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    James Bond 007 - Keine Zeit zu sterben
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    James Bond 007 - Keine Zeit zu sterben

    Daniel Craig verabschiedet sich mit geiler Action (und wenig Emotionen))

    Von Björn Becher
    Wenn am Ende von Cary Joji Fukunagas „James Bond 007 – Keine Zeit zu sterben“ der Abspannsong einsetzt, werden bestimmt viele Franchise-Fans Gänsehaut bekommen. Schließlich erklingt dort mit „We Have All The Time In The World“ von John Barry und Louis Armstrong eines der besten und beliebtesten Bond-Stücke überhaupt. Aber nicht nur musikalisch wird schon während des Films immer wieder auf „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ angespielt. In dem 007-Abenteuer von 1969 heiratet George Lazenby bei seinem einzigen Bond-Auftritt die Mafia-Tochter Tracy (Diana Rigg), bevor der Film tragisch mit der Ermordung der Braut in den Flitterwochen endet. Sie hatten eben doch nicht alle Zeit der Welt.

    „Bist du der Tod oder das Paradies?“ singt nun Billie Eilish im neuen Titelsong – und deutet damit schon zu Beginn an, dass auch der finale 007-Auftritt von Daniel Craig womöglich nur in einem von zwei Extremen enden kann. Das ist auch eine durchaus spannende Frage, selbst wenn „Keine Zeit zu sterben“ dem Publikum als bislang längster Film der Reihe einiges an Geduld abverlangt. Zugleich berührt die in den Mittelpunkt gerückte Liebesgeschichte aber nicht genug. So steht „Keine Zeit zu sterben“ hinter den besten Filmen der Craig-Ära wie „Casino Royale“ oder „Skyfall“ zurück, obwohl eine anfängliche Verfolgungsjagd in Italien und eine humorvolle Prügelei in Kuba zu den besten Actionszenen der gesamten Reihe gehören.

    Kann es für James Bond (Daniel Craig) und seine große Liebe Madeleine Swann (Léa Seydoux) doch noch eine Zukunft geben?


    Fünf Jahre, nachdem James Bond (Daniel Craig) einem von seinem Erzfeind Blofeld (Christoph Waltz) aus dem Gefängnis heraus orchestrierten Mordanschlag nur knapp entkommen ist, braucht sein alter CIA-Freund Felix Leiter (Jeffrey Wright) seine Hilfe. Obwohl der Agent mit der Lizenz zum Töten offiziell im Ruhestand ist, soll er dem amerikanischen Geheimdienst dabei helfen, den von Spectre entführten Wissenschaftler Valdo Obruchev (David Dencik) und eine von ihm entwickelte Viruswaffe zu finden. Bond willigt ein, selbst wenn er sich damit gegen seinen alten Arbeitgeber MI6 stellt. Die direkte Konfrontation mit Nomi (Lashanna Lynch), seiner Nachfolgerin als 007, lässt deshalb auch nicht lange auf sich warten.

    Bei dem Einsatz wird Bond allerdings Zeuge der Ermordung des gesamten Spectre-Führungszirkel. Jemand zieht im Hintergrund die Fäden und muss nun nur noch den noch immer im Gefängnis hockenden Blofeld töten, um Spectre komplett auszulöschen. Bond muss also unbedingt vorher an seinen Erzfeind herankommen – und das geht nur mit Hilfe von Madeleine Swann (Léa Seydoux), die als Psychologin Zugang zu Blofeld hat. Allerdings ist Madeleine auch Bonds große Liebe, die er einst verließ, weil er glaubte, dass sie ihn an Spectre verraten hat. Aber ihr wahres Geheimnis ist ein anderes – und das hat mit dem mysteriösen Lyutsifer Safin (Rami Malek) zu tun…

