Die weibliche Antwort auf den Joker (und noch viel, viel mehr)
Von Christoph PetersenMistgabeln sind out. Trotzdem könnte man sich gut vorstellen, dass sich in den kommenden Tagen der eine oder andere Multiplex-Mob formieren wird. Denn wer nur wenige Monate nach Guillermo del Toros „Frankenstein“ eine ähnlich werkgetreue Neuauflage von „Frankensteins Braut“ erwartet, wird in „The Bride! - Es lebe die Braut“ sein blaues Wunder erleben. Trotz eines kolportierten Budgets von 80 Millionen Dollar liefert Maggie Gyllenhaal mit ihrer zweiten Regiearbeit nach der dreifach oscarnominierten Netflix-Produktion „Frau im Dunkeln“ nämlich alles andere als typisches Blockbuster-Kino.
Im vergangenen Jahr hat sich für Warner Bros. das Risiko, für einen epischen Historien-Horrorfilm 100 Millionen Dollar hinzublättern, aller Unkenrufe zum Trotz mehr als ausgezahlt: Mehr als 350 Millionen Dollar Box Office und die rekordsprengende Zahl von 16 Oscar-Nominierungen für „Blood & Sinners“ sprechen für sich! Beim vom selben Studio produzierten „The Bride“ könnte es mit einem ähnlichen Mainstream-Siegeszug allerdings schwierig werden, denn Maggie Gyllenhaal erweist sich sogar noch mal eine ganze Ecke (über-)ambitionierter als Ryan Coogler: Das Ergebnis ist eine tragische Gothic-Romanze, swingende Ausstattungs-Extravaganz, feministische Wutrede, Liebeserklärung an das klassische Hollywood-Kino und surreale Halluzination in einem.
Warner Bros.
Nachdem er bereits mehr als 100 Jahre allein umhergezogen ist, hält der von den Toten zurückgeholte Frankenstein alias Frank (Christian Bale) die endlose Einsamkeit einfach nicht mehr aus. In seiner quälenden Verzweiflung wendet er sich im Chicago des Jahres 1935 an die „verrückte Wissenschaftlerin“ Dr. Euphronius (Annette Bening), damit sie ihm eine Gefährtin erschafft, die er nicht nur bis zum Tod, sondern vielmehr darüber hinaus lieben kann. Der frische Leichnam, der für das mit der Elektrizität der Straßenlaternen betriebene Experiment ausgebuddelt wird, stammt von einer jungen Frau (Jessie Buckley), die zuvor von den Handlangern (Matthew Maher, John Magaro) des örtlichen Mafia-Paten abserviert wurde.
Nach geglückter Reanimation kann sich die Wiederbelebte zwar zunächst an nichts mehr erinnern, aber Dr. Euphronius lügt ihr vor, dass sie auch schon vor „ihrem Unfall“ Frankensteins Braut gewesen sei. Nach der ersten gemeinsamen Partynacht wird das Paar allerdings von zwei Typen angegangen, für die die Konfrontation gar nicht gut endet. Fortan sind die Braut und ihr Beifahrer auf der Flucht quer durch die USA, mit dem Ermittler Jake Wiles (Peter Sarsgaard) und seiner Partnerin Myrna Mallow (Penélope Cruz) immer dicht auf ihren Fersen...
„The Bride“ beginnt direkt mit einer surrealen Schwarz-Weiß-Sequenz, in der zwar Jessie Buckley zu sehen ist – aber nicht in ihrer Rolle als Braut. Stattdessen verkörpert der zweifach oscarnominierte „Hamnet“-Star die „Frankenstein“-Autorin Mary Shelley höchstpersönlich. Diese sitzt nach ihrem Tod in einer Form von Jenseits fest, von wo aus sie im weiteren Verlauf immer wieder in eine Art Zwiegespräch mit der Titelfigur (oder womöglich auch nur ihrem eigenen Hirntumor) treten wird. Fast hätte ich gerade „mit ihrer Schöpfung“ geschrieben, aber im Originalroman von 1818 wird die Gefährtin ja schon vor ihrer Reanimation zerstört.
