Der schönste Blick aufs Weltall seit „Interstellar“
Von Markus TruttRidley Scott und Matt Damon hatte auch vorher schon jeder auf der Rechnung. Aber als ihr Weltraum-Survivaldrama „Der Marsianer“ 2015 einschlug wie eine Bombe, wurde Hollywood vor allem auf einen Mann aufmerksam: Der Vorlagen-Autor Andy Weir hatte mit seinem selbstverlegten Debüt schließlich die Grundlage für das gleichermaßen spannende wie unterhaltsame Mars-Abenteuer geliefert, das an den weltweiten Kinokassen das Sechsfache seines Budgets von 108 Millionen Dollar einspielen konnte. Kein Wunder also, dass man sich in der Traumfabrik die Filmrechte an seinen nächsten zwei Science-Fiction-Romanen jeweils schon vor (!) ihrem Erscheinen sicherte.
Aus der Verfilmung von „Artemis“ wurde nach gemischten Reaktionen auf das Buch, in dem eine Kleinkriminelle in eine Verschwörung in einer Mondkolonie gerät, dann allerdings doch nichts. Davon ließ sich das für den Regieposten vorgesehene „Spider-Verse“-Duo Phil Lord und Christopher Miller jedoch nicht entmutigen. Drei Jahre später haben sie sich einfach Weirs nächsten, wohlwollender aufgenommenen Roman geschnappt – und daraus mit „Der Astronaut - Project Hail Mary“ einen visuell atemberaubenden Weltenretter-Trip gemacht, der obendrein mit der vielleicht herzergreifendsten Leinwandfreundschaft des Jahres aufwartet.
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Dr. Ryland Grace (Ryan Gosling) wacht mutterseelenallein an Bord eines Raumschiffs auf, das weit entfernt von der Erde durch ein fremdes Sonnensystem saust. Nach anfänglichen Erinnerungslücken wird ihm bald die wahre Natur seiner außergewöhnlichen Mission bewusst: Er wurde losgeschickt, um seinen Heimatplaneten zu retten! Die Erde steuert nämlich auf eine neue Eiszeit zu, seit die Sonne rapide an Energie verliert.
Das Phänomen betrifft allerdings nicht nur unsere Sonne, sondern scheint im Universum regelrecht um sich zu greifen. Nur ein einziger Stern ist offenbar nicht betroffen – und genau zu diesem ist Grace nun unterwegs, um nach einer Lösung für das kosmische Problem zu suchen. Auf sich allein gestellt, zweifelt der Biologe zunehmend an der Machbarkeit dieser Menschheitsaufgabe – bis er feststellt, dass er in den Weiten des Alls womöglich doch nicht so allein ist, wie er zunächst geglaubt hat …
Das Szenario, wie es uns Andy Weir und der schon für die „Marsianer“-Adaption zuständige Drehbuchautor Drew Goddard hier präsentieren, wäre in vielen Filmen der Ausgangspunkt für einen dystopisch-melancholischen Abgesang auf die Menschheit. Auch in „Der Astronaut“ wird kein Hehl daraus gemacht, wie ernst die Lage ist. Trotzdem nimmt die Geschichte in vielerlei Hinsicht genau den entgegengesetzten Weg zu artverwandten Zukunftsvisionen. Inklusive Erinnerungsverlust und Desorientierung konsequent aus der Perspektive der Hauptfigur erzählt, entfaltet sich ein hoffnungsvolles Sci-Fi-Abenteuer über die Kraft des Zusammenhalts in schweren Zeiten.
Das schimmert schon während der immer wieder eingestreuten Flashbacks durch, in denen enthüllt wird, wie Grace unter Anleitung der resoluten Projektleiterin Eva Stratt (Sandra Hüller) Teil des Projekts Hail Mary wurde – für das alle Nationen der Erde gemeinsam an einem Strang gezogen haben. Noch weitaus eindringlicher wird die Botschaft aber anhand einer ganz besonderen Beziehung vermittelt, die das wundervolle Herzstück des Films bildet, ihn nach einem eher gemächlichen Beginn erst so richtig Fahrt aufnehmen lässt und ihn aus der Masse an Sci-Fi-Storys herausstechen lässt.
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An dieser Stelle müssen wir kurz auf eine zentrale Entwicklung in der Handlung von „Der Astronaut“ eingehen. Diese wird auch schon in den Trailern an die große Glocke gehängt. Wer allerdings noch keine Vorschau gesehen hat und komplett unbefangen in den Film gehen will, sollte die folgenden drei Absätze überspringen.
