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    Traumfabrik
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Traumfabrik

    So eine Liebe gibt es nur im Kino

    Von Oliver Kube
    Kaum ein anderes Filmstudio der Welt hat eine dermaßen bewegte, teilweise dramatische und trotzdem über so lange Jahre erstaunlich erfolgreiche Geschichte vorzuweisen wie das Studio Babelsberg in Potsdam: Urban Gads Stummfilm „Der Totentanz“ war 1912 das erste vor den Toren Berlins fertiggestellte Werk. Dann folgte in den 1920ern und frühen 1930ern die bis heute unerreichte Hochphase des deutschen Kinos mit global anerkannten Meilensteinen wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“, dem ersten Sci-Fi-Langfilm „Metropolis“ oder „Der blaue Engel“, bevor Babelsberg unter der Nazi-Herrschaft zum Zentrum von Goebbels' Propaganda-Maschine mutierte. Neben Hasstiraden wie „Jud Süss“ entstanden in dieser Zeit auch Komödien wie „Die Feuerzangenbowle“, um das kriegsgebeutelte Volk bei Laune zu halten. Nach der Kapitulation wurde im sowjetischen Sektor die DEFA gegründet und das Gelände in sie eingegliedert. Über 700 Kinofilme und mehr als 600 Fernsehproduktionen entstanden hier zu DDR-Zeiten.

    Aus internationaler Sicht begann ab 1946 allerdings ein Niedergang bis fast in die Bedeutungslosigkeit, der bis zur Wiedervereinigung anhielt. Erst nach der Wende und erfolgter Privatisierung ging es mit Babelsberg wieder bergauf. Seitdem wurden neben deutschen Großproduktionen wie „Unsere Mütter, unsere Väter“ oder „Babylon Berlin“ auch die Welterfolge „Die Bourne Verschwörung“, „Inglourious Basterds“ und „Die Tribute von Panem 3 - Mockingjay“ gedreht. Da war es längst überfällig, einen Spielfilm zu erschaffen, der sich – zumindest im Hintergrund – mit dieser einmaligen Historie befasst. Mit seiner romantischen Tragikomödie „Traumfabrik“ hat Regisseur Martin Schreier („Unsere Zeit ist jetzt“) den Schritt nun gewagt. Und wer weiß? Bei entsprechendem Erfolg könnte dies vielleicht gar der Start einer ganzen Reihe von Werken über menschliche Geschichten in und um Babelsberg sein.

    Ein Blick in die Traumfabrik.


    In den DEFA-Studios werden im Sommer 1961 parallel acht Filme gedreht. Der just aus dem Militärdienst entlassene Emil (Dennis Mojen) stolpert durch das große Eingangstor auf der Suche nach seinem Bruder Alex (Ken Duken), der in all dem Trubel als Kulissenbauer arbeitet. Die große Glamourwelt interessiert Emil allerdings wenig. Er hofft lediglich, Alex könne ihm irgendeinen Job verschaffen, bis er weiß, was er mit dem Rest seines noch jungen Lebens anstellen soll. Dank Alex‘ Beziehungen darf der etwas naive Träumer tatsächlich prompt als Komparse anfangen. Schon bevor die erste Klappe fällt, trifft er dabei das französische Tanzdouble Milou (Emilia Schüle) und verliebt sich auf der Stelle und unsterblich in sie. Als nur Tage später auf einmal die Sektorenübergänge geschlossen werden, findet sich das Paar am Morgen des 13. August aber plötzlich auf unterschiedlichen Seiten einer unüberwindlich erscheinenden Grenze wieder. Emil muss kreativ werden, um seine Angebetete wiedersehen zu können. So heckt er einen Plan aus, der dermaßen verrückt und größenwahnsinnig ist, dass er tatsächlich funktionieren könnte: Er gibt sich als Regietalent aus und beginnt einen Monumentalschinken mit einer opulenten Tanzszene zu drehen, für die Milou unbedingt wieder in den Osten kommen muss …

