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    Possessor
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Possessor

    Ab sofort gibt es zwei ernstzunehmende Cronenbergs!

    Von Sidney Schering
    Geschlagene acht Jahre nach seinem So-la-la-Debüt „Antiviral“ reicht Brandon Cronenberg nun seine zweite abendfüllende Regiearbeit nach – und löst damit endlich das Versprechen seines Nachnamens ein: Dank seines ebenso superbrutalen wie ästhetisch-ambitionierten Sci-Fi-Horrors „Possessor“, der bereits bei seiner Premiere auf dem Sundance-Filmfestival für ein euphorisches Presseecho sorgte, scheint es plötzlich wieder denkbar, dass Brandon Cronenberg die übergroßen Fußstapfen seines Vaters David Cronenberg („Die Fliege“) doch noch ausfüllen kann. Auf jeden Fall aber empfehlen wir, diese visuelle Tour-de-Force unbedingt auf einer möglichst großen Leinwand mit einem angemessen-knallenden Soundsystem zu sehen – „Possessor“ ist schließlich ein Angriff auf alle Sinne, wie es sich für anständigen Bodyhorror gehört.

    Tasya Vos (Andrea Riseborough) ist eine begnadete Killerin: Im Auftrag einer ebenso fortschrittlichen wie ominösen Agentur nutzt sie eine Hirnimplantat-Technologie, mit der sie in die Körper anderer Menschen eindringt, um diese dann als lebendige Mordwaffe zu missbrauchen. Trotz ihrer speziellen Begabung fordert die lange Tätigkeit in diesem Feld einen dramatischen Tribut: Mittlerweile ringt Tasya auch im Privaten in ihrem eigenen Körper mit gewalttätigen Trieben. Trotz dieser zunehmenden psychischen Belastung nimmt sie den nächsten Mordauftrag an: Im Körper von Colin (Christopher Abbott) soll sie dessen Verlobte Ava (Tuppence Middleton) sowie deren Unternehmer-Vater John Parse (Sean Bean) töten. Eine Mission, die der ausgezehrten Tasya schon bald zu entgleiten scheint…

    Die Körpertausch-Methode, mit der Tasya Vos ihre Auftragsmorde begeht, ist alles andere als ein Zuckerschlecken ...


    Es schlagen – passend zum Plot – zwei Seelen in der Brust von „Possessor“. Seele eins: Brandon Cronenberg kreiert mit hypnotisch-schwerfälligem Erzähltempo und verdrießlicher Bildsprache einen eisigen Sci-Fi-Thriller voller Paranoia. Überall lauern Augen, die einen prüfen und durchleuchten. Während Tasya von ihrer unterkühlten Chefin Girder (Jennifer Jason Leigh) genau beäugt und dafür kritisiert wird, dass ihr Privatleben sie in beruflichen Dingen zurückhält, verlangt der strenge Konzernchef John Parse von seiner Belegschaft ebenfalls die höchstmögliche Effizienz. Der Arbeitsplatz seines zukünftigen Schwiegersohns Colin ist karg und trostlos, es weht ein schwerer Wind von George Orwell durch die Gänge.

    Colins Job ist eine pervertierte Form von Data-Mining: Horden an Niedriglohn-Arbeitskräften spionieren Menschen mittels Laptopkameras aus, um massenweise Verbraucherinformationen zu sammeln. Eine Szene, in der Colin die Gardinen eines Pärchens auswertet, das er gerade zufällig beim Sex beobachtet, gehört zu den raren, aber deshalb nur umso wirkungsvolleren humoristischen Momenten. Aber hinter der ulkigen Absurdität steckt zugleich der am leichtesten zu entschlüsselnde Moment des Horrors von „Possessor“. Wer seine Laptopkamera noch immer nicht abgeklebt hat, wird es sich nach diesem Film vielleicht anders überlegen.

