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    Wer wir waren
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Wer wir waren

    Warum die Menschheit (vielleicht doch nicht) untergeht

    Von Janick Nolting
    Haben wir überhaupt noch eine Zukunft? Und wenn doch, wie stellen wir sie uns vor? Zukunftsvisionen sind vor allem an Materielles gebunden, an Erfindungen, die das Leben erleichtern, so eine der Thesen des Publizisten Roger Willemsen. In der „Zukunftsrede“ in seinem unvollendeten Werk „Wer wir waren“ wagte er kurz vor seinem Tod im Jahr 2016 den Umkehrschluss: Kein Versuch, von der Gegenwart aus in die Zukunft zu mahnen, sondern sich in die Zukunft zu versetzen, um unsere Gegenwart zu ergründen.

    Der Dokumentarfilmer Marc Bauder („Der Banker: Master Of The Universe“) hat den Text für das Kino adaptiert. Er trägt Willemsens Gedanken damit an einen Ort, der eigentlich voll von Zukunftsvisionen ist. Meistens sind das erschreckende Dystopien von totalitären Herrschaften, Maschinenmenschen und Katastrophen. Aber wie kann man diesen Untergang abwenden und an einer lebenswerten Zukunft arbeiten? „Wer wir waren“ versucht, genau diese Fragen filmisch aufzugreifen – und steht damit vor einer Mammutaufgabe.

    Ist der Planet schon endgültig umgekippt? Oder kann man den Globus doch noch mal aufrichten?


    Um den Geist von Willemsens Werk auf die Leinwand zu bringen, begibt sich Bauder auf Weltreise. Sechs Protagonist*innen begleitet er, die den komplexen Text mit Leben füllen und sich Gedanken über den Fortbestand der Menschheit machen. Da wäre etwa die Philosophin Janina Loh, die über die Grenzen der Spezies forscht. Sind intelligente Roboter vielleicht unsere Nachkommen? An anderer Stelle blickt der Film auf die Arbeit des Ökonomen Dennis Snower und des Mönchs Matthieu Ricard, die sich für ein globales Denken einsetzen. Und aus dem All blickt derweil Astronaut Alexander Gerst auf die Erde herab…

    Eine Verfilmung von Roger Willemsens Vorlage ist eine riesige Herausforderung, gerade weil sie trotz ihres überschaubaren Umfangs in so viele Richtungen ausholt, so viele Beobachtungen und Gedanken ineinander verschachtelt und zum Teil sehr Abstraktes verhandelt. Immerhin rührt „Wer wir waren“ nebenbei auch an unserer Vorstellung von Zeit an sich.

    Eigentlich unverfilmbar


    Man hätte das als Experimentalfilm verwirklichen können. Regisseure wie Jean-Luc GodardWerner Herzog oder auch Goldener-Bär-Gewinner Radu Jude („Bad Luck Banging Or Loony Porn“) hätten daraus vielleicht ein apokalyptisches Gesellschaftsportrait montieren können. Marc Bauder wählt jedoch einen gemächlichen Weg. Er hat sich von dieser Komplexität nicht beirren lassen. Stattdessen greift er aus dem Originaltext selbst nur einzelne Passagen heraus, die dann aus dem Off vorgetragen werden. Er sucht eher nach dem substanziellen Gefühl der Vorlage und konkreten Beispielen, die das Material anreichern, um so deren Dringlichkeit zu betonen.

    Dieses Konzept geht am Anfang noch erstaunlich gut auf. „Wer wir waren“ führt von ganz unten nach ganz oben, er setzt sich also wörtlich in Distanz zu unserer Gesellschaft. Vom tiefen Ozean, wo die Meeresbiologin Sylvia Earle forscht, bis in das Weltall, wo „Astro-Alex“ die Erde bestaunt. Earle wundert sich etwa, dass der Mensch immer schnell dabei war, ins All zu fliegen, während der Ozean uns immer noch ein Rätsel ist. Ein interessanter Gedanke! Der Mensch strebt nach dem Unbekannten und Unendlichen, obwohl er seine irdische Existenz selbst noch lange nicht begriffen hat. In solchen Momenten gelingt „Wer wir waren“ eindrucksvoll, mit seiner Textvorlage in Dialog zu treten. Auf Dauer gerät dieser Dialog aber leider ins Stammeln und Raunen.

