Wenn nichts einen Sinn hat
Von Michael BendixFrançois Ozon ist nicht nur ein Vielfilmer, sondern auch ein Vieles-Filmer. Allein in den letzten fünf Jahren hat der französische Regisseur sich so unterschiedlichen Stoffen wie einer queeren Coming-of-Age-Geschichte („Sommer 85“), einem Sterbehilfe-Drama („Alles ist gut gegangen“), einer theatralen Rainer-Werner-Fassbinder-Adaption („Peter von Kant“), einer Krimikomödie („Mein fabelhaftes Verbrechen“) und zuletzt einer an Claude Chabrol erinnernden Mischung aus Thriller und Familiendrama („Wenn der Herbst naht“) gewidmet.
Kaum ein Jahr später wagt sich Ozon nun an ein Stück Weltliteratur: „Der Fremde“ von Albert Camus, ein Hauptwerk des Existenzialismus und eines der meistgedruckten französischen Bücher des 20. Jahrhunderts. Was genau den „8 Frauen“-Macher aber hier und jetzt an dem bereits 1967 von der italienischen Kino-Legende Luchino Visconti verfilmten Roman gereizt haben mag, wird in seiner Adaption nicht immer ganz klar. Zu Beginn deutet sich eine Perspektivverschiebung oder zumindest -erweiterung an: Camus' 1942 verfasster Roman spielte zwar ebenfalls im kolonisierten Algerien, nutzte diesen Kontext aber lediglich als Hintergrund, ohne die koloniale Erfahrung explizit zum Thema zu machen (der algerische Schriftsteller Kamel Daoud hat ihm deshalb sogar mit einer Art „Gegenroman“ aus der Perspektive des Opfers geantwortet).
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Die neue Verfilmung wird eingeleitet von Archivmaterial, das die Errungenschaften der Fremdherrschaft des nordafrikanischen Landes durch Frankreich feiern – wo in der Hauptstadt Algier früher provisorische, chaotische Zustände geherrscht hätten, blühe heute das Leben. Dass dieses blühende Leben vor allem den Europäern vorbehalten war, verraten später unter anderem zahlreiche „Betreten verboten“-Schilder, die sich explizit an die indigene Bevölkerung richten. Auch die Nationale Befreiungsfront, die einen gewalttätigen Kampf gegen die Kolonialherren führte und maßgeblich zur Auflösung des kolonialen Systems beitrug, findet in den Aufnahmen Erwähnung, obwohl sie sich erst ein Jahrzehnt nach dem Erscheinen von „Der Fremde“ formiert hat.
Nun gehört es in einer Zeit der postkolonialen Diskurse zum guten Ton, auf die komplexen politischen, sozialen und kulturellen Spannungen zumindest zu verweisen. Darüber hinaus hält sich Ozon aber eng an seine Vorlage. Im Mittelpunkt steht der junge Handelsangestellte Meursault (Benjamin Voisin), der in Algier wegen des Mordes an einem Araber ins Gefängnis kommt. In Rückblenden erfahren wir, wie es dazu gekommen ist – wobei das, was passiert, weniger wichtig ist als die Frage, wie sich Meursault dazu verhält.
Als den Protagonisten die Nachricht vom Tod seiner in einem Altenheim lebenden Mutter ereilt, reagiert er darauf ohne jede Emotion. Seine Gleichgültigkeit bekommt auch bei der Beerdigung keine Brüche, bei der er etwa erfährt, dass seine Mutter noch im hohen Alter einen Verlobten hatte. An sozialen Ritualen wie etwa dem Aufstehen bei der Trauerrede nimmt Meursault nicht oder nur verzögert teil, weniger aus Unhöflichkeit, sondern weil er ihren Sinn schlichtweg nicht versteht.
So geht es ihm auch mit allem anderen: „Ein Leben ist so gut wie das andere“, antwortet er auf die Frage, ob es ihn reizen würde, für einen ihm angebotenen neuen Posten nach Paris zu ziehen. Wenn Marie (Rebecca Marder), mit der er ein Liebesverhältnis beginnt, von ihm wissen will, ob er sie denn liebe, entgegnet Meursault, dass das ohnehin keine Bedeutung habe. Und auch seiner drohenden Verurteilung wegen eines offenbar ohne rationales Motiv begangenen Mordes begegnet er (zumindest zunächst) indifferent. Wenn das Leben keinen Sinn hat, warum soll dann irgendetwas darin einen Sinn haben?
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Meursault, von Benjamin Voisin mit besorgniserregend leeren Augen gespielt, wandelt also zwei Stunden lang auf dem schmalen Grat zwischen dem Hinterfragen menschgemachter Ordnung innerhalb einer grundlegend als absurd empfundenen Existenz und reinem Nihilismus. Vor Gericht wird seine Weltsicht zum eigentlichen Gegenstand der Anklage, was wiederum Fragen aufwirft nach dem Verhältnis von individueller Freiheit und gesellschaftlicher Norm, objektivierbarem Recht und festgeschriebenem Moralempfinden. All diese Ambivalenzen sind aber bereits im Roman angelegt, und Ozon löst sich so wenig von den Themen und Thesen seines übergroßen Ausgangsmaterials, dass „Der Fremde“ bisweilen starr und unpersönlich wirkt.
Dieses Gefühl wird von den körnigen Schwarz-Weiß-Bildern, die wie das dem Film vorangestellte alte Logo der Produktionsfirma Gaumont den Eindruck einer Zeitkapsel vermitteln, nur noch einmal fett unterstrichen. Was fehlt, ist dabei nicht unbedingt eine Aktualisierung, aber doch ein Ansatz, mit dem sich Ozon den Stoff aktiv zu eigen macht (ein kurzer Hinweis auf unerfülltes homoerotisches Begehren bleibt in der Luft hängen). Immerhin gelingen dem in seinen besten Momenten hypnotisch wabernden Film einige sinnliche Impressionen, von Körpern, die sich aus der Untersicht gefilmt im Wasser berühren, oder auch Voisin, bei dem Rauchen wieder so sexy sein darf wie in Zeiten der Nouvelle Vague.
Fazit: Mit „Der Fremde“ hat sich François Ozon einen der größten französischen Romane überhaupt vorgeknöpft – und enttäuscht trotz teils einnehmender Atmosphäre und einigen hübschen Schwarz-Weiß-Bildern als etwas zu sehr an seinem Ausgangsmaterials klebendes Literaturkino.
Wir haben „Der Fremde“ im Rahmen des Venedig Filmfest 2025 gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.