Erst 117 Jahre später kam sie in der Universal-Classic-Monsters-Reihe doch noch zu ihrem Recht. „The Bride“ ist allerdings kein Remake von „Frankensteins Braut“, sondern vielmehr eine mit reichlich Filmgeschichts-Verweisen angereicherte Version davon, wie sich Maggie Gyllenhaal eine von Mary Shelley selbst verfasste Fortsetzung vorstellt. Dieser Meta-Dialog zwischen „The Bride“ und den verschiedenen Vorlagen zeigt sich auch daran, dass Frankenstein und die Braut im Film in genau den Jahren geboren wurden, in denen sie in der realen Welt erstmals auf Buchseiten bzw. auf einer Kinoleinwand auftauchten.
Warner Bros.
Jessie Buckley ist dabei nicht weniger als ein Ereignis! Kostüm, Make-up und Perücke sind zwar purer Punkrock, aber so simpel lässt sich die Figur trotzdem nicht einordnen: Leicht hätte die Braut mit verlorenem Gedächtnis und humpelndem Bein zu einer Art Manic-Gothic-Dream-Girl werden können, aber stattdessen bleibt sie als Flapper Girl mit Austernallergie und eigenem Kopf bis zum Schluss kaum ausrechenbar – inklusive einer Art Tourette, bei dem sie unwillkürlich zwar oft anzügliche, aber vor allem gehoben-preziöse Reimworte ausstößt.
Diese Braut macht es garantiert niemandem recht, auch den Zuschauenden nicht. So wird selbst das Arthouse-Publikum, das beim halluzinogenen Schwarz-Weiß-Auftakt womöglich noch Feuer und Flamme ist, spätestens dann vor den Kopf gestoßen, wenn Frankenstein die Bordstein-Szene aus „American History X“ (in nur leicht abgeschwächter Form) nachspielt. Davon abgesehen bringt Christian Bale als zusammengetackerter Teddybär, der seine Braut verliebt-bewundernd anschaut, allerdings ein erstaunliches Maß an warmherzig-melancholischem Humor in den Film.
Zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Kritik steht in der deutschen Wikipedia noch immer das längst widerlegte Gerücht, „The Bride“ sei ein Musical. Stattdessen gibt es im Film nur eine große Tanzszene, nämlich in einem New Yorker Ballsaal, wo nahezu eins zu eins die ikonische „Putting On The Ritz“-Nummer aus Mel Brooks‘ Parodie-Meisterwerk „Frankenstein Junior“ nachgestellt wird. Nur einer von vielen solchen Meta-Momenten. Immerhin ist Frankenstein im Film selbst ein riesiger Kinofan – vor allem, wenn sein u. a. Fred Astaire nachempfundener Lieblingsstar Ronnie Reed (Jake Gyllenhaal) die Hauptrolle spielt. Sowieso klingen fast alle Namen im Film, als stammten sie aus Studioproduktionen aus den 1920er- bis 1930er-Jahren …
… und die Parallelen des flüchtenden Paares zum New-Hollywood-Klassiker „Bonnie & Clyde“ liegen ohnehin auf der Hand. Trotz aller Freude über diesen 130-Jahre-Hollywood-Hotpot bleibt dennoch die Frage, wohin das eigentlich alles führen soll. Zumal im Film selbst doch einiges eher theoretischer Natur bleibt: So löst etwa eine Femizid-Wutrede der Braut eine landesweite Protest-Bewegung aus, deren Mitglieder sich nach ihrem Vorbild mit schwarzen Teerspritzern im Gesicht schminken. So ist „The Bride“ quasi nebenbei – wie so viele Dinge hier nebenbei auch noch passieren – eine Art Anti-Incel-Antwort auf Joaquin Phoenix‘ „Joker“. Also wirklich alles drin, nur eigene Songs gibt's wie gesagt keine.
Fazit: Ein vogelwilder Ritt mit (zu) viel Gepäck, der vor allem durch die Punkrock-Performance von Jessie Buckley zum Ereignis wird.