"Monster sind die besseren Menschen": "Return To Silent Hill"-Macher Christophe Gans über die Schönheit des Horrors
Markus Trutt
Markus Trutt
-Redakteur
Seit „Silent Hill“ ihm gezeigt hat, dass es doch auch gute Videospieladaptionen geben kann, hält Gamer Markus sehnsüchtig Ausschau nach weiteren.

Mit „Return To Silent Hill“ hat sich Christophe Gans endlich seinen Traum erfüllt, das legendäre Videospiel „Silent Hill 2“ zu adaptieren. Wir sprechen mit dem Regisseur über seine Vision und die Grenze zwischen Schönheit und Verstörung.

Mit „Return To Silent Hill“ kehrt Christophe Gans in die Horrorwelt zurück, die er 2006 mit einer der beliebtesten Videospielverfilmungen mitgeprägt hat. Der neue Film basiert auf dem Videospiel-Meilenstein „Silent Hill 2“ und folgt James Sunderland (Jeremy Irvine) in die nebelverhangene Stadt, in der Realität, Erinnerung und Schuld zunehmend miteinander verschwimmen.

Im FILMSTARTS-Interview spricht Gans über seine Motivation, nach fast 20 Jahren erneut nach Silent Hill zu reisen, und über die besondere Bedeutung von Silent Hill 2. Dabei erklärt der Regisseur auch, wie sehr ihn psychologischer Horror und Filme von Roman Polanski beeinflusst haben, warum Monster für ihn mehr sind als bloße Bedrohungen – und weshalb das Ende von „Return To Silent Hill“ bewusst ambivalent angelegt ist.

Leonine
"Return To Silent Hill"-Regisseur Christophe Gans im Gespräch mit FILMSTARTS-Redakteur Markus Trutt

FILMSTARTS: Basierend auf Look und Drehort der Eröffnungsszene von „Return To Silent Hill“ – liegt Silent Hill jetzt etwa in Deutschland?

Christophe Gans: Ja, also der Film wurde in Deutschland gedreht. Natürlich erkennt man diese berühmte Straße, die schon in so vielen Werbespots verwendet wurde. Diese Straße hat auch eine besondere Geschichte. Es war großartig, dort zu drehen. Es war sehr früh am Morgen, wir hatten dieses wunderschöne Wetter, und es war majestätisch. Ich wollte den Film unbedingt mit diesem sehr agoraphobischen Gefühl eröffnen, gerade weil der Film am Ende ganz nah bei der Hauptfigur schließt. Ich wollte diesen Kontrast. Das war die Idee.

Die Rückkehr nach Silent Hill

FILMSTARTS: Für mich – und für viele andere Gaming-Fans – hast du mit dem ersten „Silent Hill“-Film damals die erste wirklich gute Videospielverfilmung abgeliefert. Viele haben daher gejubelt, als angekündigt wurde, dass du einen neuen drehst. Was war deine persönliche Motivation, nach Silent Hill zurückzukehren und diesen Film auch zu einer Art Comeback für dich zu machen?

Christophe Gans: Eigentlich wollte ich von Anfang an „Silent Hill 2“ adaptieren. Als wir bereit waren, den ersten Film zu machen, gab es bereits die ersten vier „Silent Hill“-Spiele - und der zweite Teil war einfach der beste, denn er hatte die eindrucksvollste Geschichte von allen. Aber mein Produzent Samuel Hadida und ich haben damals erkannt, dass es vielleicht zu viel auf einmal gewesen wäre, direkt mit Teil 2 zu beginnen. Man musste erst diese sehr einzigartige Welt von Silent Hill erschaffen. Außerdem entsteht in der Geschichte des zweiten Spiels ein Teil dieser Welt aus dem gebrochenen Geist der Hauptfigur selbst. Das war eine enorme Herausforderung. Ich erinnere mich, dass „Silent Hill“ 2006 schon etwas sehr Besonderes war. Der Film war nur möglich wegen des Erfolgs von „Pakt der Wölfe“, meinem vorherigen Film. Die Leute wollten danach einen neuen Film von mir. Ich sagte: Okay, dann möchte ich „Silent Hill“ machen.

