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    Wir kaufen einen Zoo
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Wir kaufen einen Zoo
    Von Carsten Baumgardt

    Eine alte Volksweisheit besagt, das Leben schreibe immer noch die besten Geschichten - was Hollywood sehr gern für seine Zwecke benutzt. So lassen sich selbst gravierende dramaturgische Unebenheiten mühelos mit dem Totschlagargument des „Basierend auf einer wahren Geschichte" plattdrücken. Dieses Absolutionssiegel trägt auch Cameron Crowes Feel-Good-Tragikomödie „Wir kaufen einen Zoo", die auf der autobiografischen Vorlage des Journalisten und Zoobesitzers Benjamin Mee beruht. Allerdings ist der Regisseur und Co-Autor in diesem Fall ganz allein für die erzählerischen Schwächen seines Films verantwortlich, denn er glättet und verdreht die wahre Geschichte so sehr, dass am Ende eine reichlich rührselige Melange herauskommt, die alle Merkmale des überfabrizierten Genrekinos aufweist: Aus der Unberechenbarkeit des Lebens wird kalkulierte Formelhaftigkeit. Selbst das Gespür für originell ausgestaltete Figuren ist Crowe ein wenig abhandengekommen, nur sein handwerkliches Können und seine engagierten Stars heben sein Werk noch leicht über den Durchschnitt.

    Benjamin Mee (Matt Damon) hält es in den eigenen vier Wänden und auch in seiner Heimatstadt nicht mehr aus. Der Witwer leidet immer noch schwer unter dem Tod seiner geliebten Frau Katharine (Stephanie Szostak), die vor einem halben Jahr gestorben ist. Der nun alleinerziehende Benjamin kündigt seinen Job als Journalist und beschließt, mit den Kindern Dylan (Colin Ford) und Rosie (Maggie Elizabeth Jones) aufs Land zu ziehen. Bald findet er ein passendes altes Bauernhaus. Dazu gehört allerdings nicht nur ein riesiges Grundstück, sondern auch ein kompletter Zoo! Dieser ist zwar geschlossen, aber die verbliebenen Mitarbeiter werden immer noch aus dem Nachlass des insolventen Vorbesitzers bezahlt. Entweder versucht Benjamin, den Betrieb wieder ins Laufen zu bringen oder er kann sich seine Wunschimmobilie abschminken. Gegen den Rat seines besorgten Bruders Duncan (Thomas Haden Church) lässt sich Benjamin auf das Abenteuer ein - und setzt sein gesamtes Erspartes ein. Die Zoo-Mitarbeiter sind erst einmal skeptisch, aber Chefpflegerin Kelly Foster (Scarlett Johansson) erkennt, dass ihr neuer Boss ein gutes Herz hat und es mit dem Neuanfang ernst meint.

    Auf einem Regisseur, der bereits unvergessliche Großtaten vollbracht hat, lasten immer höhere Erwartungen als bei auf diesem Gebiet unverdächtigen Filmemachern. Nach drei überragenden Filmen („Singles", „Jerry Maguire", „Almost Famous - Fast berühmt") in Folge spaltete „Vanilla Sky" 2001 das Publikum und mit „Elizabethtown" lieferte Cameron Crowe 2005 gar ein handzahmes „Garden State"-Plagiat mit einem phänomenal fehlbesetzten Hauptdarsteller ab. Dann wurde es lange sechs Jahre ruhig um den Regisseur. 2011 meldete sich der Kalifornier mit den beiden TV-Dokumentationen „The Union" und „Pearl Jam Twenty" auf der kleinen Bühne still und leise zurück, aber das wahre Comeback ist natürlich seine mit den Superstars Matt Damon und Scarlett Johansson besetzte Kino-Produktion „Wir kaufen einen Zoo". Vor Beginn der Oscarsaison 2011/2012 stand Crowe, ein Mann, der immerhin Cuba Gooding Jr. zu einem Academy Award für „Jerry Maguire" verholfen hatte und selbst für sein Drehbuch zu „Almost Famous" ausgezeichnet wurde, damit wie selbstverständlich auf allen Anwärterzetteln. Doch für Auszeichnungsehren reichte es bei „Wir kaufen einen Zoo" nicht, denn für einen Cameron-Crowe-Film ist er selbst gegenüber „Elizabethtown" eine Enttäuschung.

