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    John and the Hole
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    John and the Hole

    Ein 13-Jähriger sperrt seine ganze Familie in die Grube

    Von Oliver Kube
    Schon nach nur drei, vier Szenen fühlt sich der Indie-Geheimtipp „John And The Hole“, der seine Deutschlandpremiere auf dem Fantasy Filmfest feiert, wie eine Hommage an die visuellen wie atmosphärischen und charakterlichen Versatzstücke der Werke von Yórgos Lánthimos („The Killing Of A Sacred Deer“) und Michael Haneke („Funny Games“) an. Dazu kommt noch eine gehörige Portion Gus Van Sant aus der Phase um das Amoklauf-Drama „Elephant“ und die Kurt-Cobain-Biografie „Last Days“. Und zum Glück entwickelt Regie-Debütant Pascual Sisto, der bisher vor allem als Installationskünstler und Architekt tätig war, darüber hinaus noch eine ganz eigene Handschrift.

    Im Gegensatz zu den genannten Vorbildern fehlt es hier nämlich am kulminierenden Gewaltausbruch, stattdessen bleibt fast alles der (kranken) Fantasie des Publikums überlassen. Was nicht heißt, dass es in „John And The Hole“ trotz des gebremsten Tempos nicht auch spannend zugehen würde. Das Drehbuch zu diesem ebenso faszinierend vielschichtigen wie verstörend doppelbödigen Film stammt übrigens vom argentinischen Schriftsteller Nicolás Giacobone, der für „Birdman“ einen Oscar gewonnen hat und auf dessen eigener Kurzgeschichte „El Pozo“ das Skript zu „John And The Hole“ basiert.

    Während John seine Familie wie ein wissenschaftliches Experiment betrachtet ...


    John (Charlie Shotwell) ist 13 Jahre alt. Er ist hochintelligent, verliert sich aber oft in seiner Gedankenwelt. Zusammen mit seinen wohlhabenden Eltern Brad (Michael C. Hall) und Anna (Jennifer Ehle) sowie seiner älteren Schwester (Taissa Farmiga) lebt er in einem großen, modernen Haus am Stadtrand. Eines Tages spielt er mit seiner Kameradrohne nicht weit von seinem Zuhause in einem menschenleeren Waldstück. Da entdeckt er einen nicht fertiggebauten Bunker in Form eines zementierten, tiefen Schachts im Boden.

    Die Eltern erklären ihm, dass ein paar Nachbarn diesen Bunker vor Jahren als Schutz vor eventuellen Katastrophen bauen wollten, ihnen dann aber wohl das Geld ausgegangen sei. Wenige Tage später setzt John seine ahnungslose Familie mit einer hohen Dosis Schlafmittel außer Gefecht und schafft sie nach und nach mit einer Schubkarre zu dem Bunker, aus dem es ohne Hilfe von der Oberfläche kein Entkommen gibt. Während Brad, Anna und Laurie erst verwirrt, dann wütend, schließlich panisch und hungernd darauf warten, dass John sie aus ihrem Gefängnis in der Wildnis befreit, genießt der Junge im Haus sorglos seine neugewonnene Unabhängigkeit…

    Klaustrophobisch von Anfang an


    Die meist geradewegs draufhaltenden Einstellungen im 4:3-Bildformat erzeugen sofort ein Gefühl der Unmittelbarkeit und Nähe, das aber immer wieder auch in Enge und Verstörung umzuschlagen droht. So wird das Publikum schnell und effizient in die Geschehnisse hineingezogen. Unterbrochen wird dieses schon vor dem Auftauchen der Grube klaustrophobische Gefühl nur durch gelegentliche Außenaufnahmen des Hauses, in denen wir die Familie durch die großen Glasscheiben beobachten. Das Gesprochene hören wir dabei nicht, aber meist sind beim Essen ohnehin alle nur mit dem Smartphone, der Zeitung oder sonstigen Papieren beschäftigt.

    Weitere Ausnahmen sind die verträumt anmutende Vogelperspektiven in der Natur – gefilmt mit der von John gesteuerten Kameradrohne. Dieses Herausgleiten aus dem eigentlichen Geschehen ist geschickt forciert – realisieren wir dadurch doch bald, dass es John wohl ebenso geht, auch er immer wieder gedanklich geradezu wegtritt. Der Junge ist dann zwar noch körperlich anwesend, muss aber – egal ob von seiner Lehrerin oder seinen Verwandten – erst durch laute Ansprache oder gar physisches Anstoßen dazu gebracht werden, sich wieder seiner Umgebung gewahr zu werden. All dies wird uns nicht, wie in so vielen Filmen üblich, mittels Exposition ausführlich erklärt. Sisto und Giacobone trauen ihrem Publikum zu, sich selbst zusammenzureimen, was mit John los ist.

