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    Windfall
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Windfall

    Netflix setzt auf Hitchcock-Humor statt Hitchcock-Spannung

    Von Sidney Schering
    Fünf Jahre nach „The Discovery“ tauscht Regisseur Charlie McDowell die kühle, nass-neblige Ästhetik seiner Sci-Fi-Romanze gegen ein sonnendurchflutetes, einladend-altmodisches Anwesen in Kalifornien aus. Die Handlung von „Windfall“ wird durch einen Einbruch in eben diesen mediterran angehauchten Luxuskomplex eingeläutet – und Netflix beschreibt das in seiner Vorab-Pressekommunikation als Stoff für einen Thriller in der Tradition von Alfred Hitchcock. Mit dieser Ankündigung liegt der Streaming-Service keinesfalls daneben – und weckt wohl trotzdem falsche Erwartungen. Schließlich würde man anhand dieser Aussage nervenzerfetzenden Suspense erwarten …

    … nur um dann festzustellen, dass McDowell mit „Windfall“ tonal eher in die Richtung seines minimalistischen Komödien-Thrillers „The One I Love“ mit Elisabeth Moss zurückkehrt. Pate standen hier also vor allem jene Hitchock-Filme, in denen der Master Of Suspense seinen bubenhaft-boshaften Humor ausspielt – also etwa „Cocktail für eine Leiche“, „Eine Dame verschwindet“, „Immer Ärger mit Harry“ und natürlich „Im Schatten des Zweifels“, Hitchcocks Liebling unter seinen eigenen Filmen. Hier geht es also nicht ums Aufstellen der Nackenhaare – sondern um ein verschmitztes Lachen, das einem im besten Fall auch mal im Halse stecken bleibt.

    Niemand (Jason Segel) hat nicht damit gerechnet, dass er bei seinem Einbruch überrascht werden könnte...


    Ein Niemand (die Rollenbeschreibung im Abspann lautet tatsächlich „Nobody“: Jason Segel) hat sich auf das Ferienanwesen eines milliardenschweren CEO (Jesse Plemons) geschlichen, wo er sich die Taschen vollmacht. Plötzlich tauchen der Besitzer und seine Gattin (Lily Collins) auf, weshalb der diebische Niemand improvisieren muss. Kurzerhand fesselt der Einbrecher das Pärchen – wobei er feststellen muss, dass sich die Superreichen überhaupt nicht so aufführen, wie man es von den Opfern eines solchen Verbrechens eigentlich erwarten würde...

    „Windfall“ eröffnet mit schweren Klängen der Komponisten Danny Bensi und Saunder Jurriaans, bevor wir „How I Met Your Mother“-Star Jason Segel entlang kräftig-grüner Orangenbäume spazieren und in eine der saftigen Früchte beißen sehen. Daraufhin durchstöbert Segels namenlose Figur das Anwesen, das aussieht, als wäre es direkt den 1940er-Jahren entsprungen – zumindest, wenn es die technischen Geräte nicht in der Gegenwart verorten würden. Es dauert geschlagene sieben Minuten, bevor der erste Dialog beginnt – ein aus der Ferne vernehmbares Gespräch zwischen den ebenfalls namenlosen Figuren von Jesse Plemons („The Power Of The Dog“) und Lily Collins („Emily In Paris“) verkörpern.

    Erst mal eine Runde Fangenspielen


    Es ist nicht etwa das Flüstern vor dem großen Knall, sondern eher der Startschuss (oder besser: das Startknistern) für ein peinlich berührtes Aufeinanderstoßen, das von bemühter Höflichkeit und genervter Irritation bestimmt wird, bevor es in einer höchst kindischen Verfolgungsjagd kulminiert: Der verdutzte Einbrecher, die verdatterte CEO-Gattin und der bübisch-arrogante Mogul holpern, rennen und stolpern durch die zuvor von Kameramann Isiah Donté Lee („John Henry“) in Seelenruhe eingefangenen Winkel des Ferienanwesens, als würden sie Fangen spielen. Die Pistole, die der Niemand bei sich trägt, könnte genauso gut eine Wasserpistole sein, mit der er zwei Freunde jagt – so wirkt dieser „Action“-Moment.

