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    Perspektive Deutsches Kino: 3 Kino-Highlights machen Lust auf die Zukunft des deutschen Films
    19.02.2022 um 12:00
    Tobias Mayer
    Tobias Mayer
    -Redakteur
    Tobias liebt „Star Wars 8“ – und noch sehr, sehr viele andere Filme. Kino ist dabei immer eine gute Idee (zu jeder Jahreszeit).

    Wir haben uns wie jedes Jahr alle Filme der Berlinale-Sektion Perspektive Deutsches Kino angesehen. Wie in den Vorjahren überzeugten vor allem die Dokumentarfilme, empfehlen können wir aber auch einen ungewöhnlichen Provinz-Krimi.

    Felix Pflieger / Nordpolaris

    +++ Meinung +++

    „Unerwartetes, originelle Ideen und die Freude am Ausprobieren sind die Kriterien, die unsere Filmauswahl bestimmen“ – so heißt es auf der Berlinale-Webseite über die 2002 gegründete Sektion Perspektive Deutsches Kino, in der junge Regisseur*innen ihre mehrheitlich in Deutschland produzierten Filme als Premieren präsentieren.

    Ich nehme die Sektion seit 2019 genau in den Blick und muss feststellen, dass mir in dieser Zeit nur wenige Filme untergekommen sind, die in ihrer Ästhetik, Dramaturgie oder Themenwahl besonders auffällig gegen den Strich gebürstet sind – eine Ausnahme besteht in der provokanten, vor Theaterkulissen gefilmten, feministischen Komödie „Das melancholische Mädchen“, die aber auf dem Max-Ophüls-Festival Premiere hatte und darum im Jahrgang 2019 nur als Gastbeitrag lief.

    Aber egal, ob die Perspektive-Filme dem Anspruch der Sektion nun immer gerecht werden oder nicht, eine Handvoll bemerkenswerter Beiträge habe ich in jedem Jahr gefunden und 2022 bildet da zum Glück keine Ausnahme. Dabei darf man sich Hoffnungen machen, dass einige der Filme auch außerhalb der begrenzten Zuschauerschaft der Berlinale gezeigt werden. Zumindest ein paar meiner Tipps aus den Vorjahren („Das melancholische Mädchen“, die eindrückliche Doku „Born in Evin“ und die absolut verblüffende Familien-Doku „Walchensee Forever“) wurden jedenfalls allesamt auch regulär in den Kinos gezeigt.

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    2022 setzt sich nun ein Trend fort, den ich schon 2019, 2020 und 2021 festgestellt habe: Die besten Perspektive-Filme sind Dokumentarfilme.

    "Ladies Only": Amy aus "Gone Girl" ist eine Heldin!

    Es mag ja stimmen, dass die Opfer- und Täterrollen in dem von David Fincher verfilmten Bestseller-Thriller „Gone Girl“ nicht ganz so eindeutig verteilt sind, wie es am Anfang scheint. Die skrupellose Ehefrau Amy (im Film: Rosamund Pike) aber als Heldin zu bezeichnen, das würde wahrscheinlich den wenigsten Zuschauer*innen und Leser*innen einfallen. Doch im Dokumentarfilm „Ladies Only“ wird Amy trotzdem in den Heldenstatus erhoben – von einer indischen Frau, die sich in einem Zug als riesengroßer Amy-Fan outet.

    „Ladies Only“ wurde in Zügen in Mumbai aufgenommen. Frauen und Männer können dort getrennt voneinander reisen. Regisseurin Rebana Liz John interviewt dabei ausschließlich Passagierinnen, die in für Frauen reservierten Abteilen sitzen. Sie sollen durch diese räumliche Trennung vor sexueller Belästigung geschützt werden, die in Indien ein großes Problem darstellt. Die eben genannte „Gone Girl“-Anhängerin ist eine dieser Frauen im Zug und für sie ist Amy nicht weniger als eine „manipulative Heldin“, wie sie der Regisseurin fröhlich erzählt.

    Das mag eine provokante These sein, doch man (n) versteht in „Ladies Only“ sehr schnell, warum ausgerechnet Amy diesen Heldenstatus verliehen bekommt: Das Bild, das die interviewten Frauen von der patriarchalen indischen Gesellschaft zeichnen, ist verheerend: Es gilt demnach, die faulen und dominanten Männer einfach irgendwie auszuhalten. Ändern wird sich ja doch nichts und eine willkommene Ausflucht sind dann eben Geschichten wie „Gone Girl“, wo Amy gleich mehrere Männer nach ihren Gunsten rücksichtslos manipuliert.

    Die Stärke von „Ladies Only“ liegt dabei in den unterschiedlichen weiblichen Perspektiven, die sich teilweise stark voneinander unterscheiden. Ein im Zug vorgetragenes, feministisches Gedicht stößt bei einer jüngeren Frau auf Zustimmung und wird von einer älteren lautstark meckernd abgelehnt, sie hat offenkundig ein großes Problem mit der Idee weiblicher Selbstbestimmung. „Ladies Only“ ist eine mitreißende und – siehe „Gone Girl“ – durchaus verblüffende Doku über den feministischen Kampf in Indien, aber sie ist nicht naiv: Die Trennlinie zwischen Fortschritt und Patriarchat verläuft hier eben nicht in jedem Fall zwischen den Geschlechtern.

