Von "John Wick" zu "Love Hurts": Ein Action-Experte verrät uns, warum jeder Kampf eine Geschichte erzählen muss
Björn Becher
Björn Becher
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Begonnen mit den Stunts von Buster Keaton über die Akrobatik bei Jackie Chan hin zur Brachialgewalt in „The Raid“: Björn Becher liebt Actionfilme.

Neue Stimmen prägen seit Jahren mit Titeln wie „John Wick“ oder „Extraction“ das moderne Hollywood-Action-Kino. Der neueste in dieser Riege ist Jonathan Eusebio. Anlässlich seines Regie-Debüts "Love Hurts" sprachen wir mit dem Stunt-Experten.

Mit „Love Hurts – Liebe tut weh“ startet am heutigen 6. März 2025 der neue Actionfilm aus der gefeierten Schmiede 87North in den deutschen Kinos. 87North ist die Firma von „John Wick“-Regisseur David Leitch und der Produzentin Kelly McCormick, die in Actionfilmen wie „Nobody“ (mit Bob Odenkirk) oder „Violent Night“ (mit David Harbour) auch Stars vor der Kamera austeilen lassen, die man bis dahin nicht unbedingt mit dem Genre in Verbindung gebracht hat.

Jonathan Eusebio: Ein neuer Action-Regisseur, der eigentlich ein alter Bekannter ist

Zudem haben sie ein ganzes Stunt-Team aufgebaut, welches das moderne Actionkino weit über die eigenen Filme von 87North prägt. Selbst bei den großen Franchises von Marvel bis DC holt man sich die Unterstützung der Stuntschmiede aus Santa Monica. Ein fester Bestandteil des Teams ist schon seit Anfang an Jonathan Eusebio, der sich vom Stuntman zum Choreografen und Second-Unit-Regisseur hochgearbeitet hat. Er hatte großen Einfluss auf die Action in „300“, entwarf bei „Iron Man 2“ den Kampfstil für Marvel-Heldin Black Widow (Scarlett Johansson) und sorgte bei „John Wick“ dafür, dass Keanu Reeves fit genug für die anspruchsvollen Szenen war.

Über 80 Filme und Serien hat der mehrfach preisgekrönte Action-Experte bereits in seiner Vita – nun gibt es mit „Love Hurts – Liebe tut weh“ sein Regiedebüt. Dabei erzählt er die Geschichte des beliebten Immobilienmaklers Marvin (Ke Huy Quan), dessen geruhsames Vorstadtleben durchgeschüttelt wird, als ihn seine Vergangenheit einholt. Früher war er brutaler Killer und nun sind angeführt von seinem Bruder Knuckles (Daniel Wu) einstige Konkurrenten und Mitstreiter von damals hinter ihm her. Marvin muss kämpfen, wenn er sein neues Leben verteidigen will.

Regisseur Jonathan Eusebio (in der Mitte) mit seinem Hauptdarsteller Ke Huy Quan und der Crew beim Dreh zu Universal Pictures
Regisseur Jonathan Eusebio (in der Mitte) mit seinem Hauptdarsteller Ke Huy Quan und der Crew beim Dreh zu "Love Hurts".

Und dies macht er in stark choreografierten und beeindruckenden Actionszenen, wie man sie von der Schmiede hinter Titeln wie „Atomic Blonde“, „Kate“ oder „Bullet Train“ erwarten darf. Großen Anteil daran hat übrigens auch Deutschland. Die durch den Film „Plan B – Scheiß auf A“ bekannten Berliner Experten von Real Deal um Can Aydin, Cha-Lee Yoon und Phong Giang gehören seit einiger Zeit zur 87North-Crew. Sie arbeiten mit Eusebio bereits u. a. an der Serie „Star Wars: Obi-Wan Kenobi“ und an „Matrix 4: Resurrections“. Bei seinem Regiedebüt standen sie ihm als Second-Unit-Regisseur und Stunt-Choreograf bzw. Doubles für die Hauptdarsteller zur Seite.

Da wollten wir von dem Regisseur natürlich direkt erst einmal wissen, warum er mit einer deutschen Crew arbeitet. Doch er kam uns zuvor...

"Love Hurts" - entstanden mit Action-Expertise aus Deutschland

Jonathan Eusebio: Du kommst aus Deutschland? Mein ganzes Kampfteam stammt aus Berlin.

FILMSTARTS: Damit hast du direkt meine erste Frage vorweggenommen. Du hast bei deinem Regie-Debüt Can Aydin zu deinem Stunt-Koordinator gemacht und mit ihm und seinem Team gearbeitet. Warum hast du dich gerade für die Action-Expertise aus Deutschland entschieden?