    ... macht sich in der Grube langsam die Panik breit ...


    Bei Videogames, die er online und später auch zusammen mit seinem einzigen Freund (Ben O‘Brien) zockt, kann sich John durchaus konzentrieren. Das Gros seines Alltags mit der Familie bewältigt er hingegen fast wie auf Autopilot. Er ist intelligent genug, um in der Schule mitzukommen, ohne sich dabei anzustrengen. Er spielt auch ziemlich gut Klavier und hätte laut seinem Tennistrainer (Elijah Ungvary) sogar das Zeug zur Profikarriere. Doch zu diesem Zeitpunkt wissen wir bereits, dass dies nie passieren wird, weil er dazu mehr Engagement zeigen müsste. Was offenbar nicht Johns Ding ist.

    Dafür ist er so geistesgegenwärtig, sich spontan komplexe Szenarien auszudenken, die sein Alleinsein gegenüber Dritten wie der misstrauischen besten Freundin seiner Mutter (Tamara Hickey) oder dem Gärtner (Lucien Spelman) erklären. Oft stellt er Fragen, die seinem Umfeld und auch uns zunächst seltsam erscheinen. Etwa, wie viele Kissen sich wohl im Hause befinden würden. Erst später wird klar, dass diese Fragen keinesfalls aus der Luft gegriffen, sondern Baustein eines größeren Planungsprozesses sind, um seine doch sehr eigenwillige und extreme Art von Teenager-Rebellion in die Tat umzusetzen.

    Ein brillanter Hauptdarsteller


    All das spielt der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten erst 12 Jahre alte Charlie Shotwell, der dafür schon eine erstaunliche Anzahl von Credits (darunter „Captain Fantastic“, „Alles Geld der Welt“ und zuletzt „The Nest“) gesammelt hat, absolut glaubhaft. Das Ringen mit Entscheidungen in Stresssituationen spielt sich komplett im Kopf seiner unbedarft ins Leere schauenden Figur ab. John will offenbar wissen, wie es ist, ein Erwachsener zu sein. Seine Mutter hatte ihm mal gesagt, dass Erwachsene eigentlich auch nur Kinder seien, nur mit mehr Verantwortung. Diese will der Junge nun spüren - nicht erst in ein paar Jahren, sondern jetzt; notfalls eben auch mit radikalen Mitteln. An dieser Stelle wird aus dem nur nebenbei absurde Züge aufweisenden Coming-of-Age-Drama plötzlich ein intensiver Psycho-Thriller.

    Zu all dem, was mit, um und durch den undurchschaubaren und unberechenbaren, dabei abwechselnd unheimlich oder trockenhumorig wirkenden Titelhelden passiert, gibt es noch eine Nebenhandlung. Oder ist sie am Ende gar die Hauptstory? An einigen Stellen in der Geschichte verlassen wir nämlich John plus seine im Loch darbende und zunehmend verwahrlosende Familie ganz abrupt. Dann treffen wir auf eine Mutter namens Gloria (Georgia Lyman) und ihre zwölfjährige Tochter Lily (Samantha LeBretton). Diese Momente dürften manchen sicher frustrieren. Denn da die zwei nie direkt mit John & Co. interagieren, müssen wir selbst eine Verbindung herstellen.

    ... bis am Ende nur noch der schiere Glaube übrigbleibt.


    Wer gewillt ist, dies zu tun, für den eröffnen diese Szenen eine weitere Dimension beziehungsweise eine attraktive Ambivalenz. Immerhin sprechen sie über den Protagonisten, als wäre das, was er seiner Familie antut, Inhalt eines Märchens oder eines Gleichnisses. Gibt es John und die anderen also vielleicht gar nicht wirklich? Sind sie nur eine Art gruselige Gute-Nacht-Geschichte, die sich Gloria ausgedacht hat, um die Kleine darauf vorzubereiten, was am Ende des Films passiert? Sicher ist nur, dass „John And The Hole“ nach dem Abspann für einiges an Gesprächs- und Diskussionsstoff sorgen wird…

    Fazit: Wer im Kino gern mitdenkt und mitfühlt, ist bei dieser cleveren wie amüsanten und verstörenden Fabel über das Erwachsenwerden goldrichtig.

    „John And The Hole“ feiert seine Deutschlandpremiere auf dem Fantasy Filmfest.

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