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    Last Night In Soho
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Last Night In Soho

    Die #metoo-Geister, die ich rief

    Von Christoph Petersen
    Am Morgen vor der Weltpremiere von „Last Night In Soho“ auf dem Filmfestival in Venedig veröffentlichte Regisseur Edgar Wright einen offenen Brief, in dem er das Festivalpublikum darum bat, nicht zu viel von der Geschichte preiszugeben. Ein Anliegen, das wir sehr gut nachvollziehen können – unsere Seherfahrung hat es jedenfalls ungemein bereichert, dass wir trotz der mehr als einjährigen Corona-Verschiebung noch immer so gut wie nichts Konkretes über den Plot und seine Wendungen wussten. Zugleich müssen wir aber auch sagen, dass der allergrößte Spoiler von Edgar Wright und dem für den Trailer verantwortlichen Marketing-Team selbst stammt: Immerhin hat der „The World’s End“-Regisseur den Film von Beginn an als psychologischen Horrorfilm angekündigt und im Trailer sind ebenfalls vor allem Szenen zu sehen, die diesen Eindruck unterstreichen …

    … aber wer sich „Last Night In Soho“ wirklich 100 Prozent unwissend ansieht, würde vermutlich lange Zeit gar nicht auf die Idee kommen, in einem Horrorfilm zu sitzen. Stattdessen beginnt der Film als mitreißend inszeniertes, oft regelrecht berauschendes Märchen über die gerade vom Land nach London gezogene Modedesignstudentin Eloise (Thomasin McKenzie). Während ihre Mitstudierenden mit Designernamen um sich schmeißen und die ganze Nacht Party machen, hat sich die in der neuen Umgebung schnell überforderte Eloise schon immer ihre eigenen Klamotten geschneidert. Aber es gibt für sie einen Ausweg: In ihren Träumen taucht sie in die von ihr idealisierten Swinging Sixties ab, wo sie die Geschichte der angehenden Barsängerin Sandy (Anya Taylor-Joy) miterlebt.

    Zu Beginn flieht Eloise noch begeistert in ihre Vorstellung der Swinging Sixties und das Leben von Sandy...


    Zunächst beobachtet Eloise die bewundernswert selbstbewusst auftretende Sandy, als sei sie ihr eigenes Spiegelbild – und das ist durchaus wörtlich zu verstehen: Wenn Sandy die Stufen des legendären Café de Paris herabsteigt, sehen wir zugleich auch Eloise, die in den Spiegeln neben ihr läuft. Bei einem Tanz mit dem Manager und selbsternannten Ladies Man Jack (Matt Smith) schlüpft Eloise dann sogar wiederholt kurz in den Körper von Sandy. Dabei wirbelt die Kamera so geschickt um Jack herum, dass er zwischen seinen beiden Tanzpartnerinnen auch ohne Computertricks so übergangslos hin und her wechselt, dass Eloise und Sandy tatsächlich irgendwann wie ein und dieselbe Person wirken.

    Hier zelebriert Edgar Wright einmal mehr sein Faible für bis ins kleinste Detail perfekt durchchoreographierte Plansequenzen, das er zuletzt auch schon in „Baby Driver“ auf die Spitze getrieben hat: In dem Heistfilm war jeder Schnitt und jede Schaltung des Fluchtwagens exakt auf den Beat des Soundtracks ausgerichtet – und in „Last Night In Soho“ lässt er die Swinging Sixties tatsächlich so sehr swingen wie selten zuvor. Dass die Musikauswahl – natürlich !!! - makellos ist, muss man bei dem Mastermind hinter dem Popkultur-Feuerwerk „Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt“ wohl ohnehin nicht mehr erwähnen. Kein Wunder also, dass sich Eloise jedes Mal aufs Einschlafen freut, als wäre morgen Weihnachten.

    Fast jede Frau hat eine Taxigeschichte


    Aber „Last Night In Soho” ist nun mal kein oberflächlich-glamouröses Sixties-Märchen, das die guten alten Zeiten wiederauferstehen lässt, sondern das genaue Gegenteil – eine horrorhafte Abrechnung mit einer Epoche, die in der Erinnerung nur deshalb so makellos glitzert, weil es damals noch keinen #aufschrei gab. Schon bei ihrer Ankunft in London wird die ansteckend-optimistische Eloise direkt wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, als der Taxifahrer sie erst mit sexistischen Sprüchen bedrängt und dann als „Spaß“ anmerkt, dass sie mit ihm ja nun ihren ersten Stalker hätte. Dass sie sich dann lieber schon kurz vor ihrem Zielort absetzen lässt, ist eine erschütternde Erfahrung, die so oder so ähnlich wohl fast jede Frau schon einmal gemacht hat …

    … und die nur vorsichtig andeutet, in welche abstoßend-abgründigen Gefilde sich der Film später noch vorwagen wird. Wir ehren den Wunsch des Regisseurs und schreiben dazu an dieser Stelle nicht zu viel, aber „Last Night In Soho“ und „Promising Young Woman“ würden auf jeden Fall ein perfektes Double Feature abgeben. Zumal der seit seinen Genreparodien „Shaun Of The Dead“ und „Hot Fuzz“ schon immer zitierwütige Edgar Wright und seine Co-Autorin Krysty Wilson-Cairns („1917“) offensichtlich ihre Hausaufgaben gemacht haben: Wenn das Setting in der Modebranche und in einem Studentenheim gleich zu Beginn Erwartungen an die Giallo-Klassiker „Blutige Seide“ von Mario Bava und „Suspiria“ von Dario Argento heraufbeschwört, werden diese später auch tatsächlich erfüllt.

    ... bis sie irgendwann mitbekommt, welche Schrecken unter der strahlenden Oberfläche lauern.


    Vor allem ein Mord mit 100 Messerstichen ragt heraus. Edgar Wright und Chung-hoon Chung („ES“), der als Stammkameramann von Park Chan-Wook (u. a. bei „Oldboy“ und „Stoker“) berühmt geworden ist, tauchen die brutale Tat nicht nur in ein verstörend-betörendes Licht, sie jonglieren zugleich auch noch mit den verschiedenen Zeitebenen, in denen der Mord von den Figuren ganz verschieden wahrgenommen wird. Das Dilemma, dabei die Sexualisierung der jungen Frauen anzuprangern und zugleich „Das Damengambit“-Shootingstar Anya Taylor-Joy in hochgradig sexualisierten, wenn auch elegant-stilisierten Bildern einzufangen, lässt sich bei solch einem Film wohl kaum auflösen …

    … aber immer, wenn man die Wut als Zuschauer*in spüren müsste, spürt man sie auch. Edgar Wright, Thomasin McKenzie und Anya-Taylor Joy räumen in „Last Night In Soho“ nicht nur mit einer zu Unrecht idealisierten Ära auf, sondern wischen alle möglichen Missverständnisse, dass es ja heute alles schon so viel besser sei, gleich mit vom Tisch. Selbst wenn „Last Night In Soho“ wie alle Filme von Edgar Wright unter „Style über Substanz“-Verdacht steht – zumindest der unter der hochglänzenden Oberfläche brodelnde Zorn fühlt sich hier definitiv wahrhaftig an…

    Fazit: Ein an die Nieren gehender, durchgehend elektrisierender #metoo-Horrorfilm – und nach „Baby Driver“ zugleich Edgar Wrights nächste Meisterklasse in seinen Lieblingsfächern Style und Coolness.

    Wir haben „Last Night In Soho“ auf dem Filmfestival in Venedig gesehen, wo er außer Konkurrenz als Teil des offiziellen Wettbewerbs gezeigt wurde.

     

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