One Battle After Another
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
5,0
Meisterwerk
One Battle After Another

This Revolution Will Not Be Televised – sie gehört ins Kino

Von Björn Becher

130 Millionen Dollar Budget, einige Quellen sprechen sogar von bis zu 175 Millionen Dollar, hat Warner angeblich Paul Thomas Anderson zur Verfügung gestellt, um einen Film zu drehen, der lose von Thomas Pynchons Roman-Meisterwerk „Vineland“ inspiriert ist. Es ist eine eindrucksvolle Summe, wenn man bedenkt, dass Andersons erfolgreichster von neun bisherigen Filmen – „There Will Be Blood“ – weltweit gerade einmal 77 Millionen Dollar eingespielt hat. Doch während sich beim Hollywood-Studio deshalb manche um den Profit sorgen, ist „One Battle After Another“ für Kinofans ein garantierter Gewinn.

Während Anderson bei „Inherent Vice“ einen Pynchon-Roman noch sehr wortgetreu adaptierte, hat er sich hier nur einzelnen Elementen wie der Vater-Tochter-Geschichte des Romans sowie der politisch aufgeladenen, gleichzeitig aber ironisch verspielten Botschaft der Vorlage bedient. Das Ergebnis ist ein im positiven Sinne völlig verrückter Film, bei dem man nie weiß, was als nächstes kommt. Jeder Moment kann in völlige Absurdität abdriften, aber dann doch wieder erschreckend an aktuelle Realitäten erinnern. Zusammengehalten wird dieses unglaublich kraftvolle Abenteuer nicht nur von einem herausragenden Cast, einem sensationellen Score und richtig viel Humor, sondern vor allem von tollen VistaVision-Bildern mit grandioser Action.

Warner Bros.
"One Battle After Another" hat u. a. Leonardo DiCaprio und tolle Wüsten-Bilder.

Ghetto Pat (Leonardo DiCaprio) und Perfidia (Teyana Taylor) sind Teil einer revolutionären Gruppe. Mit Bomben auf Banken und die Stromversorgung wird gegen das kapitalistische System gekämpft. Bei Überfällen befreit man zudem Immigranten aus Lagern an der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Bei einer dieser Aktionen kreuzen sich die Wege von Perfidia und dem US-Militärgeneral Steven Lockjaw (Sean Penn), der von da an zum obsessiven Verfolger der Gruppe wird – wobei sich seine Besessenheit sogar in sexuelle Spiele mit der ihre Macht über den Mann genießenden Terroristin steigert. Selbst als Perfidia ein Kind bekommt, wird sie nicht ruhiger. Während Pat den Hausmann spielt, kämpft sie weiter für die Revolution – bis ein Banküberfall aus dem Ruder läuft.

16 Jahre später heißt Pat jetzt Bob und ist ein Kiffer, der mit ein paar Joints zwar immer noch am liebsten „Schlacht um Algier“ im TV schaut, aber sonst viel zu zugedröhnt ist, um sich für etwas zu engagieren. Mit seiner Tochter Willa (Chase Infiniti) ist er nach der Verhaftung der Mutter in einer Kleinstadt untergetaucht, die auch ein sicherer Hafen für viele illegale Einwanderer ist. Doch genau dort holt ihn die Vergangenheit ein. Denn Lockjaw steht kurz davor, sich seinen Lebenstraum zu erfüllen und in eine die Geschicke der USA lenkende Nazi-Sekte aufgenommen zu werden. Da kann er sich keinesfalls leisten, dass irgendwo womöglich ein Beweis existiert, dass er mal Sex mit einer Schwarzen hatte. Um Willa zu retten, muss Bob also schnell nüchtern werden und über sich hinauswachsen. Doch zum Glück weiß auch die taffe junge Frau seit 16 Jahren, dass ein solcher Tag kommen könnte...

Starke Männer, aber eine noch stärkere Heldin!

Dass am Ende von „One Battle After Another“ Tom Pettys Klassiker „American Girl“ den Abspann einläutet, ist Paul Thomas Andersons letzter cleverer Witz in diesem Abenteuer voller Volten. Denn so sehr sich die Aufmerksamkeit des Publikums davor über weite Strecken auf das Duell der gegensätzlichen Männer Bob und Lockjaw konzentriert hat, so sehr ist es doch eigentlich der Film von Willa. Das junge Mädchen, das aus ihrer Kleinstadt ausbricht – wenn auch nicht wie in Pettys Song wegen ihrer großen Träume von dem Leben da draußen, sondern weil sie zur Flucht gezwungen ist.

