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    The Reckoning
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    The Reckoning

    Eine Hexe schlägt zurück!

    Von Lutz Granert
    Im Zuge der Hexenverfolgungen wurden Schätzungen zufolge in Europa und Nordamerika bis zu 500.000 Frauen angeklagt. Die meisten davon nach einer offensichtlich schwachsinnigen „Befragung“ inklusive durch Folter erzwungenem Geständnis. Darauf weist auch eine Texttafel am Ende von „The Reckoning“ hin. Der Historien-Horror von Neil Marshall, der zuletzt Hellboy mit seinem „Call Of Darkness“ einen deutlich düstereren Anstrich verpasst hat, weist trotz seines Settings im 17. Jahrhundert aber immer wieder auch in die Gegenwart.

    Und das nicht nur, weil sich eine beklemmende Analogie spinnen lässt zwischen der Großen Plage von London und den medialen Bildern der Leichensäcke auf den Straßen während der Corona-Pandemie. Auch die wehrhafte Protagonistin ist als moderne Frau angelegt, die dem herrschenden (und hexenjagenden) Patriarchat konsequent die Stirn bietet. Leider bleibt „The Reckoning“ dabei inhaltlich zu unentschlossen, was auch daran liegt, dass das porträtierte Mittelalter aufgrund einiger fragwürdiger (Schmink-)Entscheidungen nicht immer authentisch wirkt.

    Da haben sich schon bei der Deutschlandpremiere auf dem Fantasy Filmfest viele drüber aufgeregt: Charlotte Kirk sieht auch nach tagelanger Folter noch immer aus wie frisch aus dem Ei gepellt.


    England wird im Jahr 1665 von einer großen Pest-Epidemie heimgesucht. Bei einem Pub-Besuch hat sich auch der Farmer Joseph Haverstock (Joe Anderson) infiziert. Um einem langsamen und qualvollen Tod zu entgehen, erhängt er sich. Seiner jungen Frau Grace (Charlotte Kirk) bleibt jedoch kaum Zeit zu trauern, denn der Gutsherr Squire Pendleton (Steven Waddington) fordert neben der ausstehenden Pacht für sein Land auch noch andere Zuwendungen von Grace ein.

    Als sie sich ihm verweigert, streut er im Pub das Gerücht, dass Grace eine Hexe und mit dem Teufel im Bunde sei. Das ruft den gefürchteten Hexenjäger John Moorcraft (Sean Pertwee) und seine entstellte Assistentin Ursula (Suzanne Magowan) auf den Plan. Sie wollen aus Grace ein Geständnis herausfoltern, um sie anschließend auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Doch Grace erweist sich als unerwartet leidensfähig...

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    Im düsteren Mittelalter ist kein Platz für Ritter-und-Burgen-Romantik – das macht „The Reckoning“ bereits in den ersten zehn Filmminuten mehr als deutlich: Dabei werden in High-Key-Beleuchtung getauchte Rückblenden romantischer Zweisamkeit furios mit dem nüchtern geschilderten Verlauf der Pestinfektion und dem Begräbnis bei strömenden Regen montiert. Schon hier fällt auf: Gerade bei den voluminösen Orchesterkompositionen von Christopher Drake trägt „The Reckoning“ dick (und gegenüber den leisen Dialogen zu laut abgemischt) auf, wobei auch musikalisch die Sympathien klar verteilt sind: Spüren Zuschauer*innen bei dramatischen Streichern und elegischem Gesang große Sympathien für Grace, machen die regelrecht donnernden Orgeln und dunklen Bläser beim ersten Auftritt vom komplett in schwarz gehüllten Hexenjäger Moorcraft klar, dass es sich hier um einen erbarmungslosen Finsterling, „toxische Männlichkeit“ in Persona handelt.

    Kaum verwunderlich also, dass die beiden zentralen Kontrahenten entsprechend reißbrettartig bleiben: Charlotte Kirk („Ocean's 8“) macht als Grace auch dauerhafter Schlafentzug über mehrere Tage im schummrig ausgeleuchtetem Kerker und das vaginale Einführen der Folterbirne (was zwar nur angedeutet wird, aber trotzdem heftiges Kopfkino und einen Wendepunkt im Plot mit sich bringt) offenbar nicht viel aus: Die mit Regisseur Neill Marshall verlobte Kirk wirkt auch nach schlimmsten Torturen stets perfekt gestylt und makellos geschminkt, so dass sie selbst bei größten Schmerzen noch die Kraft findet, Peiniger Moorcraft in Sachen Willensstärke herauszufordern.

    Hat sichtlich Spaß am Bösesein: Sean Pertwee als diabolischer Hexenjäger.


    Auf der anderen Seite ist Sean Pertwee (Batman-Diener Alfred aus „Gotham“) als Hexenjäger, der sich nach „Dienstschluss“ mit halb geöffnetem Hemd mit einer potenziellen Hexe zum lockeren Plausch unter vier Augen trifft, zumindest seine Freude am diabolischen Spiel auf jeden Fall anzumerken. Obwohl der Film eine betonte Ernsthaftigkeit an den Tag legt, kann man dem komplett in Budapest gedrehten „The Reckoning“ also eine gewisse Schmierigkeit sicherlich nicht absprechen – insbesondere, wenn Grace zu waberndem Nebel im Kerker immer wieder vom stilisiertem Sex im fahlen Mondschein mit dem gehörnten Teufel fantasiert.

    Auch wenn Marshall eine Hommage an klassische Horrorstreifen der legendären Hammer-Studios mit Vincent Price im Sinn hatte, so passen die Zutaten gerade im Hinblick auf die arg konstruierte Schlussviertelstunde einfach nicht zusammen. Angedeuteter Grusel beim zunehmend ermüdenden, spannungsarmen Martyrium von Grace schlägt dann in einen immerhin temporeichen Rachefeldzug mit saftigen Gore-Einlagen um. Marshall kehrt hier wieder zu seinen Wurzeln als Filmemacher zurück, schließlich feuerte er die weibliche Resilienz, Stärke und Kompromisslosigkeit auch schon in dem meisterhaften Höhlen-Thriller „The Descent – Abgrund des Grauens“. Allerdings geschah das in seinem Indie-Hit von 2005 ungleich plausibler als im nicht immer glaubhaften mittelalterlichen Setting von „The Reckoning“.

    Fazit: „The Reckoning“ beginnt zwar stark, aber auf Dauer sind die Foltersessions doch eher ermüdend. Eine trotz stets perfektem Styling blass bleibende Protagonistin und eine wie angehängt wirkende Schlussviertelstunde lassen den auch mit seinem musikalischen Brimborium zu dick aufgetragenen Hexen-Horror wenig ausgegoren zwischen klassischem Grusel und gorelastigem Gemetzel schwanken.



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