Für Netflix führt Kate Winslet zum ersten Mal Regie!
Von Lutz GranertSiebenmal war sie bereits für einen Oscar nominiert, für ihre Performance als ehemalige KZ-Aufseherin in „Der Vorleser“ hat sie ihn schließlich gewonnen: „Titanic“-Star Kate Winslet zählt zweifellos zu den renommiertesten Schauspielerinnen ihrer Generation. Neben gelegentlichen Blockbuster-Parts wie aktuell in „Avatar 3: Fire And Ash“ ist sie dabei vor allem regelmäßig in gehobenen Dramen wie zuletzt dem veritablen Arthouse-Hit „Die Fotografin“ zu sehen. Während sie dort auch die Funktion einer Koproduzentin übernahm, war in einer kleinen Rolle auch ihr Sohn Joe Anders (gebürtig: Joe Alfie Winslet Mendes) mit dabei. Sicherlich kein Zufall, denn in den vergangenen Jahren wurde die Familie noch einmal besonders eng zusammengeschweißt, nachdem Winslets Mutter 2017 qualvoll ihrer Eierstockkrebs-Erkrankung erlegen war.
Während Kate Winslet ihre Popularität nutzte, um in Kampagnen öffentlich auf die Krankheit aufmerksam zu machen und Spenden für die weitere Erforschung einzusammeln, verarbeitete Joe Anders seine Gedanken zu einem Filmskript. Ehrensache, dass Kate Winslet den so persönlichen Stoff für ihr im März und April 2025 an Schauplätzen in London gedrehtes Regiedebüt „Goodbye June“ auserkoren hat. Pünktlich zu Weihnachten startet das neben Winslet unter anderem mit Andrea Riseborough („Good Boy“), Toni Collette („Mickey 17“) und Helen Mirren („Die Queen“) hochkarätig besetzte Familiendrama nun auf Netflix.
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Zwei Wochen vor Weihnachten bricht June (Helen Mirren) eines Morgens beim Teekochen zusammen. Im Krankenhaus wird festgestellt, dass sich eine unheilbare Krebserkrankung weiter ausgebreitet hat und sie sehr bald sterben wird. Das noch bei June und ihrem trinkseligen Ehemann Bernie (Timothy Spall) lebende Nesthäkchen Connor (Johnny Flynn) trommelt deshalb seine sehr unterschiedlichen Schwestern zusammen, um sich von der Mutter zu verabschieden. Die toughe Karrierefrau Julia (Kate Winslet), die Öko-Mutter Molly (Andrea Riseborough) und die hochschwangere Yoga-Lehrerin Helen (Toni Collette) haben sich jedoch in den letzten Jahren voneinander entfremdet. Kann eine Aussöhnung noch vor Junes Tod gelingen?
Die Lage ist also buchstäblich todernst – und Joe Anders eröffnet den Plot, der dem sich immer weiter verschlechternden Gesundheitszustand der Titelfigur folgt, zunächst noch mit holprigen Auflockerungsversuchen Gerade die Einführung von Helen ist alles andere als souverän: Julia ruft sie ausgerechnet während eines Holistic-Dance-Kurses mit Raucherstäbchen an – und bekommt von ihr die alberne Geschichte einer Frau zu hören, die nackt auf einem Katalog ausgerutscht und infolge des Sturzes verstorben ist. Das enervierende Kugelschreiber-Klicken von Junes behandelndem Arzt bei der Besprechung der Diagnose macht die angespannte Molly zunehmend rasend – und die etwas zu lang geratene Szene lässt einen auch durch Winslets nüchterne Inszenierung eher ratlos zurück. Warum wird hier versucht, das Drama mit halbgaren Jokes auf Krampf aufzulockern?
Aber zum Glück kommen die witzigen Einsprengsel mit zunehmender Laufzeit nicht nur seltener, sondern dann auch deutlich geschmeidiger daher. So etwa, wenn sich Mollys trottelig-liebenswerter Ehemann Jerry wie ein kleines Kind darüber freut, dass er als Weihnachtsbraten gleich drei verschiedene Geflügel in einem ergattern konnte. Klebriger Weihnachtskitsch wird zum Glück ausgespart. Knallhart zu Herzen geht „Goodbye June“ aber spätestens dann, wenn die Familie für die schwache, mit Schmerzmitteln vollgepumpte June ein vorgezogenes, improvisiertes Krippenspiel im Krankenzimmer aufführt.
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Getragen wird „Goodbye June“ dabei vor allem von seinem hochkarätigen Ensemble. Mit ihrem Geplapper von freier Liebe und Esoterik sorgt die genüsslich aufspielende Toni Collette zwar für die meisten humoristischen Elemente, bleibt so aber bis zum Ende eine eher alberne und klischeebeladene Witzfigur. Der Aktionsradius von Helen Mirren als stets zurücksteckende Sterbende unter dickem Make-up bleibt auf das Krankenbett und einige lebenskluge Dialoge und Styling-Tipps („Gelb steht Helen einfach nicht“) beschränkt.
Dankbarere Parts übernehmen Johnny Flynn („The Outfit“), der als Fingernägel-knabberndes Nervenwrack überzeugt, sowie eben Kate Winslet und Andrea Riseborough. Gemeinsam bestreiten sie auch die – bei Verzicht auf schmückendes Beiwerk – intensivste Szene des Films: Als Regisseurin gibt Winslet den Schwestern Julia und Molly in einem präzise geschnittenen, siebenminütigen Krankenhausflur-Dialog beim gemeinsamen Vertilgen eines Schokoriegels erfreulich viel Raum, um vielschichtig über die eigene Wut, Vorbilder, Lebenskrisen und Verantwortung zu reflektieren. Das ist bodenständig, realistisch – und „Goodbye June“ bietet gerade in diesem bescheidenen Moment tatsächlich ganz großes Schauspielerinnen-Kino.
Fazit: Kate Winslet erzählt in ihrem sehr persönlichen Regiedebüt „Goodbye June“ mit einem spielfreudigen Ensemble eine tragische weihnachtliche Familiengeschichte, die streckenweise tief berührt und Kitsch weitestgehend ausspart. Der mitunter etwas sehr grelle Humor passt allerdings nicht so ganz zur Besinnlichkeit der Festtage.