Die Terroranschläge vom 11. September 2001 hatten enorme Auswirkungen auf die Popkultur: Zahlreiche Filme und Serien wurden im Zuge der grausigen Ereignisse umgeschnitten, umgeschrieben, verschoben oder aus der TV-Zirkulation genommen. Einer der betroffenen Filme ist der Disney-Klassiker „Lilo & Stitch“, dessen Realfilm-Remake derzeit die Kinokassen zum Klingeln bringt:
Die finale Actionsequenz des Zeichentrickfilms wurde aus Pietätsgründen kurzfristig und umfassend überarbeitet! Doch nicht nur eine Verfolgungsjagd, bei der ursprünglich Hochhäuser gewaltigen Schaden nehmen sollten, wurde als Reaktion auf 9/11 verändert. Auch der Schlussakkord von „Lilo & Stitch“ nahm eine neue Gestalt an!
Das Finale von "Lilo & Stitch": Nach 9/11 wurden die Schauplätze ausgetauscht
In „Lilo & Stitch“ platzt ein auf Zerstörung programmiertes Alien-Experiment in das von Kummer geplagte Leben von Nani und Lilo: Die Schwestern, die sich seit dem Tod ihrer Eltern mehr schlecht als recht durchschlagen, haben nicht nur das Jugendamt im Nacken, sondern gehen sich auch gegenseitig auf den Zeiger.
Innerhalb von weniger als 90 Minuten erzählt das Regie-Duo Chris Sanders und Dean DeBlois, wie sich die Schwestern dennoch ihre Zuneigung beweisen und das Trubel heraufbeschwörende Alien Stitch einen Gemeinschaftssinn entwickelt. Der Hang zur Unruhe bleibt indes bestehen: Im Finalakt muss Stitch die in Gefahr geratene Lilo retten – und dabei zeigt das blaue Fellknäuel wenig Achtsamkeit... Falls ihr euch dies (wieder) vor Augen führen möchtet: „Lilo & Stitch“-Film ist bei Disney+ im Abo enthalten!
Die wilde Verfolgungsjagd zwischen Stitch und dem fiesen Außerirdischen Gantu, der Lilo in seiner Gewalt hat, führt in zwei brausenden Raumschiffen über die saftig-grünen Berge von Kaua’i. So spielt es sich jedenfalls in der endgültigen Kinofassung aus dem Jahr 2002 ab. Eigentlich hatten DeBlois und Sanders wohlgemerkt einen anderen Klimax im Sinn: Stitch sollte gemeinsam mit seinem Schöpfer Jumba, dem verplanten Alien Pleakley und Nani eine Boeing 747 entführen und in ihr eine waghalsige Hatz auf Gantus Raumschiff starten.
Dieser Luftkampf wird zum großen Teil über und in Honolulu ausgetragen, wo die Raumschiffe wiederholt Hochhäuser schrammen. Auf Disney+* könnt ihr euch die weitestgehend fertig animierte Szene als Extra anschauen. Wenn ihr euch vor Augen führt, dass der US-Kinostart von „Lilo & Stitch“ weniger als ein Jahr nach 9/11 erfolgte, könnt ihr euch sicherlich erschließen, weshalb man sie dem Publikum nicht zumuten wollte.
Abgedrehte Flugzeugaction wirkte schlagartig abgeschmackt
„Diese Szene war zuvor lustig und wahnwitzig, aber nun war sie grausam, tragisch und traumatisierend“, erinnerte sich 2022 etwa Thomas Schumacher, der frühere Ausführende Vizepräsident der Disney-Trickstudios, im Austausch mit Vulture. Laut ihm war es Sanders, der bereits am 12. September 2001 die rettende Idee hatte: Man solle so viel wie möglich von der bestehenden Szene nehmen und lediglich zwei zentrale Elemente ändern – aus der Boeing 747 solle man ein weiteres Raumschiff machen und aus dem städtischen Treiben Honolulus eine Berglandschaft.
Polygon berichtet derweil, dass es DeBlois war, dem dieser Einfall kam. Ganz gleich, welchem der Regisseure letztlich der Kniff in den Schoß fiel – seine Umsetzung war so nur dank digitaler Prozesse möglich: Zwar ist „Lilo & Stitch“ ein zum größten Teil von Hand gezeichneter und gemalter Trickfilm, einzelne Elemente (darunter komplexe Vehikel jeglicher Art) wurden jedoch am Computer animiert – und auch die Postproduktion wurde digital abgewickelt.
Das erleichterte es der Crew ungemein, auf das fertige Material zurückzugreifen und einzelne Elemente auszutauschen, ohne die Szenen komplett Bild für Bild neu animieren zu müssen. „Wir haben das Tempo der Sequenz mehr oder weniger beibehalten, mussten aber ein paar der offensichtlicheren [Flugzeug-]Anspielungen entfernen“, erklärte DeBlois im Austausch mit Vulture. Dazu zählen etwa kurze Gags, die Pleakley zeigen, wie er sich während des katastrophalen Flugs Gedanken über den Bordservice macht.
"Burning Love": Der "Lilo & Stitch"-Nachklapp war so nicht gedacht
Die Abwandlung der krönenden Verfolgungsjagd sollte sich als künstlerisches Glück im produktionstechnischen Unglück erweisen: Die actionreiche Sause im bergigen Grün hinterlässt, obwohl sie ein Notgedanke war, den Eindruck als sei sie aus demselben Guss wie der restliche Film. Die 747-Hatz durch Honolulu wirkt im direkten Vergleich durch die ungewohnten Stadtpanoramen eher wie ein Fremdkörper.
Und es gibt einen weiteren Grund, weshalb sich dieser aus tragischen Gründen erfolgte, späte Eingriff in den „Lilo & Stitch“-Schlussakt als Glück herausstellen sollte: Nachdem die Actionpassage fertig überarbeitet war, hatte das Team noch genügend Budget zur Verfügung, um etwa zwei Filmminuten zu animieren. Daher wurde ein neuer Epilog ersonnen: Die mit den knappen Mitteln animierte Montage zeigt zum Song „Burning Love“, wie Lilo, Stitch, Nani und Konsorten zur Familieneinheit zusammenwachsen.
„Ich kann mir den Film ohne nicht mehr vorstellen“, schwärmte Sanders gegenüber Polygon von diesem so anfangs nicht vorgesehenen Abschluss. „Du siehst, dass ihr Leben zerstört und auseinandergerissen wurde, weil Stitch aufgetaucht ist. Aber auch, dass es wieder zusammenfügt und stärker denn je ist“, so Sanders.
Auch im „Lilo & Stitch“-Remake gibt es eine abgewandelte Form dieser Montage zu sehen. Darüber hinaus enthält die Neuverfilmung Verweise auf Aspekte des Disney-Franchises, die erst nach dem Original-Zeichentrickfilm etabliert wurden. Wo ihr diese Referenzen im Remake ausfindig machen könnt, haben wir euch im folgenden Artikel verraten:
Habt ihr sie in "Lilo & Stitch" erkannt? So verneigt sich das Hit-Remake vor drei Franchise-Fanfavoriten!*Bei diesem Link zu Disney+ handelt es sich um einen Affiliate-Link. Mit dem Abschluss eines Abos über diesen Link unterstützt ihr FILMSTARTS. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.