Jonathan Eusebio: Sie sind einfach mein Team. Ich arbeite seit vielen, vielen Jahren mit ihnen zusammen. Ich habe sie in alle meine Projekte als Kampf- und Stuntkoordinator in den vergangenen Jahren schon mitgenommen. Wir trainieren zusammen, wir essen zusammen, wir sind immer zusammen. Wir haben so eine eingespielte Kommunikation.

Das ist für mich extrem wichtig. Ich bin ein sehr teamorientierter Mensch, und wir verstehen uns ohne viele Worte. Sie wissen, was ich denke, was ich mag. Als ich nun zum Regisseur aufgestiegen bin, habe ich ihnen die Rollen überlassen, die ich früher übernommen habe. Es ist einfach eine enorme Erleichterung, die vertrauten Leute immer um sich zu haben.

Die knallharte Action in Universal Pictures
Die knallharte Action in "Love Hurts" entstand mit reichlich Expertise aus Deutschland.

FILMSTARTS: Du sprichst deine Arbeit als Stunt- und Kampfkoordinator an. In diesen Jobs ist es ja so: Man bereitet ein Projekt vor, dreht seine Actionszenen und geht weiter zum Nächsten – ohne zu viel Einfluss zu haben, was mit dem Material passiert. Wie groß war nun für dich die Umstellung auf die Regie mit der zusätzlichen Verantwortung für die Postproduktion? Gab es unerwartete Herausforderungen?

Jonathan Eusebio: Ja, da hast du völlig recht. Ich hatte schon viele Rollen – war bereits Second-Unit-Regisseur und teilweise sogar in der Postproduktion dabei. Doch es ist nun wirklich eine ganze andere Sache. Wenn du in einer der genannten Rolle bist, gibt es immer einen Rahmen, den andere vorgeben. Aber als Regisseur setzt du die Regeln selbst. Plötzlich dreht sich dein gesamter Tag nur um diesen Film. Ich habe fast zwei Jahre lang mit meinem Kopf nur in diesem Projekt gesteckt.

Als ich dann in der Postproduktion saß, habe ich erst realisiert, dass diese länger dauert als die Dreharbeiten. Da dachte ich nur: Heiliger Strohsack! Ich bin ein sehr aktiver Mensch, ich muss mich bewegen. Aber in der Postproduktion sitzt du nur da. Natürlich ist das auch spannend, aber manchmal fühlt es sich an, als würde man Farbe beim Trocknen zusehen. Es ist eine ganz andere Art von Prozess, langsamer, aber genauso wichtig und aufregend. Ich habe unglaublich viel gelernt. Und ich hoffe, dass ich dieses Wissen in mein nächstes Regieprojekt einbringen kann, wenn ich hoffentlich die Gelegenheit bekomme, einen weiteren Film zu drehen.

Jeder Schlag muss sitzen – Action mit emotionalem Gewicht!

FILMSTARTS: Bevor wir vielleicht noch dazu kommen, lass uns erst einmal über „Love Hurts“ sprechen. Die Actionszenen sind unglaublich roh, physisch und intensiv. Ich konnte den Schmerz in manchen Sequenzen regelrecht spüren. Wie hast du sichergestellt, dass jeder Schlag und jeder Aufprall beim Publikum so hart ankommt?

Jonathan Eusebio: Weißt du, es ist nicht so, dass ich bewusst danach suche. Ich mache das seit 25 Jahren. Ich habe unter David Leitch gelernt, und wir alle haben eine sehr ähnliche Herangehensweise. Wenn du dir seine Filme ansiehst, erkennst du viele Gemeinsamkeiten. Unsere Art, Action zu inszenieren, ist sich sehr ähnlich.

Aber für mich ist es entscheidend, dass Kämpfe die Handlung vorantreiben. Man muss sich um die Figur kümmern, die sich prügelt – sonst haben die Fights keine Bedeutung. Es geht mir nicht darum, eine Szene besonders hart oder brutal zu gestalten. Mir ist wichtig, dass ein Kampf eine gewisse Fallhöhe hat. Jede Actionszene in diesem Film ist anders, weil er Teil der emotionalen Reise der Geschichte ist. Zu Beginn sind die Kämpfe spielerischer, selbst die Kameraarbeit ist glatter. Aber je weiter wir kommen, desto emotionaler, roher und intensiver werden sie. Ich wollte, dass sich die Kämpfe mit der Geschichte entwickeln und dass sich die Figuren dadurch verändern.

Die Action in Universal Pictures
Die Action in "Love Hurts" schmerzt richtig.

