Eine US-Präsidentin auf den Spuren von John McClane!
Von Lutz GranertWenn die Regierungschefs der wichtigsten Industrie- und Schwellennationen der Welt für die Besprechung wichtiger Themen zusammenkommen, wird das aufwändig vorbereitete Treffen stets von teils heftigen Protesten begleitet. Die Scharmützel zwischen linken (und mitunter marodierenden) Demonstrierenden sowie Hundertschaften der Polizei, bei der im Juli 2017 im Zuge des G20-Gipfels ganze Straßenzüge des Hamburger Schanzenviertels verwüstet wurden, sind vielen wohl noch lebhaft in Erinnerung geblieben. Dagegen finden sich kaum nennenswerte Medienberichte zu Ausschreitungen rund um das (nahezu ergebnislos verlaufene) Treffen der Finanzminister*innen, das im Februar 2025 im südafrikanischen Kapstadt stattfand.
Trotzdem wurde der exklusiv für Amazon Prime Video produzierte Action-Thriller „G20“ von Januar bis März 2024 in Südafrika gedreht – und erweist sich dabei als erstaunlich progressiv und modern: Regisseurin Patricia Riggen („69 Tage Hoffnung“) thematisiert Deepfakes durch Künstliche Intelligenz, wirtschaftliche Probleme auf dem afrikanischen Kontinent und bietet mit Oscar-Preisträgerin Viola Davis („Fences“) eine pragmatisch anpackende US-Präsidentin, die alten weißen und ignoranten Politikern mal ordentlich den Stinkefinger zeigt. Klar ist das alles etwas dick aufgetragen und nicht frei von Schwächen. Aber: Es macht gehörig Laune, der Ausnahmeschauspielerin beim Arschtreten zuzusehen!
Amazon Prime Video
Gemeinsam mit ihrem Ehemann Derek (Anthony Anderson), ihrer Tochter Serena (Marsai Martin) und ihrem Sohn Demetrius (Christopher Farrar) reist die US-Präsidentin Danielle Sutton zum G20-Gipfel in einem streng gesicherten Hotel nach Kapstadt. Hier will sie für Unterstützung bei der Einführung einer digitalen Währung werben, die der Bevölkerung des afrikanischen Kontinents mehr wirtschaftliche Teilhabe sichern und den Hunger stoppen soll. Als zusätzlicher Schutz für die US-Delegation wird ein privater Sicherheitsdienst engagiert, aber das erweist sich als fataler Fehler:
Unter Leitung des skrupellosen Terroristen Rutledge (Antony Starr) werden die anwesenden Staats- und Regierungschefs als Geiseln genommen. Nur einer kleinen Gruppe um Sutton, den Secret-Service-Agenten Manny Ruiz (Ramón Rodríguez) sowie den britischen Premierminister Oliver Everett (Douglas Hodge) gelingt die Flucht. Während Rutledge die anderen Regierungschefs dazu zwingt, ihre eigenen Finanzsysteme mit Deepfake-Videos zu ruinieren, setzt die kampferfahrene Sutton zum „Stirb langsam“-artigen Gegenschlag an...
Ein US-Präsident als Geisel von Terroristen? Dieses Filmsujet ist nun wahrlich nicht neu. So erschienen die explosiven, mit launigen Buddy-Movie-Anleihen versehenen Action-Blockbuster „White House Down“ und „Olympus Has Fallen“ innerhalb nur weniger Monate in den Kinos. Ähnliche Zutaten bringt auch „G20“ mit: Vor 20 Jahren schaffte es Sutton als Soldatin im Golfkriegs-Einsatz politisch wirksam aufs Cover des TIME-Magazins – und bis heute verbindet sie mit ihrem einstigen Kameraden und inzwischen beim Secret Service angestellten Ruiz, mit dem sie regelmäßig beim Kampfsporttraining herumflachst, eine tiefe Freundschaft.
Trotzdem bleiben vergnügliche Kabbeleien dann doch eher die Ausnahme, während sich der spürbar dünn geratene, aber durchaus spannende und funktionale Plot von einer austauschbaren Actionszene zur nächsten hangelt. Denn egal, ob Sutton, Ruiz und Entourage in der Kabine eines Fahrstuhls oder in der Hotelküche Rutledges Schergen platt machen: Bei den eher simpel choreografierten Handgemengen und Schießereien, die dafür aber ziemlich blutig ausfallen, neigt die zuweilen hektische Kameraarbeit von Checco Varese („ES Kapitel 2“) zur Nervosität, in der die Übersicht zuweilen verloren geht. Darunter leidet auch das Finale, bei dem noch einmal die schlecht getricksten Green-Screen-Aufnahmen mit der sichtlich künstlichen Umgebung des Hotel-Komplexes besonders deutlich ausgestellt werden.
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Dafür empfiehlt sich die auch als Produzentin involvierte Viola Davis nach ihrem starken, martialischen Auftritt in „The Woman King“ abermals als charakterstarke Action-Schauspielerin, die bei Fights und an der Waffe eine gute Figur abgibt. Darüber hinaus verleiht sie ihrer überraschend komplexen Figur eine Tiefe, die der Rest der losen Handlung so sicher nicht erwarten ließe: Denn ihre toughe US-Präsidentin ist keine gewissenlose Ein-Frau-Armee, sondern eine durchaus verletzliche und angreifbare, empathische und selbstbewusste Kümmerin, die nach dem Besinnen auf militärische Strategien ihr rotes Abendkleid gegen eine Flecktarnhose und ihre unbequemen Absatzschuhe gegen ausgelatschte Treter tauscht. Mit so viel female empowerment pinkelt sie dem Patriarchat in Form des überheblich-aufgeblasenen britischen Premierminister, der sich als weinerliche Nulpe entpuppt (Boris Johnson lässt grüßen), gehörig ans Bein.
Fazit: Viola Davis beweist nach „The Woman King“ erneut, dass Actionfilme und starke weibliche Charaktere hervorragend zusammenpassen. „G20“ ist vor allem durch ihre alles dominierende Präsenz ein grundsolider Action-Thriller, dem bei den Stunt-Choreografien und den Green-Screen-Effekten allerdings der letzte Feinschliff fehlt.