Ein schillernd-prominentes Ensemble, ein kniffliger Mordfall und die in geschliffenen Dialogen vorangetriebene, herausfordernde Suche nach der, dem oder den Schuldigen: Krimifilme, die Klassiker von Agatha Christie adaptieren oder sich am Stil der britischen Rekordschriftstellerin orientieren, üben seit Jahrzehnten enorme Faszination aus. Doch nicht alle Filme von diesem Schlage werden auf Anhieb gefeiert wie Sidney Lumets „Mord im Orient-Express“ oder Rian Johnsons Christie-Hommage „Knives Out“.
So wurde der schwarzen Humor, lichtdurchflutete Sommerbilder, einen Hauch Wehmut und perfide Knobelei bietende Kriminalthriller „Sheila“ zwar von der Filmpresse warm aufgenommen, hinterließ 1973 an den Kinokassen jedoch kaum Eindruck und geriet rasch in Vergessenheit. Erst in jüngerer Vergangenheit wurde „Sheila“ im englischsprachigen Raum wiederentdeckt – nicht zuletzt, weil „Hot Fuzz“-Regisseur Edgar Wright ihn feiert und Rian Johnson das „Knives Out“-Sequel „Glass Onion“ als Hommage an ihn anlegte.
In Deutschland wiederum scheiterte eine „Sheila“-Wiederentdeckung nicht zuletzt daran, dass der Film lange Zeit kaum verfügbar war. Doch diese Woche erlebte „Sheila“ endlich seine deutsche DVD- und Blu-ray-Premiere in Form einer limitierten Mediabook-Edition!
Das Mediabook enthält zusätzlich zum trocken-komischen, sommerliches Flair versprühenden Krimi-Kleinod Extras wie einen Audiokommentar und als haptische Dreingabe ein Booklet mit Hintergrundinformationen.
Darum geht es in "Sheila"
Als seine Frau Sheila nachts überfahren wird, ist sich der Filmproduzent Clinton Greene (James Coburn) sicher: Das war kein Unfall mit anschließender Fahrerflucht, sondern gezielter Mord! Ein Jahr später hofft er, diesem Fall auf den Grund zu kommen: Er lädt sechs befreundete Mitglieder des Hollywood-Rummels auf seine Jacht ein.
Dort verwickelt Clinton die Schauspielerin Alice Wood (Raquel Welch), Talentmanager Anthony Wood (Ian McShane), Agentin Christine (Dyan Cannon), Drehbuchautor Tom Parkman (Richard Benjamin) mitsamt seiner Gattin Lee (Joan Hackett) und Filmregisseur Philip Dexter (James Mason) in eine komplexe Schnitzeljagd. Das Thema: Sheila! Die Regeln: Perfide!
Denn allen Beteiligten werden Rollen zugeteilt (Denunziant, Kleinkind-Verführer, Ladendieb, Ex-Sträfling, Homosexueller und Fahrerflucht-Mörder). Die Grenzen zwischen makabrem Gesellschaftsspiel und tragischer Realität verschwimmen daraufhin – und alsbald geht jegliche noch verbliebene Moral von Bord...
Schillernde Namen, sommerliche Bilder, schmerzende Wehmut
Für weite Teile des heutigen Publikums dürfte Ian McShane das prominenteste Mitglied der Besetzung sein – mimte er doch im vierten „Fluch der Karibik“ den grantig-bösen Piratenkapitän Blackbeard und gibt im „John Wick“-Kosmos den rau-liebenswerten Hotelmanager Winston. Aber auch der Rest des „Sheila“-Casts bringt Glanz mit sich:
Raquel Welch genoss damals Sexsymbol-Status, Joan Hackett begeisterte wenige Jahre vor dem „Sheila“-Kinostart in der Westernkomödie „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“, James Mason machte sich durch Hits wie „20.000 Meilen unter dem Meer“ und „Der unsichtbare Dritte“ einen Namen und James Coburn war bei „Die glorreichen Sieben“ mit von der Partie. Von Rang und Namen sind darüber hinaus die Kreativköpfe hinter „Sheila“:
Das Krimi-Kleinod wurde von „Psycho“-Star Anthony Perkins und Broadway-Legende Stephen Sondheim („Sweeney Todd“) verfasst, Regie führte wiederum „Funny Girl“-Choreograf und „Mach’s noch einmal, Sam“-Regisseur Herbert Ross. Als Inspirationsquelle dienten tatsächliche, mit absurdem Aufwand arrangierte Schnitzeljagden, die Sondheim und Perkins für ihren Showbiz-Freundeskreis veranstalteten – darunter Ross und dessen Frau, die Primaballerina Nora Kaye.
Als eines dieser Rätselabenteuer in einer finsteren Absteige inklusive schaurig springender Schallplatte seinen furiosen Abschluss fand, stand unübersehbar die Idee im Raum, solch eine Knobelparty dramatisch überhöht zum Film zu machen. Und diesen privaten Ursprung der „Sheila“-Grundidee ist dem fertigen Projekt auch anzumerken:
So düster einige der Geheimnisse der zentralen Figuren sein mögen, so abscheulich sich einige von ihnen auch aufführen – immer wieder vermitteln verlorene, kummervolle Blicke und ein die Szenerie erdrückendes, peinlich-reuevolles Schweigen Wehmut über verlorene Freundschaft und Kollegialität. Gleichwohl ist „Sheila“ vom düster-verqueren Sinn für Humor durchzogen, den Perkins offenkundig seinem Sohn vermacht hat („Longlegs“-Regisseur Oz Perkins), sowie vom intellektuellen, rhythmischen (und zynischen) Wortwitz Sondheims.
Das reibt sich wirksam mit den Urlaubsstimmung weckenden, einladenden Hauptschauplätzen, ohne vom beklommenen „Was geht nur vor sich?“-Nervenkitzel des sich entfaltenden, mehrmals windenden Krimiplots abzulenken. Das zügigere Pacing vieler moderner Agatha-Christie-Hommagen sollte man von „Sheila“ indes nicht erwarten – was je nach Sehgewohnheit ein weiteres Pro- oder ein Contra-Argument für dieses Krimi-Kleinod darstellt. Aber falls ihr lieber eine zotigere, zügigere Mördersuche bevorzugt, gibt es ja genügend Alternativen. Diese hier zum Beispiel:
In 2 Tagen gibt's "Downton Abbey" in schräg und verrückt: Deutscher Trailer zum Historien-Spaß "Fackham Hall"*Bei den Links zum Angebot von Amazon handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.