Als „Peeping Tom - Augen der Angst“ in Deutschland im Jahr 1960 in die Kinos kam, war die Reaktion verheerend. Kritiker verrissen den Film mit ungewöhnlicher Härte, das Publikum reagierte verstört, und die Karriere seines Regisseurs Michael Powell („Die roten Schuhe“) erlitt einen massiven Knick. Was heute als Meilenstein des Psychothrillers gilt, wurde damals als moralisch fragwürdig und geschmacklos abgestempelt.
Mit zeitlichem Abstand wirkt diese Ablehnung fast paradox. Denn das, was einst als Tabubruch empfunden wurde, erscheint heute als visionärer Vorgriff auf Entwicklungen, die das Kino erst Jahre später in vollem Umfang erkunden sollte. „Peeping Tom – Augen der Angst“ ist nicht nur ein Thriller, sondern eine verstörende Studie über Voyeurismus, Kontrolle und die Macht der Bilder.
Ein Blick in die Abgründe der Psyche
Im Zentrum der Handlung steht Mark Lewis, ein zurückhaltender Kameramann mit einer dunklen Obsession. Tagsüber arbeitet er in einem Filmstudio, nachts streift er durch London und filmt Frauen – in ihren intimsten Momenten, kurz bevor er sie tötet. Seine Kamera ist dabei mehr als nur ein Werkzeug: Mit ihrer Hilfe zwingt Mark seine Opfer, sich selbst im Moment ihres Todes zu sehen.
Was den Film so beklemmend macht, ist seine Perspektive. Immer wieder nimmt die Kamera Marks Blick ein und zwingt das Publikum, durch die Augen eines Mörders zu sehen. Diese Nähe schafft eine unangenehme Komplizenschaft, die selbst heute noch verstört. Gleichzeitig offenbart sich nach und nach Marks traumatische Vergangenheit, die seine Obsession erklärt, ohne sie zu entschuldigen.
Die Geschichte entfaltet sich nicht als klassischer Krimi, sondern als psychologisches Porträt. Spannung entsteht weniger durch äußere Ereignisse als durch die stetig wachsende Einsicht in Marks inneren Abgrund.
Ein Film, der seiner Zeit weit voraus war
„Peeping Tom – Augen der Angst“ war in vielerlei Hinsicht revolutionär. Während das Kino der 1950er-Jahre Gewalt meist nur andeutete, zeigte dieser Film sie aus einer subjektiven Perspektive – direkt, intim und verstörend. Besonders die Verbindung von Kamera und Gewalt war neu: Das Töten wird hier zum Akt des Beobachtens, zum perversen Ritual des Sehens.
Diese Idee machte den Film seiner Zeit weit voraus. Er thematisiert nicht nur Voyeurismus, sondern auch die Rolle des Publikums selbst. Wer zusieht, wird Teil des Geschehens – eine unbequeme Erkenntnis, die damals viele überforderte. Heute wirkt genau dieser Ansatz modern und erstaunlich reflektiert.
Auch visuell setzte Powell Maßstäbe. Die leuchtenden Farben stehen im Kontrast zur düsteren Thematik und verstärken die unheimliche Atmosphäre. Das Ergebnis ist ein Film, der ästhetisch fasziniert und zugleich tief verstört. Kein Wunder also, dass diverse bekannte Cineasten und Filmemacher*innen „Peeping Tom – Augen der Angst“ zelebrieren. So auch Oscar-Preisträger Martin Scorsese:
Diese zwei Meisterwerke muss jeder angehende Filmemacher gesehen haben – laut Martin Scorsese!Skandal, Empörung und ein unvergesslicher Hauptdarsteller
Der Skandal um „Peeping Tom – Augen der Angst“ entzündete sich vor allem an seiner radikalen Perspektive. Dass das Publikum gezwungen wurde, die Welt durch die Augen eines Serienmörders zu sehen, galt als unerträglich. Hinzu kam die offene Darstellung psychologischer Abgründe, die für damalige Verhältnisse als schockierend empfunden wurde.
Eine entscheidende Rolle spielte dabei Karlheinz Böhm („Martha“), der Mark Lewis verkörpert. Seine Darstellung ist zurückhaltend, fast zerbrechlich – und gerade deshalb so beunruhigend. Böhm verleiht der Figur eine stille Intensität, die zwischen Mitgefühl und Abscheu schwankt. Dieses ambivalente Spiel trug maßgeblich zur verstörenden Wirkung des Films bei.
Interessanterweise stand er damals vor allem für ganz andere Rollen. Böhms Image war damals durch romantische und historische Filme geprägt, etwa in der „Sissi“-Reihe. Umso größer war die Irritation, ihn plötzlich als psychisch gestörten Mörder zu sehen. Diese Diskrepanz verstärkte den Schockeffekt zusätzlich und sorgte unter anderem dafür, dass viele Kinos den Film gar nicht erst zeigten oder nach nur wenigen Tagen wieder aus dem Programm nahmen.
Diese heftige Ablehnung hatte weitreichende Folgen: Regisseur Powell fand lange Zeit kaum noch Arbeit im Filmgeschäft. Erst Jahrzehnte später wurde sein Werk neu bewertet und als visionär anerkannt.
Wegbereiter für ein ganzes Genre
Heute gilt „Peeping Tom - Augen der Angst“ als einer der ersten modernen Psychothriller und als wichtiger Vorläufer des Slasher-Genres. Spätere Filme, die den Täter in den Mittelpunkt stellen und dessen Perspektive einnehmen, greifen zentrale Elemente auf, die Powell hier bereits etabliert hat.
Auch Werke wie „Psycho“, der im selben Jahr erschien, profitieren von ähnlichen Ansätzen – doch während Hitchcocks Film gefeiert wurde, musste „„Peeping Tom – Augen der Angst““ zunächst scheitern. Erst im Rückblick wird deutlich, wie mutig und wegweisend Powells Werk tatsächlich war.
Heute wird „Peeping Tom – Augen der Angst“ nicht mehr als Skandalobjekt wahrgenommen, sondern als präzise, verstörende Analyse des menschlichen Blicks – und als Film, der das Publikum zwingt, sich selbst zu hinterfragen. Ein Meisterwerk, das seiner Zeit schlicht voraus war.
Ebenfalls ein Meisterwerk ist dieser sehr unbekannte Kriegsfilm - zumindest sagt das Quentin Tarantino. Welchen Titel er als „absolut wunderschön“ beschreibt und wie ihr diesen kostenlos sehen könnt, erfahrt ihr in folgendem FILMSTARTS-Artikel:
"Ein verdammtes Meisterwerk": Quentin Tarantino hat 2025 keinen besseren Film gesehen als dieses viel zu unbekannte Kriegs-AbenteuerFILMSTARTS bietet dir täglich die neuesten Nachrichten über Kino, Serien und Fernsehen. Abonniere FILMSTARTS hier bei Google Discover, um auch unsere Kritiken, Interviews, Streaming- und TV-Tipps sowie die besten und interessantesten Geschichten über deine Lieblingsfilme und -serien nicht zu verpassen.
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