    Bond lässt erst mal auf sich warten


    Gleich in der ersten von zwei großartigen Prolog-Sequenzen erfahren wir, woher sich Safin und Madeleine kennen. Nebenher werden noch ein paar Hintergründe in Bezug auf ihren Vater Mr. White und Spectre aufgefrischt. Das ist auch dringend nötig, schließlich steht „Keine Zeit zu sterben“ in enger Verbindung mit Craigs anderen 007-Auftritten. Dabei bricht Regisseur Cary Joji Fukunaga („True Detective“) gleich doppelt mit der bekannten Formel: Nicht nur rückt er zu Beginn eine andere Person als 007 in den Vordergrund und etabliert Madeleine so direkt als zweite Hauptfigur, er verzichtet auch erst mal auf auf überbordende Action. Stattdessen beginnt „Keine Zeit zu sterben“ als eine Art Home-Invasion-Thriller, bei dem eine maskierte Bedrohung eine auf den ersten Blick unschuldige Familie heimsucht.

    Nach diesem Auftakt mit Anleihen ans Horror-Kino geht es ähnlich hochklassig weiter – mit einer zweiten Prolog-Szene, die dafür dann umso mehr in der Tradition des Franchises steht: Sie bietet Bond in Action – und ist direkt eines der besten Set-Pieces des gesamten Films! Bei einer ungemein intensiven Verfolgungsjagd mit Bond, Swann und dem Bösewicht-Handlanger Primo (Dali Benssalah) geht es zu Fuß, auf dem Motorrad und per Auto durch die engen Straßen der berühmten Altstadt von Matera in Italien. Fukunaga nutzt die steilen, verwinkelten Gassen perfekt aus, um auch noch das letzte bisschen Dynamik aus der rasanten Agentenhatz herauszupressen.

    Die spektakulären Sets sind auch in "Keine Zeit zu sterben" einmal mehr über jeden Zweifel erhaben.


    Inhaltlich bereitet die Sequenz direkt das zentrale Thema des Films vor: Hat die Liebe zwischen James Bond und Madeleine Swann noch eine Chance? Zunächst entscheidet er sich noch dagegen, steckt sie in einen Zug und macht ihr klar, dass er sie nie mehr wiedersehen will. In diesem Moment setzt der Vorspann mit Billie Eilishs perfekt passendem Titelsong ein. Sowieso wird die Frage, ob die beiden doch noch zusammenfinden können, besonders auf der musikalischen Ebene stimmig verhandelt: Wenn sich das Paar später das erste Mal wiedersieht, lässt Komponist Hans Zimmer ganz leise die instrumentalen Passagen des Titellieds ertönen. Wenn sie sich küssen, kehren die Klänge noch einmal zurück, nur diesmal merklich lauter.

    Das ist zumindest musikalisch geschickt gelöst. Aber darüber hinaus ist es auch ein Problem: Wie kein anderes 007-Abenteuer ist Daniel Craigs Abschied auf große Emotionen ausgelegt. Action und Weltenrettung sind in manchen Passagen fast schon Beiwerk in dieser tragischen Beziehungsgeschichte – und bei der will der Funken leider nicht immer überspringen. Schon in „Spectre“ zählten die Flirtereien zwischen Léa Sedoux und Daniel Craig nicht unbedingt zu den Highlights – und diese mangelnde Chemie fehlt nun in „Keine Zeit zu sterben“, wo das Liebesdrama verstärkt ins Zentrum rückt, natürlich umso mehr.

    Der ganz große Bond-Bogen


    Zumal man es sich mit dem Vorhaben, alle Bond-Teile mit Daniel Craig zu verbinden, selbst unnötig schwer macht: Wenn Bond etwa das Grab seiner ersten großen Liebe Vesper Lynd (Eva Green) besucht, dann werden auch beim Publikum die Erinnerungen an „Casino Royale“ wach – nur traf dort die tiefe Tragik, die auch diesmal wieder angepeilt wird, noch sehr viel zuverlässiger ins Ziel. Und wenn die Kamera lange auf einem riesigen Gemälde von M (Judi Dench) verharrt, wird der eine oder die andere sicherlich an das Gänsehaut-Finale von „Skyfall“ denken müssen – und damit auch daran, dass selbst die Beziehung von Bond zu seiner ehemaligen Chefin tiefer reichte als die zu Swann.