Return To Silent Hill
Return To Silent Hill
Starttermin 5. Februar 2026 | 1 Std. 46 Min.
Von Christophe Gans
Mit Jeremy Irvine, Hannah Emily Anderson, Robert Strange (III)
User-Wertung
2,3
Filmstarts
3,0
Vorführungen (55)

Aber der Film sah nicht aus wie die anderen Horrorfilme dieser Zeit. Damals dachten wir, es würde vielleicht reichen, einfach die Welt von Silent Hill – also diese Umgebung – auf die große Leinwand zu bringen. 20 Jahre später, als wir – nach Samuels Tod – gemeinsam mit seinem Bruder Victor beschlossen haben, zur Reihe zurückzukehren, sagte ich: Jetzt ist es Zeit für den zweiten Teil. Die Menschen kennen Silent Hill inzwischen, jetzt können wir tiefer in diese verrückte Welt eindringen und zeigen, dass sie vielleicht teilweise eine Schöpfung des menschlichen Geistes von James Sunderland ist. Ich dachte dabei viel an Roman Polanskis Filme, vor allem „Ekel“ und „Rosemary’s Baby“. Wenn man diese Filme sieht, merkt man, dass die Geschichte, der man folgt, vielleicht aus dem Wahnsinn der Hauptfigur entsteht. Auch „Jacob’s Ladder“ basiert auf dieser Idee. Das waren ganz klare Referenzen – auch für die ursprünglichen Schöpfer von „Silent Hill“.

Für mich war klar: Jetzt ist der richtige Moment. Außerdem haben wir in den letzten Jahren eine neue Art von Horror erlebt, vor allem durch Regisseure wie Ari Aster und Robert Eggers. Sie arbeiten sehr intensiv mit Wahrnehmung und Atmosphäre – genau das interessiert mich. „Silent Hill 2“ ist in dieser Hinsicht immer noch extrem modern, obwohl das Spiel 25 Jahre alt ist. Nicht nur wegen der multiplen Wahrnehmungsebenen, sondern auch wegen der Darstellung von James Sunderlands Männlichkeit und der Art, wie er diese Welt erschafft, während er nach seiner geliebten Frau sucht. Es war einfach Zeit für ein neues „Silent Hill“.

Zwei parallele Adaptionen desselben Stoffes

FILMSTARTS: Es gibt einen Grund, warum dieses Spiel diesen Status hat. Jetzt gibt es zwei Adaptionen davon – den Film und natürlich das Remake des Spiels von 2024. Sie sind sich ähnlich, aber auch sehr unterschiedlich. Standest du im Austausch mit den Machern des Remakes?

Christophe Gans: Interessanterweise lief es so: Als wir beschlossen, einen neuen „Silent Hill“-Film zu machen, haben wir [den Videospiel-Publisher] Konami kontaktiert. Sie fragten: Welches Spiel wollt ihr adaptieren? Wir sagten: Den zweiten Teil. Ich vermute, dass sie zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht sicher waren, welches Spiel sie remaken wollten. Dass wir eine Adaption von Teil 2 starteten, dem beliebtesten Teil der Reihe, hat ihnen vielleicht bei der Entscheidung geholfen. Film und Spiel beginnen im Grunde am selben Punkt. Ich hatte aber keinen direkten Kontakt mit Bloober Team, die das Remake gemacht haben, obwohl ich ein großer Fan ihrer früheren Arbeit war – besonders von „The Medium“. Ich mochte das Spiel sogar so sehr, dass ich einen ihrer Mitarbeiter, David Ratajczyk, engagiert habe, um mir bei der Visualisierung der neuen Silent-Hill-Welt zu helfen.

