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    Tatort: Nachbarn
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Tatort: Nachbarn
    Von Lars-Christian Daniels
    Die Programmplaner der ARD geben den Zuschauern mit ihren Entscheidungen manchmal Rätsel auf: Im Januar 2017 sendete Das Erste den Kölner „Tatort: Wacht am Rhein“, im Februar den Kölner „Tatort: Tanzmariechen“ – und nun steht einen Monat später bereits der Kölner „Tatort: Nachbarn“ auf dem Programm. Und das, obwohl momentan stolze 21 Ermittlerteams für die öffentlich-rechtliche Krimireihe im Einsatz sind – da sollte man doch meinen, dass sich eine solche Häufung bei etwas weitsichtigerer Planung vermeiden ließe. Der Sendetermin von Torsten C. Fischers Krimi ist aber noch aus einem weiteren Grund nur schwer nachzuvollziehen: Mit dem Frankfurter „Tatort: Wendehammer“ lief im Dezember 2016 ein thematisch auffallend ähnlicher Beitrag – die Frankfurter Hauptkommissare suchten den Mörder damals in einer von Misstrauen und Feindseligkeit geprägten Nachbarschaftssiedlung. In eine solche verschlägt es nun auch die Kölner Ermittler, doch anders als die Kollegen in Hessen verrichten die Filmemacher im Rheinland eher Dienst nach Vorschrift: Der „Tatort: Nachbarn“ ist ein geradliniger Sonntagskrimi, bei dem in erster Linie experimentscheue Stammzuschauer auf ihre Kosten kommen.

    Der geschiedene Mittvierziger Werner Holtkamp (Uwe Freyer) stürzt von einer Brücke. Was zunächst nach Selbstmord aussieht, erweist sich als gezielter Vertuschungsversuch: Holtkamp war bereits tot, als man ihn von der Brücke warf. Die Kölner Hauptkommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) ermitteln in der Nachbarschaft des Toten: Holtkamp lag sich mit seinem Nachbarn Leo Voigt (Werner Wölbern) in den Haaren und hatte außerdem einen Blick auf Voigts Stieftochter Sandra (Claudia Eisinger) geworfen, die gemeinsam mit ihrer Tochter Mira (Lena Meyer) im selben Haus wohnt. Ins Visier der Kommissare, die bei ihren Ermittlungen von Assistent Tobias Reisser (Patrick Abozen), Gerichtsmediziner Dr. Roth (Joe Bausch) und Psychologin Lydia Rosenberg (Juliane Köhler) unterstützt werden, geraten auch Jens Scholten (Florian Panzner) und seine Frau Hella (Julia Brendler), die neben den Voigts wohnen und deren Tochter Paulina (Lilli Lacher) mit Mira befreundet ist. Und dann sind da noch Anne (Birge Schade) und Frank Möbius (Stephan Grossmann), deren Ehe nur noch auf dem Papier besteht: Wie die anderen Nachbarn auch bringen die beiden ein Motiv für den Mord mit…

    Ist in letzter Zeit irgendwas Auffälliges passiert?“ – „Wie gut kannten Sie Herrn Holtkamp?“ – „Wo waren Sie gestern Abend?“ – Eine gute Stunde lang beten die Kölner Kommissare reihenweise Sätze herunter, die man in der über 40-jährigen „Tatort“-Geschichte schon hunderte Male gehört hat. Schauspieler und Drehbuchautor Christoph Wortberg (auch als Frank Dressler aus der „Lindenstraße“ bekannt) hat einen Whodunit aus dem Lehrbuch geschrieben, bei dem vor allem „Tatort“-Puristen auf ihre Kosten kommen: Ein Mord in den Anfangsminuten, ein halbes Dutzend Verdächtige und ein paar Geheimnisse, die die potenziellen Täterinnen und Täter nach und nach preisgeben – im 1016. „Tatort“ geschieht nichts, was es in der erfolgreichsten deutschen TV-Reihe nicht schon gegeben hätte. Pünktlich zum 70. gemeinsamen Fall der beliebten Kölner Ermittler liefern die Filmemacher einen Sonntagskrimi vom Reißbrett, und natürlich wird dabei – wie in der Domstadt üblich – die Brücke zum Privatleben der Kommissare geschlagen: Schenk liegt mit seinem Nachbarn wegen dessen lautstark krächzendem Papagei im Clinch. Statt die Gelegenheit nach Jahren der Abstinenz mal wieder für einen Auftritt von Schenks Familie zu nutzen, wird dieser extrem konstruierte Nebenstrang aber einfach mit dem Holzhammer in den Plot gehämmert.