    „Wir kaufen einen Zoo" beruht zwar auf der wahren Geschichte von Benjamin Mee, aber Cameron Crowe, der erstmals nicht nach einem Originaldrehbuch arbeitete, sondern nur das von Aline Brosh McKenna („Der Teufel trägt Prada") verfeinerte, nimmt sich dramaturgische Freiheiten heraus, die dem Film insgesamt nicht gut tun. Dass die Handlung von England in die USA verlegt wurde, ist nicht der Rede wert, aber eine andere Änderung sehr wohl: Im wirklichen Leben verlor Mee seine Gattin erst einige Monate nachdem die Familie in den Zoo eingezogen ist - es war also ihr gemeinsamer Traum, den Mee dann allein zu Ende brachte, was er 2007 in einer 8-teiligen Doku-Soap in der BBC auch zum Ausdruck brachte. Crowe reduziert dieses bittersüße Wechselbad auf die eindimensionale und bis zur vollständigen Vorhersehbarkeit geradlinige Geschichte eines trauernden Mannes und seines Weges zurück ins Leben: In jeder einzelnen Szene ist klar, wohin die Reise geht.

    Gerade durch die Berechenbarkeit der in ein allzu enges Korsett geschnürten Handlung verliert der Film einen Gutteil seiner potenziellen Kraft. Regisseur Crowe versäumt es, seine Protagonisten mit so viel Leben über das Klischee hinaus auszustatten, um das leidlich mitfiebernde Publikum auch einmal aus der Reserve locken zu können und bietet über die gesamte Spielzeit von gut zwei Stunden nicht einen überraschenden Moment. Beispielhaft dafür steht der Vater-Sohn-Konflikt zwischen Matt Damon und Colin Ford. Dieser Nebenhandlungsstrang ist ein einziges Klischee ohne Tiefe und mit vorgezeichnetem Ausgang. Bei aller Formelhaftigkeit ist „Wir kaufen einen Zoo" aber dennoch angenehm anzuschauen, denn wie alle Filme Cameron Crowes sieht auch dieser wunderbar aus und hört sich toll an. In warmen Farben gestaltet der Filmemacher seine familienfreundliche Wohlfühlwelt aus und mit Hilfe des gewohnt phantastischen Soundtracks erzielt er gelegentlich die Emotionalität, die dem Film sonst fehlen würde.

    Neben der geschmackvollen Bildgestaltung und der tollen Musik hat Crowe noch einen Trumpf im Ärmel, der einige der Schwächen ausmerzt und überdeckt: Matt Damon („Contagion"). Der Superstar macht den gutherzigen Witwer Benjamin Mee zu einem glaubwürdigen Sympathieträger, was dem Film Wärme verleiht. Auch Scarlett Johansson („Lost in Translation - Zwischen den Welten") bringt die Zuschauer mit ihrer einnehmenden Art auf ihre Seite, selbst wenn man dem glamourösen Star das engagierte Leben ganz im Zeichen der Tiere und ihrer Pflege nicht so ganz abnehmen mag. Weniger erfreulich ist da schon, dass Autorin McKenna der Handlung mit den Figuren des Zoo-Inspekteur Ferris (John Michael Higgins) und seines Gegenspielers, dem ruppigen Zooarbeiter MacCready (Angus Macfadyen), zwei dauerstreitende Karikaturen beimengt, die auf oberflächlichen Humor abonniert sind.

    Thomas Haden Churchs („Sideways", „Spider-Man 3") Rolle als Benjamins Bruder ist auch nicht gerade feingezeichnet, aber der Akteur schafft es mit hemdsärmeligem Charme, sich von den Zwängen des Drehbuchs freizuspielen. Ach ja, wer sich nach seinem grandiosen Auftritt in „Almost Famous" immer mal wieder fragt, was Patrick Fugit („Saved", „Mitternachtszirkus") eigentlich so macht, wird froh sein, den ehemaligen Jugendstar in „Wir kaufen einen Zoo" wiederzusehen, aber genauso enttäuscht feststellen, dass er nur wenige Zeilen Dialog hat und seine Rolle kaum Substanz aufweist. So wirkt es, als wäre sein Engagement eine Gefälligkeit Crowes für einen alten Weggefährten, der sich ansonsten unauffällig in der zweiten Liga Hollywoods über Wasser hält.

    Fazit: Cameron Crowe ist zurück, aber sein Comeback nach sechs Jahren Karrierepause hinterlässt einen durchwachsenen Eindruck. Zwar glänzt seine warmherzige Tragikomödie mit einem tollen Soundtrack und einem überzeugenden Matt Damon, dafür fehlt ihr der Schwung und Crowe vermittelt seine lebensbejahende Botschaft („Wenn du was aus den richtigen Gründen tust, kann dich nichts aufhalten") ohne jegliche erzählerische Originalität.

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