Diese gipfelt in einer der besten Actionszenen des Jahres. Drei Autos brettern einander verfolgend mit lautem Motor eine ewig lange Wüstenstraße entlang, die aus hohen Anhöhen und tiefen Senken besteht. Die Kamera ist mal an Bord, meist aber an der Stoßstange, sodass wir die sich stetig hebende und senkende Straße sehen. Schier endlos geht es vorwärts, bis es zu einem Twist kommt und wir verstehen, warum uns Anderson so lange zum Beifahrer gemacht hat. Auch dieses fesselnde Finale ist noch mal eine clevere Idee. Denn es steht in seiner ganzen Geradlinigkeit wunderbar im Gegensatz zu dem immer wieder Abzweigungen nehmenden Film davor.

Nicht nur Auto-Action bietet Warner Bros.
Nicht nur Auto-Action bietet "One Battle After Another".

Widersprüche sind in „One Battle After Another“ an der Tagesordnung. Die Einführung der mächtigen weißen Männer der Nazi-Organisation findet so in einem Untergrund-Bunker statt, der jedem James-Bond-Bösewicht gut zu Gesicht stehen würde. Die fliehende Willa bekommt derweil Hilfe von Nonnen, die sich nicht nur mit dem Anbau von Drogen Geld verdienen, sondern auch bis an die Zähne bewaffnet sind. Solch absurden Humor kennt man von Pynchon, und auch „Inherent Vice“ war davon durchzogen. Doch hier wird er – zudem mit deutlich mehr Rasanz – so sehr auf die Spitze getrieben, dass man sich bisweilen in einer trashigen 70er-Jahre-Räuberpistole wähnt. Zu dieser passt auch, dass Sean Penns sich als knallharter Rassist gebender Offizier beim Observieren einer starken Schwarzen Frau das Masturbieren beginnt.

Wenn Lockjaw mit einer Armee an schwer bewaffneten Polizisten und Soldaten unter dem Vorwand einer Drogen- und Immigrantenrazzia eine amerikanische Kleinstadt übernimmt, fühlt man sich dagegen an brandaktuelle Bilder aus der aktuellen Realität der USA erinnert. Wie die Soldaten die Angestellten einer Hähnchen-Nuggets-Fabrik festsetzen oder mit Sturmgewehren sogar den Schulball stürmen, erinnert frappierend an Aufnahmen der Einsätze der Einwanderung und Abschiebungen kontrollierenden Behörde ICE. Dass Anderson zeigt, wie vermummte Provokateure aus den Reihen der Polizei mit dem Wurf von Molotov-Cocktails für eine Eskalation sorgen und so eine Rechtfertigung schaffen, die zuerst noch friedlich verlaufenden Proteste der Bevölkerung mit Knüppeln und Tränengas niederzuschlagen, ist dazu eine deutliche Aussage.

Nonstop-Action, Nonstop-Humor, Nonstop-Gefühl

Obwohl es rund eine Stunde dauert, bis die zentrale Geschichte rund um Willas Flucht überhaupt beginnt, ist „One Battle Another“ keine Sekunde der satten zwei Stunden und 40 Minuten Laufzeit langweilig – im Gegenteil. Schon der den Film eröffnende Überfall auf ein ICE-Internierungslager ist eine in langen, aber trotzdem jederzeit rasanten Einstellungen gedrehte Hochspannungssequenz. Sie macht deutlich, dass einen hier Nonstop-Action erwartet, die nur mal kurz unterbrochen wird, um einen Vorgeschmack auf den Humor des Films zu geben: Perfidia zwingt den Lager-Kommandenten Lockjaw mit vorgehaltener Pistole, jetzt einen Ständer zu bekommen.

„One Battle Another“ hat jederzeit intensive Action und/oder Humor. Dass dabei auch die Figuren emotional fesseln, ist der großartigen Besetzung zu verdanken. Sowohl Sängerin Teyana Taylor als auch „Aus Mangel an Beweisen“-Newcomerin Chase Infiniti in ihrer allerersten Kinorolle tragen ihre beiden Filmteile als jeweils höchst gegensätzliche Power-Frauen. Beide entwickeln dabei jeweils eine wunderbare eigene Chemie – sowohl mit Sean Penn als auch vor allem mit Leonardo DiCaprio. Die Vater-Tochter-Geschichte funktioniert dank Infiniti und DiCaprio als laut schlagendes emotionales Herz des Films – aber auch, weil es erfrischend ist, wie es für Bob keine Rolle spielt, dass er womöglich nicht der biologische Vater von Willa ist.

Chase Infiniti ist die Entdeckung des Films. Warner Bros.
Chase Infiniti ist die Entdeckung des Films.

„Titanic“-Superstar DiCaprio spielt diesen bombenlegenden Revolutionär und verpeilten Kiffer auch deshalb so gut, weil er uns diese Figur gemeinsam mit Anderson ganz beiläufig näher bringt, ohne sie mit großen Worten zu erklären. Eine lange, turbulente Sequenz, in welcher ihm Willas Karate-Trainer (Benicio Del Toro in einer Szenendieb-Nebenrolle) bei der Flucht hilft, ist die perfekte Kombination von Spannung, Humor und Storytelling. Urkomisch ist der Running Gag um den noch nicht vollständig nüchternen Bob, der verzweifelt einen Ort sucht, um sein altes Untergrund-Telefon aufzuladen. Doch immer wenn er eine Stelle findet, scheucht ihn der Sensei weiter durch irgendwelche Gänge voller geschäftiger Menschen.