    Auch dem vierköpfigen Schreibteam um Fukunaga, die langjährigen Bond-Autoren Neal Purvis und Robert Wade sowie die für frischen Wind angeheuerte Phoebe Waller-Bridge („Fleabag“) scheint klar gewesen zu sein, dass sie die Fallhöhe über die bloße Liebesbeziehung hinaus anheben müssen. Aber selbst mit einem (ohnehin wenig überraschenden) Twist gelingt es nicht, das Interesse am Schicksal der beiden Hauptfiguren zu befeuern. In dem zu einer Rekord-Laufzeit von satten 2 Stunden und 43 Minuten aufgeblähten Film wünscht man sich an manchen Stellen nur möglichst schnell die nächste Actionszene herbei.

    Ana de Armas stiehlt selbst Daniel Craig in ihren leider nur wenigen Szenen die Show.


    Schließlich begeistern gerade die Set-Pieces durch die Bank, auch weil Fukunaga und sein Kameramann Linus Sandgren („American Hustle“) uns zwar immer wieder mitten ins Geschehen hineinwerfen, aber dabei im Gegensatz zu etwa „Ein Quantum Trost“ stets die Übersichtlichkeit bewahren. Da sind wir dann bei einem intensiven Faustkampf ganz nah an den Gesichtern der Kontrahenten und bekommen so einen unglaublich guten Eindruck von der Körperlichkeit der Auseinandersetzung. Diese Nähe geht dabei nie auf die Kosten des Gefühls für den Raum, was vor allem deshalb ein großes Glück ist, weil Fukunaga und sein Team einige absolut herausragende Sets wie das im Eis gelegene Familienanwesen der Swanns oder den „vergifteten Garten“ des Bösewichts erschaffen haben, die man nur so in all ihrer Pracht wirklich genießen kann.

    Besonders in den Actionszenen dürfen auch gleich zwei neue Agentinnen glänzen. Das gilt vor allem für „Knives Out“-Star Ana de Armas, die zwar nur einen Mini-Auftritt absolviert, in diesem aber sogar Craig an die Wand spielt: sexy, humorvoll und schlagfertig. Bei ihr trifft jeder trockene Spruch ins Schwarze – und es passt einfach, wenn sie und Craig sich mitten im Kampf kurz ein paar Drinks genehmigen. Im übrigen Film wirkt der Humor allerdings immer wieder auch erzwungen. Wenn Bond mit einem seiner legendären Gadgets den Kopf eines Gegners zur Explosion bringt, kommentiert er in bester Achtzigerjahre-Actionfilmmanier, dass dieser das technische Hilfsmittel wohl „mind-blowing“ fand, obwohl das Wortspiel gerade überhaupt nicht zur Dramatik des Moments passt. Der deplatzierte Spruch ist eines von mehreren Beispielen, bei denen es so wirkt, als hätte jemand später noch ein paar erzwungene Jokes ins Skript eingefügt.

    Die neue 007


    Viel wurde im Vorfeld über Lashana Lynch diskutiert, deren Nomi inzwischen die 007-Nummer von Bond übernommen hat. Auch sie hat vor allem in den Actionszenen einige starke Momente – und eine noch bessere Einführung, wenn die üblichen Verführungsspiele der Reihe auf clevere Weise umgekehrt werden. Aber dann untergräbt Fukunaga seinen eigenen Ansatz, Nomi als neues Gesicht des MI6 zu positionieren, direkt wieder: Wenn Nomi und Bond in die Festung des Bösewichts eindringen, gehen sie die Aufgabe zwar gemeinschaftlich an - ihr Boss M (Ralph Fiennes) und der die Operation leitende Q (Ben Whishaw) kommunizieren aber direkt wieder nur mit dem alten 007. Die Männer regeln das schon.

    Fazit: „James Bond 007 – Keine Zeit zu sterben“ sieht verdammt gut aus und hat einige absolut großartige Actionszenen. Dazwischen gibt es aber auch viel Leerlauf, was vor allem daran liegt, dass die tragische Liebesgeschichte im Zentrum einfach nicht so sehr berührt, wie sie es eigentlich sollte.

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