Endlich ist es so weit: Kurz vor Schluss feiert heute die große deutsche Hoffnung beim Filmfest in Venedig ihre Weltpremiere – bestimmt mit ganz viel Negroni!
Christoph Petersen
Christoph Petersen
-Chefredakteur
Schaut 800+ Filme im Jahr – immer auf der Suche nach diesen wahrhaftigen Momenten, in denen man dem Rätsel des Menschseins ein Stück näherkommt.

Die neuen Filme von Guillermo del Toro, Katherine Bigelow, Yorgos Lanthimos, Park Chan-Wook und Luca Guadagnino sind bereits gelaufen. Heute greift der Berliner Regisseur Roderick Warich endlich in den Wettbewerb der Sektion Orizzonti ein…

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In den Hauptwettbewerben der Filmfestspiele in Cannes und Venedig haben sich die Programmmacher*innen inzwischen damit abgefunden, dass eine gewisse Zahl der teilnehmenden Filme nun mal zweieinhalb Stunden und noch länger laufen. Aber in den Nebenreihen wird deshalb umso strenger hingeschaut, weil die überlangen Beiträge sonst nur den ohnehin schon wahnsinnig engen Takt der Festivalvorstellungen sprengen. Deshalb ist es auch eine besonders große Ehre, dass Roderick Warich mit seinem zweiten Spielfilm „Funeral Casino Blues“ trotz einer Laufzeit von 153 Minuten in den Wettbewerb von Orizzonti, der zweitwichtigsten Sektion des Filmfestivals in Venedig, eingeladen wurde.

Es ist wie gesagt eine große Ehre – aber die ist auch absolut verdient: Wir hatten nämlich die Chance, den in Bangkok angesiedelten (Geister-)Film bereits vorab zu sehen – und sind ziemlich begeistert! Unsere ausführliche Kritik dürfen wir allerdings erst heute Nachmittag zum Ablauf der weltweiten Sperrfrist um 16.45 Uhr hier auf FILMSTARTS.de veröffentlichen. Schon jetzt gibt es allerdings die Antworten von Roderick Warich, die er uns vor der Premiere bereits auf einige unseren brennendsten Fragen mitgegeben hat. Später zum deutschen Film werden wir dann aber mit ihm ganz sicher noch ein ausführliches Gespräch zu „Funeral Casino Blues“ führen:

FILMSTARTS: Wann hast du erfahren, dass „Funeral Casino Blues“ in den Orizzonti-Wettbewerb von Venedig eingeladen wird? Wen hast du zuerst angerufen?

Roderick Warich: Im Juni, glaube ich – aber die Postproduktion hat mein Zeitgefühl ziemlich aus der Bahn geworfen. Wenn man tagelang auf Monitore starrt und die einzigen echten Erinnerungen der Gang zum Kühlschrank für eine Cola sind, verschwimmt die Zeit leicht. Angerufen habe ich zuerst unseren Editor Hannes Bruun und den Sounddesigner Dominik Leube. Zum einen, weil wir bis kurz davor noch an dem Film gearbeitet hatten und klar war, dass es sofort weitergehen musste. Zum anderen, weil wir gerade auf dem Weg zu einer Day-Drinking-Party waren. Ich dachte, ich sage es lieber jetzt und nicht dort – schließlich mussten wir es noch geheim halten. Danach habe ich meine Eltern angerufen und dann das restliche Team.

Jen (Jutamat Lamoon) und Wason (Wason Dokkathum) drohen, von dem Moloch um sich herum regelrecht verschlungen zu werden. eksystent
Jen (Jutamat Lamoon) und Wason (Wason Dokkathum) drohen, von dem Moloch um sich herum regelrecht verschlungen zu werden.

FILMSTARTS: Nach deinem Debüt „2557“ spielt auch „Funeral Casino Blues“ in Thailand, genauer gesagt in Bangkok. Was verbindet dich mit diesem Land? Und wie schwer oder leicht ist es für einen deutschen Regisseur, dort zu drehen?

Roderick Warich: Es gibt zu viele Gründe, um sie alle aufzuzählen. Die einfache Antwort: die Menschen. Wir haben „2557“ in Thailand gedreht, weil mein Ko-Produzent Dominik Rockenmaier in einer langfristigen Beziehung mit einer Thailänderin ist. Ampai Yothaprakhon war damals – und ist auch heute noch – unsere Fixerin in Buriram. Während des Drehs sind Freundschaften entstanden: mit unserem Hauptdarsteller Wason Dokkathum oder mit unserem Service Producer Chatchai Hongsirikun, der damals einfach mit uns abhing und heute selbst Regisseur ist. Diese Beziehungen wurden für uns zu einem Eintritt in die Kultur. Auf einer breiteren Ebene: Thailand spiegelt Modernität sehr scharf, ohne den Bezug zum Spirituellen zu verlieren – man denke nur an die roten Fanta-Flaschen in den Geisterhäuschen vor Hochhäusern.