    Es ist ein ebenso überraschender wie kluger Schachzug von Schreier und Drehbuchautor Arend Remmers („Schneeflöckchen“), sich ausgerechnet für diesen vergleichsweise eher unspektakulär anmutenden Zeitraum in der bewegten Geschichte des Studios zu entscheiden. Denn über die Optik und die hausinternen Vorgänge der Ära ist bis heute längst nicht so viel bekannt beziehungsweise in Buchform geschrieben oder via TV-Dokus gezeigt worden wie über die glorreiche Ära während der 1920er oder den Abschnitt, als man unter dem Kommando der Nationalsozialisten operierte. So glaubt nicht jeder Zweite im Zuschauersaal zu wissen, wie damals alles ausgesehen habe oder abgelaufen sein müsste. Der Regisseur kann also mit Hilfe seines Kameramanns Martin Schlecht („Honig im Kopf“) einen eigenen Mikrokosmos erschaffen. Der kommt im CinemaScope-Format (2.39:1) daher, bietet grelle, fast schon übersättigte Farben sowie gleißendes Licht, ist bis ins Detail liebevoll ausgestattet und wird von streckenweise sehr pompöser Musik (Philipp Noll, „Bettys Diagnose“) im Dolby-Atmos-Sound begleitet. Derlei audiovisueller Bombast passt prima zu den großen Gefühlen des Protagonisten und der durch sie überhöht erscheinenden Realität, in der er lebt.

    Starke Schauspieler & viel Zuckerguss


    Dennis Mojen („Lotta & der schöne Schein“) und Emilia Schüle („Jugend ohne Gott“) sind in diesem Umfeld sofort glaubhaft als so unterschiedliches und doch für einander bestimmt scheinendes Pärchen. Der Zuschauer drückt dem verträumten Emil und der viel rationaleren, aber ebenso romantischen Milou ab ihrem ersten, die Kulissen buchstäblich in Brand setzenden Kuss über die weiteren diversen Verwicklungen und Turbulenzen hindurch gern die Daumen. Hilfreich ist dabei, dass es zunächst ein Weilchen dauert, bis sie seinem unbeholfenen Charme erliegt. Einige der Nebenfiguren, wie der von Ken Duken („Berlin Falling“) gespielte, hemdsärmelige Alex, Milous Chefin, ein überkandidelter, internationaler Filmstar (Ellenie Salvo González, „Wie Männer über Frauen reden“) oder der herrische Studioboss Beck (Heiner Lauterbach), machen mit ihren kleinen und großen Charaktereigenheiten ebenfalls richtig Spaß. Da stört es nicht weiter, dass ein paar andere Parts – etwa Nikolai Kinski („Axolotl Overkill“) als Milous West-Lover oder ein paar trinkfreudige sowjetische Kollegen von Alex (Lenn Kudrjawizki, Yevgeni Sitokhin) – eher eindimensional beziehungsweise arg klischeehaft und stereotyp gezeichnet sind.

    Für verwundertes Kopfkratzen sorgt höchstens eine in unserer Gegenwart verortete Rahmenhandlung. Dieses Segment sieht zwar wunderbar aus und wird von Michael Gwisdek („Das schweigende Klassenzimmer“) herzerwärmend gespielt, ist mit Blick auf die eigentliche Story allerdings eher überflüssig. Hier sollen dem Zuschauer wohl lediglich noch ein paar zusätzliche Tränen der Rührung entlockt werden. Das wäre aber wie der schon sehr klebrige Zuckerguss über dem ganzen Geschehen aber gar nicht nötig, denn für Gefühle sorgt das letzte Drittel der Haupthandlung um Emil und Milou schon selbst. Egal, ob die Macher die Überdramatisierung bewusst einsetzen oder einfach ihre eigenen Emotionen mit ihnen durchgegangen sind: Wirklich böse kann man ihnen dafür nicht sein, dass sie etwas – gelegentlich sogar etwas sehr – über das Ziel hinausschießen. Schließlich ist das alles, man erinnere sich an den Filmtitel, keine sture Abbildung unseres manchmal arg schnöden Alltags. Es ist Kino. Und das darf nun mal gern um einiges größer, bunter, strahlender und bewegender sein als das wahre Leben …

    Fazit: Kein Babelsberg-Klassiker für die Ewigkeit, aber eine sympathisch turbulente, kurzweilige, streckenweise witzige, wenn auch unnötig überzuckerte Lovestory vor (film)historischer Kulisse.

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