Evie Templeton als Laura in Metropolitan FilmExport
Evie Templeton als Laura in "Return To Silent Hill"

Das war, bevor ich wusste, dass Konami genau dieses Studio für das Remake engagieren würde. Es war wie eine Übereinstimmung unserer Absichten. Ich wusste nicht, woran sie arbeiteten. Natürlich habe ich später den Trailer gesehen. Als kleine Hommage habe ich diese Szene mit der Kakerlake eingebaut, wenn James die Toilette an der Bushaltestelle betritt [die im ersten Trailer zum „Silent Hill 2“-Remake zu sehen war] – ein Gruß an das andere Team, das am gleichen Stoff gearbeitet hat.

Eine weitere interessante Sache: Als ich Evie Templeton für die Rolle der Laura gecastet habe, wusste ich nicht, dass sie auch als Sprecherin von Laura im Spiel besetzt worden war. Sie durfte mir das vertraglich nicht sagen. Monate nach Drehschluss habe ich erfahren, dass das Mädchen, das ich aus 30 Kandidatinnen ausgewählt hatte, exakt dasselbe war, das Bloober Team gewählt hatte. Für mich ist das mehr als Zufall. Es zeigt, dass wir gleich gedacht haben. Wir waren auf derselben Spur, haben dasselbe „Monster“ gejagt. Das ist ein gutes Zeichen.

Die Schönheit des Monströsen

FILMSTARTS: Trotz der oft sehr dunklen Themen deiner Filme sind sie immer auch visuell wunderschön. Wo ziehst du die Grenze zwischen Schönheit und Verstörung? Und hast du sie in diesem Film bewusst überschritten?

Christophe Gans: Ich versuche gar nicht, Schönheit und Schrecken zu trennen. Deshalb habe ich „Die Schöne und das Biest“ gemacht. Für mich sind Monster schön, Monstrosität ist schön. Guillermo del Toro sagt dasselbe – und er hat recht. Ich glaube, Monster sind eine bessere Version des Menschen. Das trage ich in mir. Als Kind hat mich bei Jean Cocteaus „Die Schöne und das Biest“ besonders das Ende berührt: Wenn der Prinz erscheint und das Biest verschwunden ist, sagt sie: „Wo ist mein Biest?“ Sie war nicht wirklich glücklich. Das hat meine Sicht auf Fantasy geprägt. Wenn du ein Monster liebst, dann ist diese Liebe wahrhaftig und tief. In Silent Hill erschafft der Held all diese Monster als Spiegel dessen, was mit seiner Frau passiert ist. Jedes Monster hat eine Bedeutung. Im ersten Film waren sie eher Raubtiere. Hier kehren wir zur ursprünglichen Symbolik zurück.

Eines der vielen Monster, die Silent Hill bevölkern Metropolitan FilmExport
Eines der vielen Monster, die Silent Hill bevölkern

FILMSTARTS: Gab es Szenen, die dann doch zu verstörend waren und es deswegen nicht in den Film geschafft haben?

Christophe Gans: Konami hat mir nur eine Sache gesagt: Das Ende sollte weniger traurig sein. Mein ursprüngliches Drehbuch endete im See, wie im Spiel. Zuerst war ich schockiert. Aber dann kam mir die Idee, es wie ein Spiel zu behandeln, das man erneut spielt – mit Wissen aus dem vorherigen Durchlauf. Es ist wie ein düsteres Und täglich grüßt das Murmeltier. Eine Schleife.

FILMSTARTS: Man spürt diese Dunkelheit trotzdem noch – mit dem statischen Rauschen, dem Boot, das fast wie Pyramid Head aussieht...

Christophe Gans: Ja, absolut. Ich mag ambivalente Enden. Ich möchte, dass die Zuschauer das Kino verlassen und weiter über das Gesehene nachdenken – und vielleicht merken, dass sie es noch nicht vollständig verstanden haben.

„Return To Silent Hill“ läuft seit dem 5. Februar 2026 in den deutschen Kinos. Und falls ihr den Film bereits geschaut und noch offene Fragen zum Ende hat, empfehlen wir euch noch folgenden Erklärartikel:

Das Ende von "Return To Silent Hill" erklärt: Was ist echt und was nicht?

facebook Tweet
Ähnliche Nachrichten
Das könnte dich auch interessieren