    Viele Oberflächlichkeiten


    Bauder verzichtet überraschenderweise weitgehend auf gewohnte Schockbilder von Umweltverschmutzung oder leidenden Tieren. Seinem Film haftet ein melancholischer, aber dennoch optimistischer Grundton, eine Neugierde an. Die Menschheit muss sich ändern, Schranken überwinden, da sind sich seine Protagonist*innen quasi einig. Aber wie soll das nun funktionieren? Genau an dieser Stelle bietet Bauders Film ernüchternd viele Phrasen.

    Der Ökonom Snower beharrt etwa darauf, dass die menschliche Ökonomie ein wandelbares System und nichts Naturgegebenes sei. Natürlich, man kann diese Mahnung gar nicht oft genug aussprechen. Bauders Film hätte an solchen Stellen anknüpfen, noch konkreter alternative Lösungsvorschläge zu Wort kommen lassen können. Dass Kapitalismus, Umweltzerstörung, Bildungsmangel und Ausbeutung unmittelbar verflochten sind, davon vermittelt auch „Wer wir waren“ eine Ahnung. Aber es bleibt eben bei einer Ahnung, bei einem Denkanstoß, der schon oft ausgesprochen wurde, aber doch nur auf der Stelle kleben bleibt.

    Mehr Mitgefühl… und dann?


    Dennis Snower plädiert im Film für mehr Empathie und ein globales Denken. Auch der Sozialwissenschaftler Felwine Sarr mahnt in anderen Szenen zu einem globalen „Uns“, das wir erst noch kreieren müssen. Na klar, gute Idee, aber wo anfangen? In Wirtschaftssystemen, die zu einem erheblichen Teil auf Ausbeutung und Machtgefällen beruhen, ist das leichter gesagt als getan.

    „Wer wir waren“ hat eine Brisanz, aber rennt mit seinen tröstlichen Motivationsreden zugleich offene Türen ein. Das ist recht wirkungsvoll montiertes filmisches Schwelgen zwischen Denkanstößen, aber auch ganz viel Schulterzucken. Bauders Dokumentarfilm hat im Zuge aktueller Debatten eigentlich nicht mehr viel zu sagen, er wiederholt und bekräftigt nur noch. Das Vertrackte des Willemsen-Essays wird ausgetauscht durch eine Sprunghaftigkeit. „Wer wir waren“ schaut in allerhand Problemfelder kurz hinein, rückt Figuren und deren Arbeit ins Zentrum, um direkt wieder zum nächsten Punkt zu wechseln.

    Die Bilder aus dem All sind beeindruckens, aber die aus ihnen gewonnenen Erkenntnisse trotzdem nicht neu.


    Diese Collage drückt den Finger zwar gekonnt in die Wunde, wenn es um menschliche Verdrängungsmechanismen im Angesicht globaler Probleme geht. Der Film selbst kann jedoch selbst nur irritiert staunen über diese Tatsache. Womöglich hätte ihm gerade etwas mehr Wut gut zu Gesicht gestanden! „Wer wir waren“ unterfordert und überfordert in finaler Konsequenz zugleich. Unterfordert, wenn etwa der Perspektivwechsel ins All teils nur zu Feststellungen taugt, dass die Erde von oben ja tatsächlich wie im Atlas aussieht. Und überfordert, wenn er dem Publikum ein Thema wie die Schaffung künstlicher Menschen in wenigen Minuten hinwirft. Es gibt tatsächlich einiges, womit man sich in und nach diesem Film auseinandersetzen muss. Bauders Menschheitsstudie selbst leistet dabei weniger, als sie uns abverlangt.

    Fazit: „Wer wir waren“ greift die Stimmung seiner literarischen Vorlage gekonnt auf, aber liefert mit fortschreitender Dauer vor der Komplexität seiner Fragestellungen zu wenige neue Einsichten. Letztendlich bleibt nur ein Hoffnungsschimmer, eine Inspiration im luftleeren Raum.

    Wir haben „Wer wir waren“ im Rahmen der Berlinale 2021 gesehen, wo er als Berlinale Special gezeigt wird.

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