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    Soul
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Soul

    Mit Film Nr. 23 wird Pixar endgültig erwachsen

    Von Christoph Petersen
    In seinem oscarprämierten und auch an den Kinokassen extrem erfolgreichen Meisterwerk „Alles steht Kopf“ hat „Die Monster AG“-Regisseur Pete Docter sich mit den personifizierten Emotionen der elfjährigen Riley beschäftigt. Fünf Jahre später knöpft er sich in „Soul“ nun die Seele des mittelalten Mittelstufe-Musiklehrers Joe vor. Wegen der anhaltenden Pandemie-Lage ist der 23. Pixarfilm der erste, der nicht zunächst in den Kinos startet, sondern stattdessen direkt bei Disney+ landet. Allerdings liegt die Vermutung nahe, dass den Studio-Verantwortlichen die Entscheidung für den Streaming-Start speziell in diesem Fall gar nicht mal so schwer gefallen sein könnte…

    Schließlich ist Pixar berühmt dafür, Kinderfilme zu produzieren, an denen Erwachsene genauso viel Spaß haben können. Das gilt selbst für solche philosophisch angehauchten Werke wie „Wall-E“ oder „Oben“. Bei „Soul“ kippt es jetzt aber zum ersten Mal in die andere Richtung: „Soul“ ist – von den kubistischen Strichmännchen im Seelen-Trainingslager bis zu den existenzialistischen Gags über reale historische Figuren – in erster Linie ein Film für Erwachsene. Jüngere Zuschauer werden sich hingegen vor allem an dem turbulenten Körpertausch-Schlenker in der zweiten Filmhälfte erfreuen.

    Joe verliert sich in seiner Jazzmusik - und nimmt dann gar nicht mehr wahr, was um ihn herum sonst noch geschieht...


    Joe Gardener (Stimme im Original: Jamie Foxx) ist eigentlich ganz froh, dass er nur als Aushilfslehrer an einer Mittelschule arbeitet. Denn solange er keine feste Anstellung hat, kann er trotz des ständigen Gemeckers seiner Mutter weiter seinen Traum aufrechterhalten, doch noch den Durchbruch als Jazzpianist zu schaffen. Und tatsächlich: Eines Tages erhält Joe die Chance, in einer Kneipe in Harlem als Pianist an der Seite der legendären Saxophonistin Dorothea Williams (Angela Bassett) aufzutreten.

    Aber dann fällt Joe freudentrunken in einen geöffneten Gully – und ist plötzlich tot. Bei der anschließenden Rolltreppenfahrt hinauf ins Jenseits tritt seine Seele jedoch die Flucht an – Joe sieht nämlich gar nicht ein, warum er gerade jetzt, wo er es endlich geschafft hat, nicht mehr leben soll. So landet er in einem Trainingslager, in dem frische Seelen auf ihren Einsatz auf der Erde vorbereitet werden. Joe wird dort zum Mentor von Seele 22 (Tina Fey) bestimmt. Die steckt ebenfalls in der Klemme: Im Gegensatz zu Joe will 22 nämlich auf keinen Fall auf die Erde, weil sie nicht versteht, was am „Leben“ nun eigentlich so besonders toll sein soll…

    Gänsehaut gleich zu Beginn


    Wenn sich Joe bei seinem Vorspiel für den Dorothea-Williams-Gig so sehr in seiner Musik verliert, dass er gar nichts mehr um sich herum mitbekommt, gibt es schon in den ersten fünf Minuten einen dieser berühmten magischen Disney-Momente, von denen man immer wieder hört und die einem zuverlässig Gänsehaut bescheren! Im Anschluss geht es dann aber auch schon direkt ab ins Jenseits: Während die Seelen selbst noch einen typischen süßen Animationsfilm-Look haben, erweisen sich der Seelen-Buchhalter Terry (Rachel House) sowie die allesamt Jerry genannten Trainingscamp-Anleiter (Alice Braga, Richard Ayoade) als Strichwesen, die auch aus einem kubistischen Gemälde stammen könnten.

    Die Pixar-Kreativen haben ja schon im Abspann von „Wall-E“, in dem der titelgebende Müllroboter auf einmal auf Höhlenmalereien ebenso wie in Van-Gogh-Meisterwerken auftaucht, auf grandiose Weise mit den verschiedensten Stilrichtungen der Kunstgeschichte gespielt. Aber der avantgardistisch-minimalistische Look in „Soul“ setzt da sogar noch einmal einen drauf: Auf den Spuren der Kubismus-Begründer Pablo Picasso und Georges Braque erweist sich das Jenseits als stilwütiges Surrealisten-Paradies mit vielen verspielten kleinen Einfällen.

    Zwei verlorene Seelen - und ihre kubistischen Aufpasser!


    Da ist es eigentlich auch kein Wunder, dass 22 keine Lust hat, den Sprung hinab auf die Erde zu unternehmen – an der bockigen Seele und ihrem zynischen Existenzialismus haben sich sogar solche potenziell inspirierenden Mentoren wie Mutter Theresa, Muhammad Ali und sogar Abraham Lincoln über die Jahrhunderte die Zähne ausgebissen. Die oft nur ein oder zwei Sekunden langen, wunderbar trocken präsentierten Rückblenden, in denen wir sehen, wie 22 seine hochkarätigen und herzensguten Lehrer zur Weißglut getrieben hat, zählen zu den Humor-Highlights von „Soul“ – zumindest für den erwachsenen Teil des Publikums.

    Erst mit dem waghalsigen Sprung zurück auf die Erde kommen dann auch die jüngeren Zuschauer immer öfter auf ihre Kosten…

    Mr. Mittens stiehlt die Show


    Im Pixar-Abenteuer „Merida – Legende der Highlands“ beginnt die eigentliche Handlung des Films erst nach einer knappen halben Stunde, wenn sich die Mutter der rothaarigen Bogenschützin nach dem Verspeisen eines verzauberten Kuchens in einen Bären verwandelt – und auch in „Soul“ steckt Joe nun irgendwann im plüschigen Körper seiner Hauskatze Mr. Mittens fest. Gleichzeitig muss 22 ihrerseits Joes staksige Gliedmaßen mehr schlecht als recht durch die hindernisreichen Straßen von New York manövrieren. Dieses Körpertausch-Konzept ist alles andere als neu, während es sich auch nicht hundertprozentig natürlich aus der eigentlichen Seelen-Prämisse ergibt …

    … und trotzdem ist es einfach ein großer Spaß (vor allem für die Kleinen)! Zumal so in „Soul“ zwei der ganz großen Stärken von Pixar zusammenkommen: Im Jenseits samt Seelen-Trainingscamp begeistern die Pixar-Animatoren nicht mit ihrer puren Rechenpower, sondern mit grandios-schlichten, verspielt-surrealen Designs. In den Harlem-Szenen protzt „Soul“ hingegen mit einer tricktechnischen Qualität und einem opulenten Detailreichtum, wie man es noch nie zuvor in einem Film bewundern durfte – und da tut die fehlende Leinwand doch plötzlich ganz schön weh…

    Fazit: „Soul“ ist der erste Pixar-Film, der nicht in den Kinos läuft – und der erste Pixar-Film, der sich vorrangig an ein erwachsenes Publikum richtet. Ein jazziges Jenseits-Märchen über nicht weniger als den Sinn des Lebens, das mit bittersüßen Gänsehaut-Momenten, trockenhumorigen Existenzialismus-Gags und unbestreitbarer technischer Brillanz begeistert.

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