Es ist auch ein Ort, an dem Menschen aus dem Isaan und Menschen aus dem Westen in ganz bestimmte Macht- und Beziehungsmodelle verstrickt sind, die viel über Globalisierung erzählen. Und ästhetisch zwingt mich die Sprachbarriere dazu, anders zuzuhören – auf Emotionen und Atmosphären statt auf Worte. Diese Hyperaufmerksamkeit prägt meine Arbeit. Wenn Entfremdung das Grundgefühl der Gegenwart ist, dann kann man auch bewusst irgendwo hingehen, wo man nicht dazugehört – und merkt am Ende trotzdem, dass wir alle gleich sind. Regie führen heißt wiederum überall dasselbe: den ganzen Tag Katastrophen umschiffen. Die Probleme sind nur jeweils andere. Die thailändische Drehkultur unterscheidet sich stark von der deutschen, manchmal kommt es zu Missverständnissen – aber das gehört dazu.

Ein mysteriöser Filmtitel

FILMSTARTS: Der Titel deines Films passt perfekt zur geisterhaft-melancholischen Stimmung, die er heraufbeschwört. War das geplant – oder steckt auch ein inhaltlicher Grund dahinter?

Roderick Warich: Der Arbeitstitel war ein ganz anderer, viel weniger geisterhaft. „Funeral Casino“ beschreibt etwas ganz Reales: In den ländlichen Gegenden des Isaan wird bei Beerdigungen oft tagelang getrunken und gespielt – etwa das Würfelspiel Hi-Lo. Eine Trauerfeier als Glücksspielrunde ist alltäglich, das Wort selbst aber paradox und poetisch. Schwitzig, betrunken auf einer Beerdigung Geld zu verlieren ist nicht nur ein Vibe, sondern vielleicht auch ein gutes Bild für das Leben an sich. Man kann auf dem Land aber mit allem Geld verlieren. Dominik und ich haben irgendwann „Mensch ärgere dich nicht“ eingeführt – und obwohl wir die einzigen waren, die das Spiel kannten, haben wir trotzdem richtig Geld gelassen.

Damit das Ganze nicht nach schwerem Arthaus klingt, hängt das „Blues“ hinten dran. Das ist eine kleine Referenz an lockerere Titel wie Tsui Harks „Peking Opera Blues“, „Miami Blues“ von George Armitage oder auch einzelne Folgen von „Cowboy Bebop“.

FILMSTARTS: Du, Timm Kröger („Die Theorie von Allem“) und Sandra Wollner („The Trouble With Being Born“) arbeiten gegenseitig an euren Filmen mit – und ihr alle drei seid international erfolgreich. Normalerweise werden solchen Kollaborationen sofort Labels verpasst. Bislang seid ihr verschont geblieben. Wenn es doch noch so weit kommt: Welche Bezeichnung wäre für dich erträglich?

Roderick Warich: Ein Label wäre natürlich praktisch, weil es sich gut vermarkten lässt. Aber wir arbeiten alle in sehr unterschiedlichen Stollen desselben Bergwerks, wenn man so will. Ich möchte nichts in den Raum werfen, das dann kleben bleibt und ich bin schuld. Was uns sicher verbindet, ist, dass für uns das Primat des Films nicht nur im Text liegt. In Deutschland gibt es oft das Problem, dass das Drehbuch alles ist – und man dabei vergisst, dass Kino ein audiovisuelles Medium sein sollte. Außerdem sind wir alle über unsere Firma The Barricades verbunden, die von Viktoria Stolpe gegründet wurde, und die als nächstes Sandras neuen Film „Everytime“ in Postproduktion hat – im Schnittraum wieder mit Hannes Bruun als Editor. Kleine Welt.

Im Notfall Negroni

FILMSTARTS: Als „Die Theorie von Allem“, für den du das Drehbuch mitgeschrieben hast, 2023 in Venedig seine Weltpremiere hatte, konntest du leider nicht selbst dabei sein. Welche Tipps hat dir Regisseur Timm Kröger trotzdem für dein eigenes Debüt hier beim Festival mitgegeben?

Roderick Warich: Damals war ich in Bangkok, um „Funeral Casino Blues“ vorzubereiten, und dachte: Lieber Regisseur in Bangkok als Co-Autor in Venedig. Jetzt als Regisseur in Venedig ist es natürlich ein angenehmer Kreis, der sich schließt. Mit Timm habe ich gar nicht viel darüber geredet, weil wir bis kurz vor Schluss noch mit dem Grading beschäftigt waren, das er gemacht hat. Aber mit Viktoria Stolpe von The Barricades haben wir eine Produzentin dabei, die Festival-Erfahrung mitbringt – und für alles andere gibt’s Negroni …

Mit Werner Herzog wurde ein anderer deutscher Regisseur übrigens in diesem Jahr in Venedig mit dem Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet – und hier könnt ihr unsere Kritik zu seinem brandneuen Film „Ghost Elephants“ nachlesen:

Die ausführliche FILMSTARTS-Kritik zu "Ghost Elephants" von Werner Herzog!

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