    Abschlachten statt Ausschlachten


    Tasya macht quasi dasselbe wie Colin, nur dass sie die Menschen buchstäblich abschlachtet, statt sie sinnbildlich auszuschlachten. Wenn sie die fremde Körper übernimmt, ist das am Ende nur die radikale Fortführung von „Akzeptiere diese Cookies, damit die Erfahrung für dich angenehmer wird“-Pop-ups. Allerdings tragen diese Ähnlichkeiten auch dazu bei, dass Tasya ihre Mission noch mehr entgleitet und sie wiederholt die Kontrolle über Colin zu verlieren scheint. Christopher Abbott („It Comes At Night“) schafft es mit seinem subtilen Spiel, die Grenzen zwischen Colin, Tasya-als-Colin und Colin-der-Tasya-als-Colin-aus-dem-Konzept-bringt verschwimmen zu lassen. Brandon Cronenberg befeuert dieses Element der Verwirrung und Paranoia durch trippige Sequenzen mit markantem, unter die Haut gehendem Sounddesign, irritierenden Schnittfolgen und schockierenden Effektaufnahmen.

    Und das führt uns zur zweiten Seele in der Brust von „Possessor“: Der konfuse Schrecken, wenn Colin und Tasya verschmelzen, miteinander um Kontrolle ringen, sowie die Konsequenzen dieser absonderlicher Mordmethode äußern sich vor allem in emotional verwirrender Erotik und drastisch ausgekosteter Gewalt. Da kommt Brandon Cronenberg ganz nach seinem Vater. Zwar bietet „Possessor“ nur wenige Gewaltausbrüche, aber die gehen dafür auch krass in die Vollen: Kameramann Karim Hussain („Hobo With A Shotgun“) geht ganz nah ran, wenn jemandem – meist durch Einsatz praktischer Effekte – ein Auge entfernt oder der Kiefer zertrümmert wird.

    ... sondern im Gegenteil eine körperlich wie psychisch extrem zehrende Angelegenheit.


    Das Kunstblut fließt und fließt in einem eleganten Dunkelrot – und auch abseits der Tötungssequenzen ergötzt sich der Regisseur wiederholt an ebenso sinnlich anmutenden wie abstoßend entworfenen Bodyhorror-Albträumen. Brandon Cronenberg kostet das Gewaltvolle sinnlich aus, während er das eigentlich Sinnliche in „Possessor“ durch perverse Verformungen oder harsche Lichtsetzung derart drastisch gestaltet, dass es eher abschreckt als betört. Und selbst in vermeintlich intimen Momenten dauert es meist nicht lang, bis Brandon Cronenberg doch noch einen dornigen Dreh findet.

    Das deutlichste Beispiel dafür ist eine Sexszene, in der Colin und Tasya, die denselben Körper bewohnen, in gleitenden Übergängen miteinander verschmelzen und sich wieder trennen. Das ist in seiner ungewöhnlichen Ästhetik absonderlich-reizvoll – durch die Implikation, dass sich Parasitin und Wirt hier auf Zellenebene immer weiter miteinander verwenden, aber auch extrem beunruhigend. Abseits der Szenen mit Sex oder Gewalt sorgen unterdessen fließende Szenenübergänge und eine regelrecht durch die Schauplätze schwebende Andrea Riseborough („Mandy“) für ein zunehmendes Gefühl des Verlorenseins.

    Gewalt = Sex ???


    Riseborough spielt ihre Figur genauso intensiv wie unbegreiflich. Sie treibt desinteressiert an allen etwaigen Vorteilen einer wandernden Identität und Körperlichkeit vorbei und wird stattdessen von der Leere verschluckt, dass sie kein reguläres Ich mehr hat. Allein in impulsiver Gewalt findet sie noch Halt. Und doch verweigert uns Cronenberg eine explizite Antwort auf die Frage, ob Tasya in ihren Gewaltausbrüchen wirklich die sexualisierte Genugtuung erfährt, die impliziert wird. Oder ob Tasyas Befriedigung nicht viel mehr damit zu tun hat, dass sie immer wieder eingetrichtert bekommen hat, vor allem ihrer Chefin gefallen zu müssen – womit wir wieder an der oben schon angeschnittenen Kritik an der kapitalistischen Logik angekommen sind…

    Fazit: Atmosphärisch dicht, ästhetisch einprägend, ultra-brutal und obendrein ein starkes Schauspielvehikel für Andrea Riseborough und Christopher Abbott: Brandon Cronenbergs „Possessor“ hat das Zeug zum Horror-Kultfilm, den Genrefans wie die Schlüsselwerke seines Vaters noch jahrzehntelang bestaunen werden.

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