    Es ist nicht die einzige Schwäche in diesem überzeugend besetzten, unter dem Strich aber nur durchschnittlichen „Tatort“: Wie einleitend erwähnt, kennen wir das Nachbarschaftsszenario noch gut aus dem Frankfurter „Tatort: Wendehammer“ – hier wecken nicht nur die vielen Einstellungen aus der Vogelperspektive sofort Erinnerungen an den deutlich originelleren Vorgänger. Während in Frankfurt der überzeichnete IT-Yuppie Daniel Kaufmann (Constantin von Jascheroff) ein Faible für teure Hifi-Anlagen mitbrachte, ist es hier der undurchsichtige Familienvater Scholten. Und auch der Auftritt der alkoholisierten Anne Möbius, die vor den Augen der erstaunten Kommissare einen seltsam entrückt wirkenden Solotanz zu Bruce Springsteens „Hungry Heart“ aufs Parkett legt und sich dabei einen Martini in den Rachen schüttet, kommt uns irgendwie bekannt vor: Im Konstanzer „Tatort: Wofür es sich zu leben lohnt“ war es Ende 2016 die labile Anna Krist (Julia Jäger), die bei einem Glas Rotwein und Sinead O’Connors „Troy“ alles um sich herum vergaß. Während hier zumindest der Griff in die Plattenkiste glückt, schlägt er an anderer Stelle fehl: Szenen aus dem nur oberflächlich heilen Nachbarschafts- und Familienleben werden gleich mehrfach plump mit Pharrell Williams‘ Chartbreaker „Happy“ ironisiert.

    Deutlich mehr Spaß macht der „Tatort: Nachbarn“ im Hinblick auf das traditionelle Miträtseln bei der Täterfrage: Wenngleich die deutlich gestreuten Hinweise auf einen späten Twist (Ballauf: „Das ist so einfach – und es war die ganze Zeit vor unserer Nase!“) und die richtige Auflösung alte Krimihasen kaum beeindrucken dürften, bleiben die genauen Zusammenhänge bis zum Schluss offen. Auch dem Realitätsabgleich – sofern das in einem „Tatort“ überhaupt möglich ist – hält der Film deutlich besser stand als beispielsweise der vielgelobte Bremer „Tatort: Nachtsicht“ und der hochspannende Kieler „Tatort: Borowski und das dunkle Netz“ in den Wochen zuvor: Musste das Publikum zuletzt zugunsten von Thrill und Komik bei einigen Logiklöchern beide Augen zudrücken, ist die Geschichte diesmal in der Realität geerdet und problemlos in der eigenen Nachbarschaft vorstellbar. Das ist im „Tatort“ schon längst nicht mehr selbstverständlich – und somit bieten die grundsoliden Beiträge aus Köln doch immer wieder ein angenehm unaufgeregtes Kontrastprogramm zu den vielen Experimenten und immer ausgefalleneren „Tatort“-Folgen aus anderen Städten. Nicht nur den Fans von Ballauf und Schenk wird das gefallen.

    Fazit: Torsten C. Fischers „Tatort: Nachbarn“ ist ein insgesamt mittelmäßiger Krimi, bei dem vor allem das Stammpublikum auf seine Kosten kommt.

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