    McDowell fängt dieses Chaos aber nicht etwa mit einer post-modernen Distanz ein – „Windfall“ ist keine Parodie, die sich über Geiselnahme-Thriller lustig macht und dämlich chargierende Figuren aufweist. Stattdessen lebt „Windfall“ von einer geruhsamen, dezenten Ironie: Der Regisseur lässt wiederholt Raum für ein stilles Kichern über diese Figuren, die aufgrund ihrer Planlosigkeit oder ihres Charakters auf unwahrscheinliche und dennoch glaubwürdige Art anders auf die Gefahrenlage reagieren, als wir es als Zuschauer*innen im Thriller-Genre gewohnt sind.

    Niemand, CEO (Jesse Plemons) und Gattin (Lily Collins) verhalten sich so gar nicht, wie man es aus anderen Einbruchs-Thrillern gewohnt ist.


    Und so kommt es, dass der arrogante Mogul in einem Ego-Anflug das von ihm erpresste Lösegeld nach oben verhandelt, woraufhin der von der Situation überforderte Täter sein Gegenüber wieder herunterzuhandeln versucht. Oder dass in freundlichem Tonfall Gebrauchsregeln für die Pistole besprochen werden. Oder aber der Erpresser in respektvoller Distanz danebensitzt, während das Paar Zwistigkeiten ausdiskutiert.

    So ruhig der CEO und seine Gattin auf den Vorfall auch reagieren mögen – in sanften Schritten wird aus der verwunderlich-zurückgelehnten Lage doch noch ein Drei-Personen-Machtspielchen mit sich mehrmals verschiebenden Sympathien. Aber während die zunächst ausbleibende Eskalation – nicht zuletzt aufgrund der wunderbar unaufgeregten Performances von Segel, Plemons und Collins – erstaunlich stimmig gerät, kommt das Skript von Justin Lader („Gilded Rage“) und Andrew Kevin Walker („Sieben“) immer dann ins Stolpern, wenn es darum geht, in dieser relaxten Stimmung doch noch einen Anflug von Anspannung zu säen.

    Alles megalässig bis auf den Score


    Daher braucht es bis zum letzten Drittel, bis „Windfall“ Humor und Suspense ausbalanciert und allen Figuren alles zuzutrauen ist, so dass sich morbid-pointiertes Unglück launig mit packendem Verrat abwechselt. Zuvor ist der elegant gefilmte Zwist in geschmackvollem Setting mit sonnig-idyllischem Anti-Thriller-Look eher amüsant als lustig bzw. eher interessant als spannend.

    Daran hat stellenweise auch der schwere Score Schuld: Einige Szenen sind derart mit schneidenden Streichern zugekleistert, dass der leise, kuriose Witz, der ihnen innewohnt, regelrecht erdrückt wird. Diese Klangfarbe mögen McDowell und seine Komponisten einer Handvoll Hitchcock-Klassiker entliehen haben, jedoch haben sie nicht das meisterliche Fingerspitzengefühl, das diktiert, wann es die schweren Streicher einzusetzen gilt. „Windfall“ ist dann halt doch kein „Cocktail für eine Leiche“, aber wenigstens sowas wie der erfrischende Orangensaft unter den Hitchcock-Hommagen.

    Fazit: Ein Einbruch geht schief – und alle in diese missliche Lage involvierten Personen sind zu baff, um angemessen (und vorhersehbar) zu reagieren. In „Windfall“ entsteht daraus ein Thriller-Spaß mit leisem, sich böse entwickelndem Witz, der dank eines stilvollen Settings und drei unaufgeregter Performances gefällt, selbst wenn es dem Film an (Spannungs-)Höhepunkten mangelt.

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