Parallel zieht die Spannung immer weiter an, weil Lockjaws die Stadt durchkämmenden Truppen dem Duo immer näher kommen. Und nebenbei erhält das Publikum, wenn es etwas aufmerksamer als der gestresste Bob die Umgebung wahrnimmt, einen Einblick, was in diesem Ort so wirklich läuft. Denn der vermeintliche Kampfsportlehrer hat eine ziemlich straffe und auf eine ICE-Razzia bestens vorbereite, gigantische Organisation am Laufen.

Sean Penn: Das wahnsinnige Highlight in einem Meisterwerk

Doch das wahre Ereignis ist Sean Penn. Der 65 Jahre alte zweifache Oscarpreisträger (für „Milk“ und „Mystic River“) gibt die – und das heißt bei seiner Vita eine ganze Menge – beste Performance seiner Karriere. Er vereint all die Seiten des Films in sich. Dass er sich in jeder Szene bewegt, als würde ihm ein riesiger Stock im Arsch stecken, verleiht ihm gemeinsam mit den absurd aufgepumpten Oberarmmuskeln eine groteske Erscheinung. Wenn sein Lockjaw die Bildfläche betritt, muss man immer wieder lachen – und das schon bevor die Figur diverse bizarre Dinge macht. Trotzdem wird dieser Militärgeneral nicht lächerlich, sondern bleibt gleichzeitig ein furchterregender Bösewicht, der die Spannung mit seiner Entschlossenheit hochhält.

Paul Thomas Anderson und sein Co-Kameramann Michael Bauman nutzen für ihre zweite Zusammenarbeit nach „Licorice Pizza“ das fast vergessene VistaVision-Format. Das in den 1950ern von Paramount entwickelte, horizontal laufende 35mm-System mit extrem hoher Bildauflösung nutzte zum Beispiel Alfred Hitchcock bei „Vertigo“. Doch es ist eigentlich längst aus der Mode gefallen – auch wenn es Brady Corbet mit dem Oscar-Erfolg „Der Brutalist“ im vergangenen Jahr entstaubte. Die Kameras gelten schließlich als schwer zu handhaben, und lange Zeit war das Format nativ überhaupt nicht mehr projizierbar. Erst Anderson setzte sich dafür ein, dass es in Los Angeles, New York und London jetzt weltweit in drei Kinos spezielle Projektionen seines Films gibt.

Ein weiteres Highlight: Sean Penn! Warner Bros.
Ein weiteres Highlight: Sean Penn!

Warum also der Aufwand? Wie uns Anderson, der seit Jahren mit VistaVision experimentiert und es auch bereits für den Musik-Kurzfilm „Anima“ nutzte, im Interview erklärte, sehen die Bilder einzigartig aus – und zwar auch beim Transfer auf andere Spezialformate. Wer „Der Brutalist“ auf 70mm gesehen hat, kann dieses besondere Erlebnis vielleicht nachvollziehen. Am ehesten kommen so auch die großformatigen IMAX-70mm-Vorführungen – wie es sie auch für „One Battle After Another“ gibt – dem VistaVision-Originalerlebnis nahe. Doch selbst in einem regulären IMAX, in dem wir den Film gesehen haben, zeigen sich die Vorzüge überdeutlich: Die Bilder wirken unglaublich scharf, detailreich und fast plastisch. Sie entwickeln einen ganz eigenen Sog, der dazu beiträgt, dass die knapp drei Stunden Laufzeit des trotz all dieser technischen Spielereien und inhaltlichen Themen unglaublich unprätentiösen Films wie im Flug vergehen.

Auch die Musik von Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood ist ein entscheidender Faktor: Seine mitunter nervös pochenden, dann wieder melancholisch fließenden Kompositionen treiben das Geschehen voran oder lassen Spannung anschwellen. Ergänzt wird der Score durch den gezielten Einsatz passender Songs – etwa dem auch thematisch bedeutsamen Black-Liberation-Klassiker „The Revolution Will Not Be Televised“ von Gil Scott-Heron. Und der Black-Power-Poet hatte damit einfach nur recht. Denn diese „Revolution“, die Paul Thomas Anderson in „One Battle After Another“ anzettelt, findet wahrlich nicht im Fernsehen statt – sie muss auf der größtmöglichen Kinoleinwand, die ihr nur finden könnt, erlebt werden!

Fazit: Eine durchgeknallte, wilde Erfahrung. Paul Thomas Anderson hat das riesige Budget genutzt, um mit „One Battle After Another“ eine berührende Vater-Tochter-Geschichte im Gewand eines linken Actionfilms vorzulegen – das muss man gesehen haben, um zu glauben, dass es ihn gibt.

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