Ich weiß nicht mehr, wann ich „Sie leben“ zum ersten Mal gesehen hab. Wenn ich in meinem Gedächtnis nach der frühesten Sichtung krame, kommt mir seltsamerweise das Videospiel „The Simpsons: Bart vs. The Space Mutants“ von 1991 in den Sinn, dass sich inhaltlich an Carpenters Film von 1988 anlehnt: Hier entdeckt Bart mittels einer Röntgenbrille, dass Aliens eine Superwaffe bauen und die Erde übernehmen wollen.
Endcoole Brille
Ich werte das mal als Indiz dafür, dass der Film bei der Erstveröffentlichung nicht nur in den USA, sondern wohl auch in Deutschland keine großen Wellen geschlagen hatte und ich zuerst mit dem Spiel in Berührung gekommen bin. Was ich definitiv noch weiß: Das Konzept mit der Brille war für mich absolut faszinierend. Vom Film war ich dann jedenfalls endgültig hin und weg, was aber kein Wunder ist:
Wer wie ich in der Provinz aufwuchs, konnte daran prima andocken, denn man hatte ständig das Gefühl, das Aliens einen mit Aufforderungen wie „Gehorche!“, „Heirate und vermehre Dich!“, „Keine selbstständigen Gedanken!“ in den Griff kriegen wollen. Natürlich weiß man in späteren Jahren dann die Kapitalismuskritik („Konsumiere!“) zu schätzen, jetzt im Internetzeitalter mit seinen teuflischen Social-Media-Algorithmen sowieso.
Roddy Piper: cooler Typ, uncoole Karriere
„Sie leben“ war zudem verantwortlich für eine lebenslange Begeisterung für Roddy Piper. Ich bin absolut kein Fan von Wrestling oder wrestlenden Schauspielern, aber Piper hat schauspielerische Defizite stets mit Charisma, Witz und einer ganz bestimmten Nonchalance, die in seinen späteren Filmen noch stärker betont wird, wettgemacht.
Piper war nie einer dieser Larger-Than-Life-Helden wie andere aus dem Actiongenre, sondern verkörperte stets den geerdeten, stinknormalen Kumpeltypen, den man genauso in der nächsten Kneipe antreffen könnte und mit dem man sofort bis zum Morgengrauen Bier trinken will, da er einfach so ein netter Typ ist, der die lustigsten Geschichte parat hat.
Es ist jammerschade, dass „Sie leben“ der größte Film des Kanadiers bleiben sollte, die restliche Filmographie ist bis auf ein paar Ausnahmen wie „Back In Action“ (1994), „Jungleground“ (1995) oder „Last To Surrender“ (1999) leider für die Tonne.
Erst lesen, dann Kino
Ich hatte - und mich würde nicht überraschen, wenn es einigen anderen ebenso ergangen ist – erst viel später realisiert, dass Carpenters schriller Film auf einer Kurzgeschichte aus den 1960er-Jahren basiert – nämlich auf „Punkt acht Uhr morgens“ von Ray Nelson.
Die Wiederaufführung von „Sie leben“ am 7. Oktober 2025 im Rahmen der „Best of Cinema“-Reihe bietet einen willkommenen Anlass, sich die Kurzgeschichte vor dem Kinobesuch mal zu Gemüte zu führen. Denn das gibt dem Kinobesuch noch das gewisse Extra. Erschienen ist sie in Charlotte Winheller (Hrsg.): „Musik aus dem All“ oder „Perry Rhodan Nr. 138: Risiko unendlich groß“ von Kurt Brand, beide Bände sind für ganz wenig Geld mühelos auf den üblichen Plattformen für Gebrauchtes zu bekommen.
Natürlich funktioniert die rasante Achterbahnfahrt auch so bestens, aber es macht schon ziemlich viel Spaß festzustellen, wie John Carpenter, dieses kleine, aber feine Stück Genreliteratur umgeformt hat (Spoiler: In Nelsons Vorlage bedrohen die durch die Corona-Pandemie jüngst wieder populär gewordenen Echsenmenschen die Welt).
Wer den perfekten Vergleich will: 1986 wurde in der Comic-Anthologie „Alien Encounters #6“ unter dem Titel „Nada“ die Comic-Adaption von „Punkt acht Uhr morgens“ veröffentlicht, die sich in Sachen Derbheit dem Film annähert und vom Film in der letzten Szene zitiert wird, allerdings gibt es hier keine deutsche Übersetzung und man muss etwas mehr suchen und deutlich tiefer in die Tasche greifen.
So oder so: „Sie leben“ ist ein Klassiker mit so manch ikonischer Szene – und die sollte man sich auf der großen Leinwand auf keinen Fall entgehen lassen!
DIE "BEST OF CINEMA"-REIHE – PRÄSENTIERT VON FILMSTARTS
In einer makellosen 4K-Restaurierung kommt dieser Klassiker des europäischen Kinos nun im Rahmen der „Best Of Cinema“-Reihe zurück auf die Leinwand, die wir als offizieller Medienpartner unterstützen. Und nur im Kino kann sich der ganze Sog dieses faszinierenden Films entfalten.
Auch in den verbliebenen Monaten dürft ihr euch noch über so manches Kult-Comeback freuen. Welche Filme im Zuge der „Best Of Cinema“-Reihe 2025 noch zurückkehren, erfahrt ihr im nachfolgenden Artikel:
Noch 2025 wieder im Kino: Ein monumentales Meisterwerk, ein hochspannender Serienkiller-Thriller und Johnny Depp in seiner schrägsten Rolle