FILMSTARTS: Dass jede Actionszene ihren eigenen Stil hat, wollte ich auch gerade erwähnen. Die erste erinnerte mich an Jackie Chans Slapstick-Action in seinen Mainstream-Filmen, während das Finale der brutalen Eleganz von „John Wick“ ähnelt. Wie hast du den Humor und die Intensität in den Kämpfen ausbalanciert?

Jonathan Eusebio: Das war die größte Herausforderung, aber ich liebe Kontraste. Wenn es extreme Gewalt gibt, brauchst du auch Momente der Leichtigkeit, um das Gleichgewicht zu halten. Es geht nicht darum: „Oh, hier muss unbedingt eine lustige Stelle rein.“ Vieles entsteht intuitiv. Ich mag es, widersprüchliche Emotionen in Kämpfen zu zeigen – das habe ich schon immer so choreografiert.

FILMSTARTS: Ich möchte auf die von dir angesprochene Kameraarbeit eingehen. Die ist ja ja sehr kreativ – da gibt es auch mal die Perspektive aus dem Kühlschrank während eines Kampfes. Wie entstehen solche Ideen?

Jonathan Eusebio: Das verdanke ich meinem Stuntteam aus Deutschland. Wir schauen dieselben Filme, haben dieselben Referenzen. Wir entwickeln die Szenen gemeinsam und überlegen, was sie besonders und unterhaltsam macht. Wir schmeißen Ideen in den Raum: „Wie wäre es damit?“ und in diesem Brainstorming-Prozess entstehen dann die Bilder, wobei wir immer im Hinterkopf haben: Was macht die Szenen besonders, was macht sie spaßig?

Am Ende bestehen Kämpfe eben nicht nur aus Bewegungen – sie müssen filmisch erzählt werden. Sie haben eine Geschichte, die du die in dieser kurzen Zeitspanne schildern willst. Jeder Kampf hat für mich daher eine eigene Drei-Akt-Struktur, egal ob er zehn Sekunden, dreißig Sekunden oder zwei Minuten dauert. Es muss darin eine emotionale Reise geben. Und die Kamera ist dafür ganz wichtig. Sie muss deine Choreografie begleiten und ergänzen.

Eine Hommage an Klassiker: Die Einflüsse von Shaw Brothers & Co.

FILMSTARTS: Wenn wir schon über filmische Vorbilder sprechen, dann müssen wir über das Versteck von Bösewicht Knuckles reden. Der ganze Raum mit allen den Postern an der Wand ist ja eine Schatzkammer voller Referenzen an das Hongkong-Kino der 70er-Jahre. Gab es bestimmte Inspirationen aus dieser Ära des Actionkinos?

Jonathan Eusebio: Ja – eine ganz deutliche Inspiration siehst du bei der Figur The Raven. Mein Lieblingsfilm als Kind war „Der Schrei des gelben Adlers“ und mir war klar: Ich will unbedingt etwas mit dieser Klingenwaffe aus dem Film machen. Als dann „Love Hurts“ zustande kam, sprach mit direkt meinem Requisitenmeister und sagte: „Hey, ich will diese Klingen haben.“ Ich zeigte ihm Clips aus dem Film und erklärte: „Ich will, dass diese Klingen wirklich praktisch funktionieren. Ich will keinen Schnitt auf eine Nahaufnahme machen müssen. Ich will, dass er sie tatsächlich aus seinen Schuhen ziehen kann.“ Da haben wir dann viel rumprobiert, um das zu realisieren.

Ja, sehr viel in „Love Hurts“ ist eine Hommage an die Shaw-Brothers- und Golden-Harvest-Filme aus der von dir angesprochenen Ära. Mit diesen Filmen bin ich einfach aufgewachsen.

FILMSTARTS: „Der Schrei des gelben Adlers“ bietet sich ja wirklich als Inspiration an, denn es gibt auch eine inhaltliche Parallele mit den zwei Brüdern, die sich gegenüberstehen.

Jonathan Eusebio: Ja, absolut. Die Brüder dort haben eine etwas kompliziertere Beziehung. Aber ja, im Kern geht es dort um brüderliche Liebe – genau wie hier in „Love Hurts“.

Bösewicht The Raven: eine Hommage an einen Film der Shaw Brothers. Universal Pictures
Bösewicht The Raven: eine Hommage an einen Film der Shaw Brothers.

FILMSTARTS: Ein wichtiger Teil des Films ist dein Hauptdarsteller Ke Huy Quan. Viele wissen gar nicht, wie viel Erfahrung er schon im Actionbereich hat. Er hat bereits selbst als Choreograf gearbeitet. Musste er da für seine erste Hollywood-Action-Hauptrolle noch intensiv in der legendären „Church Of Pain“ von 87North trainieren oder hat er schon alles mitgebracht?

