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    Neues aus der Welt
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Neues aus der Welt

    Netflix hat sich einen Oscar-Kandidaten eingekauft

    Von Christoph Petersen

    An einer Stelle von „Neues aus der Welt“, der in Deutschland nun direkt bei Netflix erscheint, erklärt der von Stadt zu Stadt ziehende Bürgerkriegsveteran Captain Kidd, der den Menschen für einen kleinen Obolus die neuesten Nachrichten vorliest, dass ihm einfach die nötige Geduld fehle, um ein Kind großzuziehen. Aber das ist offensichtlich Unsinn! Schließlich spielt Tom Hanks bei seiner zweiten Zusammenarbeit mit Regisseur Paul Greengrass nicht nur zum zweiten Mal einen Captain – er strahlt wie schon in „Sully“, „Greyhound“ und „Captain Philipps“ auch diesmal nie etwas anderes aus als Weisheit, Ruhe und gütige Autorität.

    Das Magazin Esquire hat dem Oscargewinner deshalb schon vor einigen Jahren den Titel „America’s Dad“ verliehen. Da ist es kein Wunder, dass er nun auch mit seiner jungen deutschen Leinwandpartnerin Helena Zengel, die als von amerikanischen Ureinwohnern großgezogenes Mädchen weder die Sprache noch die Gepflogenheiten der weißen Siedler beherrscht, ganz hervorragend harmoniert. Die von zarter Empathie geprägte Beziehung zweier verlorener Seelen ist das Herzstück eines famos fotografierten Westerns, in dem ansonsten aber vornehmlich einige typische Roadmovie-Stationen abgeklappert werden, ohne dabei einen größeren erzählerischen Bogen zu spannen.

    Captain Kidd (Tom Hanks) und Johanna (Helena Zengel) fassen auf der langen Reise langsam Vertrauen - auch wenn sie nicht dieselbe Sprache sprechen...

    Seitdem sich die Konföderierte Armee am Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs den Nordstaaten ergeben hat, reist der ehemalige Südstaaten-Captain Jefferson Kyle Kidd (Tom Hanks) in Texas von einer Stadt zur nächsten, um dort die neuesten Nachrichten vorzulesen – und zwar auf eine Art, die die Stimmung hebt oder die Gemüter besänftigt. Auf dem Weg findet er die 10-jährige Johanna (Helena Zengel), die von den Kiowa aufgezogen wurde, aber nach der Ermordung ihres Stammes vollkommen allein ist.

    Eigentlich will Jefferson sie nur in die nächste Siedlung mitnehmen, aber auch dort fühlt sich niemand für das Schicksal des Waisenmädchens verantwortlich – schon gar nicht die Nordstaaten-Soldaten, die auch so schon alle Hände voll damit zu tun haben, den besetzten Staat unter Kontrolle zu behalten. Also nimmt der Nachrichtenvorleser es selbst in die Hand, seine junge Begleiterin 400 Meilen weit zu ihrem Onkel und ihrer Tante zu bringen. Ein ebenso beschwerlicher wie gefährlicher Trip, bei dem das ungleiche Duo nicht nur einmal ums bloße Überleben kämpft…

    Eine wenig beleuchtete Epoche

    „News Of The World“ spielt wenige Jahre nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs: Texas ist weiterhin kein Teil der Union, weil die Regierung des Staates den Verfassungszusatz über die Abschaffung der Sklaverei nicht akzeptieren will. Während der Hass auf die Besatzungssoldaten aus dem Norden immer wieder hochkocht, ist es den Texanern selbst streng verboten, Waffen zu tragen. Paul Greengrass hat sein Interesse an einer Verfilmung des 2016 erschienenen Romans von Paulette Jiles auch damit begründet, dass er in der Geschichte so viele Parallelen zur heutigen, kaum weniger gespaltenen Zustand US-Gesellschaft entdeckt habe.

