So schlecht, dass alle ihn sehen wollen: Dieser Film macht plötzlich als Kino-Hit "Die Odyssee" Konkurrenz

In den ersten zehn Tagen gingen nicht einmal 300 Menschen ins Kino. Doch seitdem sich herumsprach, wie schlecht „Niu Lai“ sein soll, ist der Film ein Kino-Phänomen, taucht neben Hollywood-Giganten in den Charts auf und löst sogar eine Debatte aus.

Universal Pictures

Christopher Nolan drehte „Die Odyssee“ für geschätzte 250 Millionen Dollar, versammelte Stars wie Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway, Zendaya und Robert Pattinson und filmte als erster Regisseur überhaupt einen kompletten Spielfilm mit IMAX-Filmkameras. Herausgekommen ist einer der größten Kinohits des Jahres, der weltweit längst die Milliardenmarke übersprungen hat.

Demgegenüber steht der 86 Minuten lange chinesische Animationsfilm „Niu Lai“. Die Geschichte um ein neugeborenes Kalb und eine Lerche wurde über einen Zeitraum von fünf Jahren von gerade einmal zwei Menschen, einem Regisseur und seiner Mutter, realisiert. Die Animationen sehen aus, als stammten sie aus den Anfangstagen günstiger 3D-Software. Weder für Werbung noch für einen richtigen Trailer oder sogar Kinoplakate gab es im Vorfeld Geld.

Doch mittlerweile steht „Niu Lai“ neben „Die Odyssee“ oder auch „Spider-Man: Brand New Day“ in den chinesischen Kinocharts. Es ist das Ergebnis einer bemerkenswerten Geschichte, die sich kaum jemand so richtig erklären kann.

Von 300 auf 300.000 verkaufte Tickets

Dabei sah zunächst alles erst ganz normal aus. Dass „Niu Lai“ überhaupt in Kinos gezeigt wurde, grenzte schon an ein Wunder, doch erwartbar bekam niemand wirklich etwas davon mit. Laut dem Guardian spielte „Niu Lai“ in den ersten zehn Tagen nach dem Kinostart am 5. August 2026 gerade einmal 7.700 Yuan ein. Das sind nur etwas mehr als 1.100 Dollar. In ganz China wurden also in über einer Woche nicht einmal 300 Tickets verkauft.

Doch plötzlich passierte etwas Merkwürdiges. Die wenigen Leute, die den Film geschaut hatten, sorgten mit ihrem Spott im Netz dafür, dass er viral ging.

Kino-Hit mit Kuh: Szene aus Yumeng Xin
Kino-Hit mit Kuh: Szene aus "Niu Lai"

Auf chinesischen Social-Media- und Bewertungsplattformen häuften sich spöttische Reaktionen auf die kruden Animationen, die merkwürdige Geschichte und die gesamte Machart des Films. Im Netz wurde nur noch darüber geredet, wie miserabel dieser Film ist.

Ein gegenüber dem Guardian anonym bleibender Branchenvertreter fasste sein Urteil besonders drastisch zusammen. „Niu Lai“ sei „schlecht in jeder nur denkbaren Hinsicht“, egal ob man über die Handlung, die Effekte oder praktisch alles rede, was man von einem Film erwarten könne. Doch ausgerechnet darin sieht er auch den Grund für den Erfolg. Die katastrophale Qualität habe die Neugier des Publikums geweckt. Plötzlich wollten alle genau das mit eigenen Augen sehen.

Die negativen Reaktionen wurden immer mehr zum Meme. Leute empfahlen den Film plötzlich weiter, um anderen einen Streich zu spielen, oder verschenkten Tickets für das angebliche Must-See-Ereignis. Daraufhin kletterten plötzlich die Kinobesuchszahlen. Allein am Montag, dem 17. August, sollen rund 300.000 Menschen an einem einzigen Tag im Kino den Film gesehen haben, den vorher in über einer Woche nur 300 Leute schauen wollten. Mittlerweile steht er in den chinesischen Kinocharts Seite an Seite mit Produktionen wie „Spider-Man: Brand New Day“ und Christopher Nolans „Die Odyssee“.