Wie bereits angedeutet, bleibt Ryland Grace bei seinem Himmelfahrtskommando (daher auch der englische Originaltitel „Project Hail Mary“) wider Erwarten nicht allein. Stattdessen trifft er auf ein krabbenartiges Steinwesen, das er liebevoll Rocky tauft und das aus demselben Grund wie er ins All aufgebrochen ist. Auch Rocky sucht nach einem Weg, seinen Planeten im Angesicht des Sternsterbens vor dem Untergang zu bewahren. Und so tun sich die zwei ungleichen Raumfahrer nach Überwindung der anfänglichen Sprachbarriere kurzerhand zusammen, um ihre Erfolgschancen zu erhöhen.
Schnell entwickeln die beiden ein tiefes gegenseitiges Verständnis, das aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft eine immer innigere Freundschaft werden lässt. Das ist vor allem auch deshalb ein Kunststück, weil der felsige Rocky überhaupt kein Gesicht und folglich auch keinerlei Mimik hat! Die Annäherung der ungewöhnlichen Astronauten erfolgt anfangs über Gesten, Geräusche und sogar Puppenspiele, bis schließlich ein Übersetzungsprogramm zum Einsatz kommt.
Mit einem eleganten Mix aus speziesübergreifender Situationskomik und großen Emotionen lassen Phil Lord und Christopher Miller auf der Leinwand eine herzerwärmende Bindung entstehen – nicht nur zwischen Rocky und seinem Gegenüber, sondern auch zum Publikum. Kleiner Wermutstropfen für Fans der Vorlage: Bei diesem klaren Fokus tritt der wissenschaftliche Unterbau, der sich durch den gesamten Roman zieht (und auch in „Der Marsianer“ stärker ausgeprägt war), bei „Der Astronaut“ eher in den Hintergrund.
Das oscarnominierte Regieduo sorgt dafür auf anderen Ebenen immer wieder für offene Münder, nicht zuletzt beim Geschehen außerhalb der Raumschiffe. Seit „22 Jump Street“ von 2014 haben Lord und Miller keinen Film mehr als Regisseure in die Kinos gebracht (beim „Star Wars“-Spin-off „Solo“ wurden sie wegen kreativer Differenzen gefeuert, die „Spider-Verse“-Filme haben sie „nur“ als Autoren und Produzenten begleitet). Offenbar hat sich da so einiges an visueller Energie angestaut, die nun in „Der Astronaut“ immer wieder in einen formvollendeten Farben- und Lichterrausch regelrecht explodiert. So schön sah der Weltraum wahrscheinlich seit Christopher Nolans Sci-Fi-Epos „Interstellar“ im Kino nicht mehr aus.
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All das wäre aber wohl nur halb so kraftvoll ohne den versierten Musikeinsatz, der „Der Astronaut“ auf verschiedenste Weise bereichert. Da wäre zum einen der verspielte Score von „Spider-Verse“-Komponist Daniel Pemberton, der von sphärisch-meditativen Klängen über Stücke voller beschwingter Aufbruchstimmung bis hin zur Untermalung einer Art Raumschiff-Ballett (!) vielfältig und eingängig zugleich daherkommt. Doch es geht noch darüber hinaus, wenn Musik auch innerhalb der Handlung zum essenziellen Kommunikationsträger wird – und das übrigens nicht nur bei der Verständigung mit außerweltlichen Tönen, sondern auch in einer der schönsten Szenen, wenn die lange Zeit so unnahbare Projektleiterin Eva Stratt endlich ein Stück aus sich herauskommt.
Bei einer bewegenden Karaoke-Einlage gibt sie plötzlich Harry Styles' „Sign Of The Times“ zum Besten und gewährt so doch einen kleinen Blick hinter die gefasste Fassade. Zehn Jahre nach ihrem unvergessenen „The Greatest Love Of All“-Solo in „Toni Erdmann“ kontrastiert Sandra Hüller („Rose“) erneut mit einer unerwarteten Gesangsdarbietung eine augenscheinlich kühle Filmfigur. Ein plötzlicher Einfall von Wahrhaftigkeit, nach dem klar ist, warum inzwischen ganz Hollywood nicht nur mit Andy Weir, sondern auch mit dem deutschen Hollywood-Export (dennächst ist sie neben Tom Cruise in „Digger“ zu sehen) arbeiten will.
Fazit: Eine rührende Buddy-Komödie im All! „Der Astronaut“ entpuppt sich trotz seines fatalistischen Weltuntergangsszenarios als ansteckend-optimistische Erzählung über Solidarität und Gemeinschaftssinn. Nach den schier überwältigenden Weltraum-Panoramen bekommt man zudem fast selbst Lust auf einen Ausflug zu den Sternen. Oder um es mit den Worten einer der Hauptfiguren zu sagen: „Staunen, Staunen, Staunen!“