    Im Film drücken sich diese Parallelen vornehmlich darin aus, dass die Wut der besiegten Texaner auf die „reichen Kriegsherren aus dem Norden“ so lange anschwillt, bis Captain Kidd die passenden besänftigenden Worte für die Situation findet. Klar, wenn das jemand hinbekommt, dann Tom Hanks. Auf der anderen Seite wirkt es aber auch etwas abschätzig, wenn man die Südstaatler als aufrührerische Horde zeigt, der nur mal eben ein belesener Mann ein wenig Vernunft beibringen muss. (Wobei: Auch die Nordstaaten-Armee, die sich gleich zwei Mal weigert, Verantwortung für das Waisenmädchen zu übernehmen, kommt hier kaum besser weg!)

    Nicht alle Städter sind Captain Kidd und Johanna nur wohlgesonnen...

    Ähnlich an der Oberfläche verhaftet bleibt „Neues aus der Welt“, wenn es darum geht, die realweltliche Macht des Geschichtenerzählens zu illustrieren: Im Verlade-Stützpunkt eines seine Männer übel knechtenden Bison-Fabrikantens (Thomas Francis Murphy) erzählt Captain Kidd verbotenerweise von tapferen Minenarbeitern, die sich aus eigener Kraft und ohne Hilfe ihrer Bosse aus einem eingestürzten Schacht befreit haben – eine Neuigkeit, die fast augenblicklich einen Aufstand anzettelt. Tom Hanks gutmütige Autorität hin oder her – glaubhaft ist das eher nicht.

    Statt diese Elemente der Story tiefer zu beleuchten, füllt Paul Greengrass die zweistündige Laufzeit zum Großteil mit bekannten Elementen eines Western-Road-Movies: Mehr oder weniger aus dem Nichts tauchen plötzlich drei Ganoven auf, die Johanna für 50 Dollar kaufen wollen, um sie als Zwangsprostituierte anschaffen zu lassen. Natürlich lässt sich Captain Kidd auf den Deal nicht ein und es kommt zum Shootout zwischen den Felsen eines Hügels. Das ist handwerklich gut gemacht, auch weil Kameramann Dariusz Wolski („Der Marsianer“) und Komponist James Newton Howard („The Dark Knight“) hervorragende Arbeit leisten. Aber abgesehen von einem Moment, in dem Johanna die bisher lediglich mit nutzlosem Vogelschrot geladenen Shotgun-Patronen mit Zehn-Cent-Münzen auffüllt, ist das alles eben auch ziemlich generisch.

    Ein ungleiches Duo

    So liegt es am Ende vor allem an den zwei Hauptdarstellern, die nicht immer stimmigen Einzelteile des Films zusammenzuhalten – und in dieser Hinsicht liefern Tom Hanks und Helena Zengel (die vor ihrem Casting noch nie von ihrem Co-Star gehört hat) hundertprozentig ab: Der für „Philadelphia“ und „Forrest Gump“ in zwei aufeinanderfolgenden Jahren mit dem Oscar ausgezeichnete Hanks lässt als verwitweter Nachrichtenvorleser zwischen seiner kompromisslosen Gutmütigkeit immer auch eine zutiefst berührende Melancholie durchscheine…

    … während Zengel, die nur in wenigen Momenten direkt an ihre wild-kreischende Völlig-außer-Kontrolle-Rolle im Arthouse-Megahit „Systemsprenger“ anknüpft, ihrem Part so viel mehr abgewinnt als den erwartbaren Fisch-aus-dem-Wasser-Humor, wenn Johanna ihr Gulasch mit den Fingern statt dem Löffel isst: In ihrem meist in die Ferne gerichteten Blick schwingen immer auch ein tiefer Schmerz sowie eine weit über ihr junges Alter hinausreichende Weisheit mit. Die beiden ungleichen Reisekumpanen haben viel voneinander zu lernen – und es geht durchaus ans Herz, sie auf diesem Weg zu einer persönlichen Erkenntnis über Verlust und Hoffnung zu begleiten.

    Fazit: Der Score und die Kamera von „Neues aus der Welt“ sind ähnlich großartig wie die beiden Hauptdarsteller – aber die Roadmovie-Erzählung wirkt unnötig zerfasert und wenig spannend, was gerade aufgrund des eigentlich so vielversprechenden thematischen und historischen Hintergrunds schade ist.

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