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    The Virtuoso
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    1,5
    enttäuschend
    The Virtuoso

    Da kann selbst Anthony Hopkins nichts mehr ausrichten

    Von Oliver Kube
    Im April 2021 gewann Anthony Hopkins für seinen brillanten Auftritt in „The Father“ seinen zweiten Oscar (den ersten bekam er 29 Jahre zuvor für „Das Schweigen der Lämmer“). Allerdings war der Waliser nicht in Los Angeles anwesend, um ihn persönlich entgegenzunehmen. Er schaute sich die Zeremonie noch nicht einmal im TV an, sondern lag im Bett und schlief. Erst als die Schauspiellegende am nächsten Morgen von ihrem Triumph erfuhr, drehte Hopkins eine kurze, durchaus emotionale Dankesrede auf einem Smartphone – und ging dann direkt wieder zur täglichen Routine über. Nicht exakt so, aber doch ähnlich nonchalant dürfte Hopkins‘ Beteiligung am Thriller „The Virtuoso“ von „Good Day For It“-Regisseur Nick Stagliano ausgesehen haben. Dem fertigen Film nach zu urteilen, dürfte sein Arbeitsaufwand kaum mehr als einen Drehtag in Anspruch genommen haben.

    Dennoch ist der mit Abstand interessanteste Moment des Films ein Monolog, in dem Hopkins Figur von ihrer Erfahrung als junger Soldat im Vietnamkrieg berichtet. Das Ganze dauert nur ein paar Minuten und ist, wenn auch nicht wirklich gut geschrieben, doch zumindest mitreißend gespielt. Den Rest seiner Performance, die aus dem Hantieren mit mehreren Telefonen oder dem Reinigen seiner Waffe in einem schmucklosen Büroraum besteht, hätte hingegen auch jeder andere Mime seines Alters aus der zweiten oder dritten Reihe absolvieren können. Immerhin lieferte Hopkins’ nach dem Oscargewinn wieder schwer angesagter Name auf dem Poster aber wohl den Grund, weshalb der reichlich maue und überraschungsarme Neo-Noir überhaupt in Deutschland in einige Kinos kommt und nicht direkt als VoD-Angebot veröffentlicht wird.

    Der titelgebende Profikiller (Anson Mount) steckt nach einem tödlichen Zwischenfall in einer philosophischen Krise.


    Weil es beim letzten Job mehr Tote als geplant gab, ringt ein isoliert von der Zivilisation in einer Waldhütte lebender Profikiller (Anson Mount) mit seinem Gewissen. Zum Glück erhält der titelgebende Virtuose von seinem Mentor (Anthony Hopkins) zur Ablenkung gleich einen besonders kniffeligen Auftrag. Kniffelig deshalb, weil der sonst so betont methodisch und mit größtmöglicher Vorbereitung vorgehende Attentäter diesmal improvisieren muss. Kennt er doch lediglich den Zeitpunkt und den Ort, wo er zuschlagen soll. Einen verwertbaren Hinweis auf die Identität seiner angeblich ebenfalls als  Auftragsmörder tätigen Zielperson hat er hingegen nicht erhalten.

    Wen soll er nun also töten? Diese Frage stellt sich der Mann, als er in dem verschlafenen Bergdorf eintrifft. Ist es vielleicht der irgendwie nicht authentisch rüberkommende Deputy-Sheriff (David Morse)? Oder der linkische Einzelgänger (Eddie Marsan) mit der verdächtigen Beule unter der Jacke? Eventuell könnte es natürlich auch der Kleingangster Johnnie (Richard Brake) sein? Oder dessen verzweifelt wirkende neue Freundin (Diora Baird)? Der offensive Charme der hübschen Kellnerin (Abbie Cornish) im einzigen Diner vor Ort macht es dem Killer jedoch nicht gerade einfacher, sich auf die Lösung des Rätsels zu konzentrieren…

    Die Philosophie des professionellen Tötens


    Anson Mount, den man vor allem aus „Band Of Brothers“ kennt und der demnächst als Captain Pike in „Star Trek: Strange New Worlds“ zu sehen sein wird, hat es nicht gerade leicht, uns seinen vom Drehbuch nicht nur ohne Namen, sondern auch nahezu komplett ohne Background präsentierten Protagonisten näher zu bringen. Wenn er auf der Leinwand sichtbar ist, spricht er nur sehr wenig. Dafür hören wir ihn die gesamte Laufzeit über aus dem Off quasseln: Mit enervierend-monotonem Voiceover schildert die Hauptfigur immer und immer wieder ihre Vorgehensweise und ihre Philosophie darüber, was einen effizienten Berufsmörder ausmacht.

    Derlei Einsichten und Tipps mögen eventuell für all jene Zuschauer*innen hilfreich erscheinen, die eine ähnliche Karriere anstreben. Für den Rest von uns ist es kaum mehr als der arg durchschaubare Versuch von Regisseur Stagliano und seinem Co-Autor James C. Wolf, die Leere des Skripts zu kaschieren, allerlei Lücken zu stopfen und die wiederholt herausgeholten Hitman-Klischees zu übertünchen. Das ist dann doch eher ermüdend – zumal wir den Twist, auf den die Handlung umständlich hinarbeitet, wahrscheinlich allesamt bereits nach etwa einer Viertelstunde kommen sehen.

    Anthony Hopkins ist zwar der größte Star - spielt aber trotzdem nur eine sehr kleine Rolle.


    Mounts und Hopkins‘ Figuren sind hauchdünn gezeichnet. Auch alle anderen Handelnden spielen mit verdeckten und natürlich – das ahnen wir sofort – gezinkten Karten. Dass bis auf den schmierigen Johnnie keine Figur einen Namen bekommt, sondern nur mit ihrer Berufsbezeichnung eingeführt wird, ist zudem ein längst ausgelutschtes Post-Tarantino-Klischee. Währenddessen erzählt uns der Protagonist in einer Tour, wie lange er bereits dabei wäre und wie umsichtig er seinen Job erledigen würde. Und dann merkt er bis fast zum Ende der reichlich gestreckt wirkenden 110 Minuten nicht, dass er offensichtlich in eine Falle tappt? Also bitte!

    Aber vielleicht ist der Filmtitel ja mit einem Augenzwinkern gemeint? Das wäre dann jedoch der einzige und wiederum nicht zum Rest passende Anflug von Leichtigkeit in diesem fast schon schmerzhaft bleiern und selbst in den Action-Momenten zäh und schleppend wirkenden Reißbrett-Neo-Noir. Das Ganze mutet wie der langweilige Stiefcousin von „Bad Times At The El Royale“ an – einem ebenfalls alles andere als perfekten, dafür aber zumindest durchgehend unterhaltsamen Werk.

    Fazit: Dröge erzählt, zäh umgesetzt und – mit Ausnahme des planlosen Protagonisten – für jeden viel zu schnell absehbar! „The Virtuoso“ ist ein schwacher B-Thriller, der nur einmal – dank eines mehrminütigen Monologs des ansonsten kaum zu sehenden Anthony Hopkins – eine kurze schauspielerische Aufwertung erfährt.

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