Horror in der Tradition der erotischen Paranoia-Thriller der Neunziger
Von Thorsten HanischWenn gleich in den ersten Minuten ein splitterfasernacktes Pärchen durch den Wald rennt, verfolgt von einem geheimnisvollen Armbrustschützen, der einen Bolzen nach dem anderen auf die beiden abfeuert, und schließlich in Großaufnahme ein Hodensack von einem Geschoss durchbohrt wird, kriegen zumindest Fans von Exploitation-Slasher-Filmen glitzernde Augen und reiben sich in freudiger Erwartung die Hände. Doch der Auftakt führt in die Irre:
Statt um einen weiteren „Freitag, der 13.“-Klon handelt es sich bei „Bone Lake“ um einen mit Twists gespickten Erotik-Thriller, der noch am ehesten in der Tradition einer Welle von schlüpfrigen Produktionen steht, die in den 1990er-Jahren im Kino und in den Videotheken mit einer Mischung aus Spannung und nackten Tatsachen für Entzücken sorgten: Wer also Filme wie „The Hot Spot“ (1990), „Basic Instinct“ (1992), „Poison Ivy“ (1992), „Sliver“ (1993), „Body Of Evidence“ (1993) oder „Wild Things“ (1998) mag, wird auch hier auf seine Kosten kommen. Allerdings lässt die Spannung im Finale deutlich nach, zumal „Bone Lake“ nach seinem Auftakt erstaunlich/enttäuschend züchtig bleibt und ein doch sehr ausgelutschtes Motiv für die Gräueltaten präsentiert.
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Diego (Marco Pigossi) und Sage (Maddie Hasson) wollen einen romantischen Urlaub in einem abgelegenen Anwesen am See, dem titelgebenden Bone Lake, verbringen. Doch dann taucht plötzlich ein weiteres Pärchen auf: Will (Alex Roe) und Cin (Andra Nechita), gutaussehend, charismatisch, freizügig. Offenbar wurde das luxuriöse Haus doppelt vermietet. Man einigt sich deshalb darauf, es mal miteinander zu versuchen, bei dem Riesenschloss ja kein Problem – und zunächst läuft es sich auch ziemlich gut an.
Doch Sage kommt die neue Bekanntschaft bald ein wenig seltsam vor und schließlich kommt der erste große Knacks: Will macht Cin überraschend einen Heiratsantrag – und zwar mit genau dem Ring, mit dem eigentlich Diego Sage einen Antrag machen wollte. Will redet sich zwar einigermaßen überzeugend raus, doch nach und nach wird für Sage und Diego immer klarer, dass das andere Paar vermutlich etwas im Schilde führt. Oder ist das doch nur Paranoia, die sich da in ihnen regt…
Wenn das Mysterium schließlich gelüftet wird, beginnt das zwar immer noch recht unterhaltsame, aber wenig spannende Finale des Films, der damit in relativ zahme Slasher-Gefilde kippt, in denen zwar eine Kettensäge gezückt wird, aber die Blutwurst trotzdem nicht so richtig kreist. Enttäuschender ist das Motiv hinter den Taten, denn die verkorkste Welt der Upperclass war in den letzten Jahren von „Triangle Of Sadness“ über „Squid Game“ bis hin zu den „Hostel“-Filmen Dauer-Thema in Filmen wie Serien. Zudem sind längere Rückblicke, in denen die Motivationen und Vorgehensweisen erklärt werden, ja meistens nicht besonders prickelnd.
Dass „Bone Lake“ im Schlussdrittel in die Mittelmäßigkeit abrutscht, ist ausgesprochen bedauerlich, denn in der ersten Stunde macht der Film von Mercedes Bryce Morgan, die auch schon als Musikvideoregisseurin für Trap-/Dubstep-Superstar Marshmello aktiv war, ziemlich viel Spaß. Das liegt nicht nur an der gelungenen, dynamischen Inszenierung, die mit satten Farben und einfallsreichen Kamerabewegungen punktet, sondern genauso an einer Story, die lange Zeit gewisse Ambivalenzen zulässt.
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So wirken Will und Cin trotz ihres sehr selbstsicheren, fast schon glatten Auftreten charismatisch und werden so zur Projektionsfläche der Wunschträume von Sage und Diego. Die beiden verkörpern nämlich das klassische, ein wenig verdruckste Next-Door-Durchschnittspärchen, bei dem sich schnell Brüchigkeiten bemerkbar machen. So unterstützt sie ihn zwar finanziell, damit er seine College-Anstellung aufgeben und seinen Schriftsteller-Träumen nachgehen kann, scheint aber nicht so wirklich von seinen Fähigkeiten überzeugt zu sein. Diego wiederum leidet noch immer darunter, dass Sage wenige Monate nach Beginn ihrer Beziehung Sex mit ihrem Ex hatte. Da käme eine Affäre mit der verführerischen Cin als „Rache-Sex“ theoretisch gerade Recht.
Laut Sage war der Seitensprung zwar bedeutungslos, aber ob das so stimmt, bleibt offen, denn Diego entpuppt sich im Bett als konservativ und scheint ihre Bedürfnisse nicht zu befriedigen, was in einer eindringlichen Szene deutlich gemacht wird: So überrascht er sie bei der Masturbation in der Badewanne, sie hat aber kein Interesse, dass er dazukommt. Da scheint der fesche Will doch mehr Eindruck gemacht zu haben, oder doch nicht? „Bone Lake“ spielt eine Weile mit der Erwartung von Neubildungen der Konstellationen, entscheidet sich dann aber für den einfachsten Weg: Die einen sind gut, die anderen bitterböse. So feiert „Bone Lake“ am Ende auf gewisse Weise auch Kleinbürgerlichkeit.
Fazit: Schick gemachter, lange Zeit mitreißender Erotik-Thriller mit einem Schuss Slasher, der an 1990er-Jahre-Produktionen erinnert und mit vier überzeugenden Darsteller*innen aufwartet. Zugleich macht es sich „Bone Lake“ gerade im letzten Drittel aber etwas arg bequem, zumal er trotz aller angedeuteter Erotik erstaunlich züchtig bleibt.