Jonathan Eusebio: Er hat unglaublich hart für diese Rolle trainiert. Aber der Vorteil war, dass wir ihn nicht von Grund auf neu ausbilden mussten – weder körperlich noch technisch. Er wusste bereits, wie man sich für Filmkämpfe bewegt. Dadurch konnten wir uns sofort auf die Kreativität und die Ausführung konzentrieren. Das hat den Dreh enorm erleichtert, denn wir hatten nicht viel Zeit.

Doch dank seines Vorwissens und seiner Erfahrung konnte er Choreografien nicht nur schnell umsetzen, sondern sie vor allem immer wieder wiederholen, ohne an Energie oder Dynamik zu verlieren.

So kam es zur "Goonies"-Reunion

FILMSTARTS: Du hast ja nicht nur Ke Huy Quan im Cast, sondern unter anderem auch Sean Astin. Ich bin sicher, dass viele Fans diese „Goonies“-Reunion lieben werden und gerade die bewegende Szene zwischen ihnen. War die schon immer im Drehbuch oder musstet ihr die einfach noch einbauen, nachdem ihr die Besetzung hatte?

Jonathan Eusebio: Nein, das war von Anfang an so beschrieben, aber wir standen vor der Frage: „Wer wäre die perfekte Besetzung für diese Rolle?“ Diese beiden Figuren haben ja auch eine Art brüderliche Beziehung und wir wollten, dass das auf der Leinwand spürbar wird. Also sprach ich mit Ke darüber, und er meinte: „Hey, wir sollten Sean fragen!“ Und der war sofort begeistert. Wenn man ihn und Ke zusammen sieht, merkt man einfach, dass sie sich wirklich lieben – sie sind wie Brüder. Das spürt man auch auf der Leinwand. Die Emotionen in diesen Szenen sind absolut echt. Das macht sie so besonders.

Hauptdarsteller Ke Huy Quan trifft in Universal Pictures
Hauptdarsteller Ke Huy Quan trifft in "Love Hurts" übrigens auf einen "Die Goonies"-Kollegen.

FILMSTARS: Du hast deinen Förderer David Leitch schon erwähnt, aber wir haben auch noch Leute wie Chad Stahelski, Sam Hargrave, JJ Perry, die alle wie du sehr lange als im Stunt-Bereich arbeiteten und nun nach und nach zu Regisseuren wurden. Warum findet das gerade so gehäuft statt und wie verändert es das moderne Actionkino?

Jonathan Eusebio: All die Leute, die du gerade aufgezählt hast, gehören zu meiner Gruppe. Das sind die Leute, unter denen oder mit denen ich groß geworden bin. Und wir haben vielleicht auch deswegen die gleiche Einstellung: Wir wollten schon immer nicht nur Stuntkoordinatoren sein, die einfach das umsetzen, was im Drehbuch steht. Ich glaube, viele Leute realisierten lange Zeit auch nicht, dass Stuntleute ohnehin auch Filmemacher sind. Wir haben alle ein sehr gutes Gespür für die Umsetzung von Stunts und Action. Ich denke, die Branche beginnt das jetzt langsam zu schätzen – wir werden nicht mehr nur als Dienstleister gesehen, sondern als vollwertige Filmemacher.

Was bringt die Zukunft? Vielleicht sogar "Star Wars" oder Marvel?

FILMSTARTS: Du hast die Action für die „Star Wars“-Serie „Obi-Wan Kenobi“ gemacht, du warst für unglaublich viele Marvel-Filme verantwortlich. Die Leute bei Disney kennen dich also. Wenn sie eines Tages bei dir anrufen würden und sagen: Such dir eine Geschichte oder Figur aus diesen Franchises aus, zu der du einen Film machen darfst. Was wäre es und warum?

Jonathan Eusebio: Oh, das ist schwer zu sagen. Ich bin mit Martial-Arts-Filmen, Comics und Anime aufgewachsen – diese ganze Kultur steckt also in mir. Marvel, Star Wars - ich liebe beide Universen und würde gerne wieder etwas darin machen. Aber es sollte etwas sein, mit dem ich mich identifizieren kann. Ich müsste ein Drehbuch lesen und sehen, wie ich meine eigene Handschrift hineinbringen könnte. Ich kann also nicht eine konkrete Figur oder Geschichte benennen, aber dieses Genre liegt mir einfach im Blut. Ich fühle es. Ich kenne es.

FILMSTARTS: Wenn Disney anruft, bist du also offen und sagst: „Lass uns reden?“

Jonathan Eusebio: Wenn es etwas ist, zu dem ich eine Verbindung aufbauen kann, auf jeden Fall.

Love Hurts – Liebe tut weh“ läuft ab sofort in den deutschen Kinos.

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