    "Sorry Genosse": Gar nicht trockene Geschichtsstunde über Liebe und Flucht

    In Dokumentarfilmen kommen die Regisseur*innen nicht immer selbst zu Wort, sondern bleiben oft auch in der Rolle von Beobachtenden. Immer wieder aber wird mit diesem Prinzip gebrochen (am prominentesten macht das Werner Herzog in Dokus wie „Begegnungen am Ende der Welt“ und „Grizzly Man“). Auch die Regisseurin Vera Brückner zeigt sich in „Sorry Genosse“ als begeisterte Kommentatorin ihres eigenen Films – und warum auch nicht? Brückners offensichtliche Freude über die von ihr dokumentierte Geschichte ist schließlich so mitreißend wie nachvollziehbar.

    Es geht um das Liebespaar Hedi und Karl-Heinz. Sie war eine Medizinstudentin aus der DDR und er war ein linker Aktivist aus Westdeutschland. Beide waren durch die Mauer voneinander getrennt und mussten daher per Post kommunizieren. Doch an dieser Stelle verläuft die Geschichte in „Sorry Genosse“ erst mal ganz anders, als erwartet: Es ist nämlich zuerst der Wessi, der rübermacht: Der vom Kapitalismus und der US-amerikanischen Vormachtstellung genervte Karl-Heinz zieht in die DDR, um seiner Hedi nahe zu sein und um vielleicht in einem besseren Land zu leben.

    Damit zeigt „Sorry Genosse“ eine Sicht, die zwischen der berechtigten Kritik am völlig gescheiterten und menschenfeindlichen Experiment „DDR“ und einer (n)ostalgischen Verklärung dieser Diktatur nur selten repräsentiert wird: dass die Idee einer sozialistischen Gesellschaft als Gegenmodell zum westlichen Kapitalismus unter westdeutschen Intellektuellen durchaus anziehend wirken konnte. Außerdem ist es rührend, wie offen und bewegt die älteren Hedi und Karl-Heinz in „Sorry Genosse“ auf ihre außergewöhnliche Liebesgeschichte zurückblicken, die ansonsten auch durch alte Fotos, Briefe und Filmaufnahmen dokumentiert wird.

    Im letzten Akt des Films zeichnen Vera Brückner und ihr Team dann eine Flucht von der DDR nach Westdeutschland nach, die so ausgefallen ist und von so vielen unwahrscheinlichen Zufällen erschwert wird, dass sich eine Adaption als Komödie der Sorte „Good Bye, Lenin“ oder „Sonnenalle“ anbietet. Karl-Heinz hat gemerkt, wie unfrei die DDR ist, er und eine ganze Gruppe aus eingeschworenen Freunden ersinnen daraufhin einen elaborierten Plan zur Flucht, bei dem ich so was von mitgefiebert habe, obwohl ich vorher wusste, wie es ausgehen wird.

    "Echo": Ein ganz anderer Provinz-Krimi

    Echo“ von Sabine Panossian ist der einzige Spielfilm unter den Tipps. Hier ermittelt die Polizisten Saskia Harder (Valery Tscheplanowa) im niedersächsischen Dorf Friedland, nachdem ihr Einsatz als Ausbilderin in Afghanistan durch einen Bombenanschlag beendet wurde. Saskia ist traumatisiert und muss daher ihre Nerven schonen. Die Untersuchung einer Moorleiche verspricht, nicht allzu aufregend zu werden.

    Tatsächlich aber erlebt Friedland bald die größte Aufregung seit Jahren, als zusätzlich zur Leiche eine nicht detonierte Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden wird, die mit großem Aufwand entschärft werden muss. Auf dem Papier mag die Handlung von „Echo“ damit klingen wie die Story eines typischen, öffentlich-rechtlichen Provinz-Krimis.

    Sabine Panossian / GRANDFILM
    Ein Dorf wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert.

    Regisseurin Mareike Wegener aber macht daraus – nicht zuletzt mit der Hilfe von Kamerafrau Sabine Panossian – eine eigensinnige, anregende und mitunter sehr lustige Meditation über das Echo deutscher Geschichte. Ähnlich wie im anderen Perspektive-Beitrag „Schweigend steht der Wald“ wird sich der Vergangenheit eines Ortes hier durch Nachforschungen im Wald genähert, doch die Historie in „Echo“ ist längst nicht so greifbar, sie bleibt nebulös. Gerade damit ist der Film für mich so interessant: „Echo“ ist eine Einladung, sich mit Geschichte zu beschäftigen, ein Ausgangspunkt für eigene Gedanken und schlägt einen großen Bogen bis in die griechische Antike. Meine ausführlicheren Gedanken zum Film lest ihr in meiner Kritik:

    FILMSTARTS-Kritik zu „Echo“
    Alle Perspektive-Filme in der Übersicht
    •  „Echo“ von Mareike Wegener
    •  „Gewalten“ von Constantin Hatz
    •  „Ladies Only“ von Rebana Liz John
    •  „Rondo“ von Katharina Rivilis
    •  „Schweigend steht der Wald“ von Saralisa Volm
    •  „Sorry Genosse“ von Vera Brückner
    •  „Wir könnten genauso gut tot sein“ von Natalia Sinelnikova
    •  Gastbeitrag: „Fallada – letztes Kapitel“ von Roland Gräf

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