Mit „Die Odyssee“ erzählt Christopher Nolan eine der größten Sagen der Geschichte. Matt Damon spielt König Odysseus, der im Trojanischen Krieg kämpft und bei der Eroberung der Stadt eine entscheidende Rolle übernimmt. Nach dem Sieg will er eigentlich nur noch zu seiner Familie zurückkehren. Doch damit beginnt eine lange, beschwerliche und von zahlreichen fantastischen Begegnungen geprägte Reise.
In seiner Heimat Ithaka halten ihn viele derweil längst für tot. Zahlreiche Männer machen seiner Frau Penelope (Anne Hathaway) den Hof, um durch eine Hochzeit mit ihr die Macht an sich zu reißen. Penelope schickt daher ihren Sohn Telemachos (Tom Holland) los, um mehr über das Schicksal seines Vaters herauszufinden.
Vor dem Dreh von "Die Odyssee" bekam der Cast erst mal Klassiker zu sehen
Seit dem 16. Juli 2026 ist „Die Odyssee“ in den deutschen Kinos zu sehen. Wer den Film bereits gesehen hat, dürfte dabei bemerkt haben, dass Nolan die antike Welt ganz anders inszeniert als viele andere Historien-Blockbuster. Statt glänzender Rüstungen und steriler Monumentalbauten dominieren Schmutz, Wind, Wasser, karge Landschaften und eine beinahe körperlich spürbare Härte. Warum sich Nolan für genau diesen Stil entschieden hat, lässt sich besser nachvollziehen, wenn man zwei seiner wichtigsten Vorbilder kennt.
Vor Beginn der Dreharbeiten zeigte Christopher Nolan seinem Cast und seiner Crew mehrere Filmklassiker. Dazu gehörte zum Beispiel Martin Scorseses Bibelverfilmung „Die letzte Versuchung Christi“. Als besonders prägende Einflüsse auf die konkrete Bildsprache von „Die Odyssee“ hob der Regisseur in einem Interview mit der New York Times jedoch vor allem zwei Werke hervor: Andrei Tarkowskis „Andrej Rubljow“ und Akira Kurosawas „Ran“.
Jetzt, wo wir „Die Odyssee“ selbst gesehen haben, wissen wir auch, warum er diese zwei Filme seinem Cast und seiner Crew gezeigt hat. Denn„Andrej Rubljow“ und „Ran“ muss man ganz sicher nicht gesehen haben, um der Handlung von „Die Odyssee“ folgen zu können. Wer Nolans ungewöhnlichen Umgang mit dem Stoff und seine formalen Entscheidungen wirklich nachvollziehen will, findet in den beiden Meisterwerken aber entscheidende Hinweise.
Vorbild Nr. 1: So erklärt "Andrej Rubljow" Nolans "Die Odyssee"
Tarkowskis historischer Episodenfilm aus dem Jahr 1966 begleitet einen Ikonenmaler durch das mittelalterliche Russland. Der Film ist weniger eine klassische Künstlerbiografie als eine von Gewalt, Glaubenszweifeln und spiritueller Sinnsuche geprägte Reise durch eine erbarmungslose Welt. „Andrej Rubljow“ habe „auf alle Beteiligten ziemlichen Eindruck gemacht“, erklärte Nolan im Interview. Vor allem die bemerkenswerten „Texturen“ des Films hätten ihn und sein Team beschäftigt.
Nachdem „Die Odyssee“ nun im Kino zu sehen ist, lässt sich dieser Einfluss kaum übersehen. Die Bilder mit ihren schmutzigen, nassen und gefährlichen Schauplätzen erinnern mehrfach an das Vorbild. Wenn Matt Damons Held durch Schlamm stampft und gegen das Wetter kämpft, wirken auch er immer wieder wie jemand, der seiner Umgebung vollkommen ausgeliefert ist. Aufgrund von Homers Vorlage dürfte Nolan zudem die episodische Struktur von „Andrej Rubljow“ interessiert haben. Auch hier sind die Parallelen nun sichtbar. Beide Werke bestehen aus einzelnen Stationen einer langen Reise, die sich aber nach und nach zu einem größeren Bild zusammensetzt. Dabei geht es weniger um die Reise selbst, als um Themen wie Schuld, Gewalt und die Suche nach einem Sinn.
Vorbild Nr. 2: So erklärt "Ran" Nolans "Die Odyssee"
Dass Akira Kurosawas Samurai-Epos „Ran“ eine so große Inspiration werden würde, war Nolan zunächst selbst nicht klar. „Ich habe ihn eher als Experiment gezeigt, weil ich nicht genau wusste, ob er überhaupt relevant sein würde“, erklärte er im Interview. Beim Anblick seines eigenen fertigen Films erkannte Nolan jedoch, welchen enormen Einfluss das Vorbild hatte. Besonders beeindruckt habe ihn bei Kurosawa die Beziehung zwischen der Umgebung und dem Wind. Auch die im Sturm flatternden Fahnen und Banner seien für das Team zu einem wichtigen visuellen Bezugspunkt geworden. „Ran“ gibt es übrigens aktuell bei Amazon Prime Video im Abo:
„Ran“ basiert lose auf William Shakespeares „King Lear“ und handelt von einem alternden Kriegsherrn, der sein Reich unter seinen drei Söhnen aufteilt und damit einen verheerenden Konflikt auslöst. Kurosawa nutzt gewaltige Landschaften, Stürme und andere Naturkräfte dabei immer wieder als Spiegel für den moralischen und gesellschaftlichen Zerfall seiner Figuren. Ähnlich funktioniert die Natur in „Die Odyssee“. Wind und Wasser sind auch hier nicht bloß die dramatische Kulisse für die Abenteuer von Odysseus, sondern bestimmen das Schicksal des Königs und seiner Crew. Nolan unterstreicht das mit seiner Inszenierung. Die Momente entfalten eine besondere körperliche Wucht, weil er echte Schiffe auf realen Gewässern einsetzte.
„Die Odyssee“ läuft seit dem 16. Juli 2026 in den deutschen Kinos. In der offiziellen FILMSTARTS-Kritik erhält Christopher Nolans fast dreistündiges Fantasy-Epos hervorragende 4,5 von 5 möglichen Sternen. Trotz der Vorbilder und Planungen entstand übrigens eine der besten Szenen des Films zufällig. Mehr dazu gibt es im folgenden Artikel:
Ein wunderschöner Zufall: Diese magische Szene in "Die Odyssee" entstand völlig ungeplant