Quentin Tarantino feiert ihn: 25 Jahre lang stand diese postapokalyptische Sci-Fi-Action auf dem Index – jetzt kommt der Kultfilm ins Heimkino
Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Er findet Streaming zwar praktisch, eine echte Sammlung kann es für ihn aber nicht ersetzen: Was im eigenen Regal steht, ist sicher vor Internet-Blackouts, auslaufenden Lizenzverträgen und nachträglichen Schnitten.

Punk-Attitüde trifft satirische Science-Fiction und wilde Autostunts: Diese als „Escalation“, „Crabs ...die Zukunft sind wir“ und „Dead End Drive-In“ bekannte Action-Dystopie wird von Quentin Tarantino wärmstens empfohlen!

Im Zuge des globalen „Mad Max“-Erfolgs kam es in den 1980ern zu einer Attacke an australischen Verschmelzungen aus krachender Action und visuell exzentrisch gestalteten Dystopien. Einer der denkwürdigsten und ästhetisch ausgefallensten „Mad Max“-Nachzügler ist „Dead End Drive-In“ (in Deutschland auch bekannt als „Escalation“ und „Crabs ...die Zukunft sind wir“):

In der rau-exzentrischen Zukunfts-Schreckensvision mit enormem Kultfaktor wird ein Autokino zum Konzentrationslager für sozial geächtete Menschen – primär Geflüchtete und Jugendliche, die der Sündenböcke suchenden Gesellschaft ein Dorn im Auge sind. In manchen Ländern wurde der Film nur gekürzt veröffentlicht, in Deutschland wiederum kam er uncut mit einer FSK-Freigabe ab 18 Jahren ins Kino und wurde dann auf VHS indiziert.

Nach seiner De-Indizierung im Jahr 2012 kam „Crabs“ vorerst nur in kleinen Stückzahlen auf DVD und Blu-ray heraus, doch diese Woche ist „Crabs“ in regulärer Auflage auf Blu-ray erschienen!

Als Bonusmaterial winken unter anderem ein Audiokommentar von Prof. Dr. Marcus Stiglegger & Dr. Kai Naumann sowie Interviews mit Regisseur Brian Trechard-Smith. Die Blu-ray ist übrigens auch bei Amazon* gelistet, war jedoch zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels dort nicht vorrätig.

Ganz gleich, wo ihr zugreift: Mit „Crabs“ holt ihr euch nicht bloß eine satirische B-Movie-Sause ins Haus, die mit exzentrischem Stilwillen, schrägen Figuren, fetzigem Soundtrack und Punkattitüde überzeugt. Der mit Action vom „Mad Max 2“-Stuntman Guy Norris auftrumpfende, bizarre Kultknaller ist zudem Quentin Tarantinos Lieblingsfilm des australischen Regie-Querkopfs Trenchard-Smith, wie die Doku „Not Quite Hollywood: The Wild, Untold Story Of Ozploitation!“ festhielt.

Darum geht es in "Crabs"

Die Weltwirtschaft ist kollabiert, das Klima sowieso und der gesellschaftliche Zusammenhalt gleich mit. Australien ist eine der letzte Nationen, die halbwegs funktionieren – jedoch bloß, wenn man nicht zu genau hinschaut. Denn wie der stürmische Jimmy (Ned Manning) mit seiner Traumfrau Carmen (Natalie McCurry) durch Zufall herausfinden muss, hat das Land einen boshaften Weg gefunden, um die Menschen loszuwerden, die der Bevölkerung missfallen:

Ein Autokino wurde zum Jugend- und Flüchtlingsstraflager umfunktioniert. An ein Entkommen ist dort nicht zu denken. Regelmäßige Filmvorstellungen sollen die Gemüter beruhigen, doch die Stimmung im Autokino brodelt ebenso wie im Rest des angespannten Landes. Jimmy lässt sich allerdings nicht einschüchtern und sagt dem unmenschlichen System den Kampf an!

Derart direkte Gesellschaftskritik, dass sich der Jugendschutz berufen fühlte

Zur Indizierung von „Crabs“ kam es 1987, als das Jugendamt Frankfurt einen entsprechenden Prüfungsantrag einreichte. Es unterstellte der Dystopie, sie sei „im höchsten Maße sozialethisch desorientierend“, was die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien genauso sah. Sie urteilte zudem, der gesellschaftskritische Sci-Fi-Actioner habe das Potential, ein junges Publikum „sittlich zu gefährden“, indem er „Gewalt gegen den Staat toleriert und bejaht“, wie dem bei Schnittberichte.com festgehaltenen Prüfungsbescheid zu entnehmen ist.

Weiter kritisierte die BPjM (damals: Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften), „Crabs“ zeichne den Staat als „schlimmste[n] Verbrecher“, da in der Filmwelt keine zukunftsorientierten Maßnahmen gegen Arbeitslosigkeit unternommen, sondern „Gesindel und Arbeitslose“ interniert werden: „Es wird das Bild eines Staates gezeigt, der in der Bewältigung von grundlegenden Problemen versagt und der nur durch menschenunwürdige und nicht gerechtfertigte Kasernierung die Bevölkerung befrieden kann.“ Kurzum: „Crabs“ wurde aus dem Verkehr gezogen, weil er zu harsche Argumente gegen eine Politik äußert, die auf Teilen der Gesellschaft herumtrampelt, und damit sein Publikum dazu verführen könnte, kritisch zu denken.

Style, Kreativität und Krachwumms

Daran zeigt sich, wie sich die Zeiten ändern: Mittlerweile toleriert der hiesige Jugendschutz deutlich eher Filme, die kritisches Denken fördern und gesellschaftspolitische Fehlstellungen aufzeigen. Im Fall von „Crabs“ geschieht das obendrein verdammt unterhaltsam – etwa dank spektakulärer, krachender Autostunts, schmerzhafter Scharmützel und einem überbordenden Ideenreichtum, wenn es darum geht, das Autokino-Internierungslager als Mikrokosmos zu zeichnen, der die Außenwelt destilliert.

So dient die einstige Frauentoilette als improvisierter Friseursalon, in dem sich Leute zum Schwatzen treffen, während der Essensstand zum Diner ausgebaut wurde und die über 400 Autowracks (!) als Behausungen genutzt werden. In dieser stylisch-abgeranzten, kreativen Miniaturwelt verdichten sich obendrein die aus der realen Gesellschaft bekannten, das soziale Glück zersetzenden Probleme wie rassistische Strömungen, sexistische Anfeindungen und der stete Drang, Zugezogenen sämtliche Schuld in die Schuhe zu schieben.

Trenchard-Smith und Drehbuchautor Peter Smalley („Emmas Krieg“) machen es sich allerdings nicht so leicht, allein in eine Richtung auszuteilen: Sie nehmen auf der einen Seite Teens in Schutz, die mit ihrem Musik-, Film- und Modegeschmack der piefigen, starren Gesellschaft missfallen. Zugleich attackieren sie allerdings eine Jugend, die tatenlos zulässt, dass man sie verdummt und ihr den rebellischen Drang gegen staatliche Abwertung, Willkür und Ausbeutung austreibt.

Einen weiteren von Quentin Tarantino zelebrierten Film, der neben Gewalt und Sozialkritik zudem sehr einfühlsame Passagen umfasst, stellen wir euch wiederum im folgenden Artikel näher vor:

Einer der besten Filme der 2000er kehrt zurück: Meisterwerk spätestens jetzt unbedingt nachholen – selbst Quentin Tarantino war hin und weg!

*Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.

facebook Tweet
Ähnliche Nachrichten
Das könnte dich auch interessieren