Damit hat Regisseur Yiğit (Serkan Kaya) nicht gerechnet: Mit seinem Doku-Drama über einen Brandanschlag auf ein Solinger Asylantenheim steht er doch offensichtlich auf der richtigen Seite – aber dann löst er trotzdem versehentlich eine gewaltige Kontroverse aus! Dass beim Dreh der feurigen Anschlagszene auch ein in den Kulissen platzierter Koran verbrennt, ist für Yiğit keine große Sache, sondern eher eine Frage der Authentizität. Einige der Statisten, die aus dem örtlichen Asylbewerberheim gecastet wurden, sehen das allerdings ganz anders: Einen Koran verbrennen, machen das nicht nur Neonazis?
Die Prämisse klingt womöglich erst einmal nach trockenem Thesenfilm. Aber mit dieser Einschätzung könnte man kaum falscher liegen: „Hysteria“ macht seinem Titel nämlich alle Ehre – und so entfacht Mehmet Akif Büyükatalay („Oray“) in seiner zweiten Langfilm-Regiearbeit ein oft hochgradig spannendes Paranoia-Feuerwerk: Als eigentliche Protagonistin enthüllt sich nämlich die junge Regieassistentin Elif (Devrim Lingnau), die mit einem Missgeschick die Tür öffnet für ein allseitiges Täuschungs- und Verwirrspiel!
Zunächst verliert sie den Wohnungsschlüssel ihrer Produzentin Lilith (Nicolette Krebitz) – und im verzweifelten Versuch, ihren Fehler zu vertuschen, verrät sie dann auch noch einem vermeintlichen Finder die zugehörige Adresse. Das ist selbstredend eine Einladung zum nächtlichen Einbruch. Verschwunden ist dann aber tatsächlich nur das umstrittene Filmmaterial – wer aber hat es aus welchen Motiven verschwinden lassen? Wer profitiert am meisten davon, und wem kann es der Dieb am einfachsten in die Schuhe schieben?
Aufregend anders
Wir haben „Hysteria“ ebenfalls bereits auf der Berlinale entdeckt – und unser Kritiker Jochen Werner zieht in der offiziellen FILMSTARTS-Kritik in Bezug auf einige der eingesetzten Spannungs-Stilmittel sogar Parallelen zu zwei absoluten Genre-Großmeistern:
„Wenn man liest, worum es geht, klingt vieles daran erst einmal nach so einem klassisch deutschen Themen- und Dialogfilm […] Aber einen solchen Film […] wollte Büyükatalay dezidiert nicht machen. Aber was für ein Film ist ‚Hysteria‘ denn stattdessen? Formal greift der Regisseur auf jeden Fall über weite Strecken in völlig andere Register – vom verstörenden Reenactment der brennenden Wohnung von Solingen in den ersten Einstellungen, die ihren Charakter als Film-im-Film-Metakino nicht sogleich offenbart, über die Thriller- und Paranoia-Elemente, die die Atmosphäre des Films über weite Strecken prägen. Ein wenig Brian De Palma steckt da vielleicht drin, und noch mehr Roman Polański.“
Wenn man als Filmemacher schon aktuelle Diskurse aufgreifen will (und das geht ja auch oft genug völlig in die Hose), dann doch bitte auf eine derart eigene und ambitionierte Weise – bis hin zum angemessen furios-flammenden Finale…
„Hysteria“ startet wie gesagt am 6. November in den deutschen Kinos. Schon ab heute könnt ihr euch hingegen einen der besten Filme des Jahres auf der großen Leinwand ansehen – und wir haben die „One Battle After Another“-Stars Leonardo DiCaprio und Benicio Del Toro sogar zum exklusiven Interview getroffen:
"Er baut ein eigenes Universum": Leonardo DiCaprio verrät uns, was das Meisterwerk "One Battle After Another" so besonders macht