Natürlich liegen die Zahlen noch deutlich hinter den Mega-Ergebnissen, die „Die Odyssee“ auch in China einfährt, doch in Sozialen Netzwerken wird bereits reichlich über die Konkurrenz gescherzt. Nolan sei wohl „fassungslos“, wenn er sich die Kinocharts anschaue und „mitansehen müsse, wie ‚Niu Lai‛ zum unverhofften Rivalen von ‚Die Odyssee‛ wird“, schreibt so EuroNews.com unter Verweis auf Netz-Stimmen.

Von fehlenden Filmplakaten bis hin zur Frage: "Darf man das zeigen?"

Viele diskutieren in China aktuell, was der Grund für den Erfolg ist. Schauen wirklich alle „Niu Lai“ (was sich ungefähr mit „Die Kuh kommt“ übersetzen lässt) nur, weil der Film so schlecht ist? Oder ist es vielleicht auch Teil einer Anti-KI-Bewegung, dass man jetzt einen Film feiert, den ein Regisseur und seine Mutter in Handarbeit über Jahre gemacht und bei dem die beiden sogar alle Stimmen selbst eingesprochen haben? Zu letzterem Aspekt passt auch der gefeierte Umgang mit einem der Probleme des Erfolgs.

Nachdem „Niu Lai“ viral gegangen war, wollten ihn auch immer mehr große chinesische Multiplex-Kinos zeigen. Weil es wie gesagt keine Filmposter gibt, wurden einfach selbst ein paar Plakate gezeichnet. So hängen in Kinos jetzt auch wirklich neben dem „Die Odyssee“-Poster teilweise kaum identifizierbare Krakeleien. Einige sind sogar mit kleinen Hinweisen versehen. Da stehen dann Warnungen, dass man sich den Film nur anschauen solle, wenn man auf „bizarre Dinge“ stehe, oder dass es keine Rückerstattung gebe, selbst wenn man den Saal nach wenigen Minuten verlasse. Einen kleinen Überblick über einige skurrile Poster-Erzeugnisse gibt es im folgenden Video:

Dass „Niu Lai“ jetzt in großen Multiplexen läuft, sorgt aber auch für Missstimmung und Kritik. Die Zeitung Beijing News, die gerne als Sprachrohr der Regierung gesehen wird, kritisierte dies ausgesprochen harsch. Kinos, die den Film zeigen, „riskieren einen Vertrauensverlust“, indem sie „ihre Standards so weit runtersenken“. Man fordere alle Kinos daher auf, doch bitte sofort wieder „als Türsteher für das Publikum zu agieren und Filme, die offensichtlich nicht dem Standard entsprechen, klar abzulehnen, anstatt Werken wie ‚Niu Lai‛ freien Lauf zu lassen“.

Viele gehen davon aus, dass die chinesische Regierung hinter diesem Appell steht und man dort eher mit Bauchschmerzen auf den ungewöhnlichen Erfolg schaut. Womöglich befürchtet man, dass die über Jahre erarbeitete Erfolgsstory vom Aufschwung des chinesischen Films hin zum Mega-Blockbuster „Ne Zha 2“, der mehr Geld als „Titanic“, „Star Wars 7“ und „Avengers: Endgame“ einspielte, durch die Billig-Animationen getrübt wird. Aber gleichzeitig scheint man sich auch nicht zu trauen, den ja dann doch harmlosen viralen Hit über eine Kuh aus den Kinos zu verbannen.

Ob das zum Internet-Phänomen avancierte, obskure Animationsprojekt „Niu Lai“ irgendwann auch außerhalb Chinas regulär zu sehen sein wird, ist bislang leider nicht bekannt.

Um ganz andere Zahlen und Erfolge geht es derweil im folgenden Artikel:

400-mal so viel wie bei seinem Marvel-Debüt: Tom Holland kassiert mit "Spider-Man: Brand New Day" richtig ab

Björn Becher
Björn Becher
-Mitglied der Chefredaktion
Seit mehr als 20 Jahren schreibt Björn Becher über Filme und Serien. Hier bei FILMSTARTS.de kümmert er sich um "Star Wars" - aber auch um alles, was gerade im Kino auf der großen Leinwand läuft.
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