was wirklich vor sich geht, stürzt Garlands Drehbuch kreativ ab und verkommt im Grunde zu einem weiteren ‚Es gibt ein Monster an Bord, das die Crew dezimiert‘.“

Warum Tarantino "Sunshine" trotzdem mag

Trotz seines Unmuts über den letzten Akt ist Tarantino ein Fan von „Sunshine“. Er attestiert Boyle und Garland, dass sie zwar großen Vorbildern wie „2001: Odyssee im Weltraum“ (1968), „Solaris“ und „Lautlos im Weltall“ (beide 1972) sowie „Alien“ (1979) nacheifern – ohne deren Größe zu erreichen –, dem Genre jedoch etwas hinzuzufügen haben: echte Menschlichkeit. Er beschreibt es so:

„Garland treibt das Dilemma immer weiter auf die Spitze. Gerade wenn die Lage für die gebeutelte Crew am aussichtslosesten erscheint, findet er stets einen Weg, alles noch schlimmer zu machen – und dreht das Messer sowohl in den Wunden der Figuren als auch in denen des Publikums. Während Ridley Scotts ‚Alien‘ das Science-Fiction-Genre um einen Hauch von Klassenkampf bereicherte, verleihen Boyle und Garland der Crew der Icarus eine glaubhafte Menschlichkeit, wie sie in der Science-Fiction kaum ihresgleichen findet. Dass das gesamte Drama auf einem menschlichen Fehler beruht, verleiht der Geschichte eine Tiefe, die über das hinausgeht, was man in diesem Genre üblicherweise erwartet.“

Und letztlich bringt er seine Faszination für den Film auf den Punkt: „Der dritte Akt von ‚Sunshine‘ mag mich wütend machen, aber was er nicht vermag, ist, mich vergessen zu lassen, was davor war.“

Übrigens sind auch wir von FILMSTARTS Fans von „Sunshine“. In unserer Kritik bekam der Sci-Fi-Film satte 4,5 von 5 Sterne. Chefredakteur Christoph Petersen lobt unter anderen den „knallharten Thrillerstil“ sowie die „gruppendynamischen Abläufe“ der Handlung.

Die Besetzung von "Sunshine" ist beeindruckend – doch die Sonne ist der wahre Star

Ein Blick auf den Cast von „Sunshine“ zeigt, dass hier einige heute weltbekannte Stars mitspielen. In der Hauptrolle brilliert Cillian Murphy, der nach „Oppenheimer“ zum absoluten Weltstar avancierte. An seiner Seite spielen Michelle Yeoh, die mit „Everything Everywhere All At Once“ einen Oscar gewann, sowie Chris Evans und Benedict Wong, die beide aus dem Marvel-Universum bekannt sind.

Auch Rose Byrne, die in Filmen wie „Insidious“ mitwirkte und für ihre Hauptrolle in „If I Had Legs I'd Kick You“ jüngst auf der Berlinale ausgezeichnet wurde, sowie Hiroyuki Sanada, der zuletzt in der gefeierten Serie „Shōgun“ zu sehen war, zählen zur Crew der Icarus II. Eine besondere Erwähnung verdient Cliff Curtis, den Tarantino als einen seiner damaligen Lieblingsschauspieler bezeichnet. Curtis mag nicht der bekannteste Name in Hollywood sein, doch sein Gesicht kennt fast jeder: Er hatte unter anderem Rollen in „Training Day“, „Fear The Walking Dead“ und „Doctor Sleeps Erwachen“.

Was „Sunshine“ zudem auszeichnet, ist seine fast kammerspielartige Inszenierung. Der Film konzentriert sich fast ausschließlich auf die Crew und verlässt das Raumschiff nur in wenigen Szenen. Dennoch bietet er atemberaubende Bilder – insbesondere von der Sonne selbst. Tarantino hebt hervor, dass unser wichtigster Himmelskörper in Science-Fiction-Filmen selten eine zentrale Rolle spielt, obwohl er das Zentrum unseres Universums ist.

Während wir weiter darauf warten, ob Tarantino noch einen letzten Film dreht, haben sich Danny Boyle und Alex Garland erneut zusammengetan – für die Fortsetzung ihres Horror-Erfolgs „28 Days Later“. „28 Years Later“ startet im Sommer in den Kinos, und der erste Trailer kam bereits äußerst gut an. Hier könnt ihr ihn euch ansehen.

Was Tarantino wohl dazu sagen wird? Wir wissen es noch nicht. Aber wir wissen, dass er seine Karriere in Hollywood ganz anders begonnen hat, als viele glauben. Was Hundekot und Dolph Lundgren damit zu tun haben, erfahrt ihr in diesem FILMSTARTS-Artikel:

"Ein beschissener Job": Quentin Tarantino spricht über seinen Karriere-Start – bei "The Expendables"-Star Dolph Lundgren!

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