Die Disney-Studios trommelten für „Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett“ bewährtes Erfolgspersonal zusammen: Regisseur Robert Stevenson, die Autoren Bill Walsh & Don DaGradi, Komponist Irwin Kostal und die Liedermacher Richard M. Sherman & Robert B. Sherman verantworteten zuvor den mehrfach preisgekrönten, zeitlosen Kassenschlager „Mary Poppins“.
Nicht nur hinter den Kulissen, auch stilistisch existieren Parallelen: Erneut dienten englische Kinderbücher als Vorlage, wieder agiert Großbritannien als zentraler Schauplatz, einmal mehr finden Realfilmsequenzen und Zeichentrick-Elemente zusammen – und mit David Tomlinson erhielt ein wichtiges „Mary Poppins“-Ensemblemitglied eine tragende Rolle.
So ganz erntete Disney zwar nicht die erhoffte Resonanz, allerdings sicherte sich „Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett“ einen Oscar für die Besten Spezialeffekte und vier weitere Academy-Award-Nominierungen. Zudem generierte die abenteuerliche Musicalkomödie an den Kinokassen rund das Dreifache ihrer Produktionskosten. Allein in Deutschland wurden über 2,25 Millionen Eintrittskarten verkauft – und für ein paar Generationen ist wenigstens das im Laufe des Films entbrennende „Fußballspiel der Tiere“ Kult.
Kult, der jedoch zunehmend in Vergessenheit gerät. Falls ihr den obskur werdenden Hit aus dem Jahr 1971 streamen möchtet, könnt ihr ihn als VoD via Amazon Prime Video beziehen:
Bei Prime gibt es allerdings bloß eine auf unter 90 Minuten gekürzte Version des Musicals über eine unerfahrene Hexe (Angela Lansbury), die während des Blitzkriegs Waisen bei sich aufnimmt und mit ihrer Magie die Deutschen in die Flucht schlagen will. Dazu muss sie mit einem Hochstapler (David Tomlinson) fehlende Seiten ihres Zauberbuchs finden...
Für die komplette Filmfassung muss man sich auf dem Gebrauchtmarkt nach der englischsprachigen 30th Anniversary Edition DVD* umsehen.
Die lange Reise gen "Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett"
„Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett“ blickt, wie viele Disney-Klassiker, auf eine lange Entstehungsgeschichte zurück. Denn die Rechte an Mary Nortons Buchvorlage sicherte sich noch Walt Disney persönlich: Der Hitproduzent und Mitbegründer des traditionsreichen Filmstudios schlug schon 1945 zu, zwei Jahre nach der Veröffentlichung des Kinderbuchs „Das Zauberbett“ und zwei Jahre vor Erscheinen seiner ebenfalls in „Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett“ verarbeiteten Fortsetzung. Disney gab daraufhin jahrelang anderen Projekten den Vorzug – erst Anfang der 1960er wurde innerhalb der Studios ernsthaft über den Stoff nachgedacht:
Er hielt als Plan B her, sollten die strapaziösen Verhandlungen mit „Mary Poppins“-Schöpferin P.L. Travers unbefriedigend enden. Als sich aber der lang ersehnte Deal mit Travers abzeichnete, wurde die Hexen-Geschichte aufgegeben. 1966 nahm man die Arbeiten kurzzeitig wieder auf, bloß um sie aus Sorge aufzugeben, man würde ungewollt „Mary Poppins“ kopieren. 1969 schien man diese Zurückhaltung aufgegeben zu haben: Einmal mehr kramte man firmenintern den Stoff hervor. Dieses Mal bemühte man sich sogar, „Mary Poppins“-Hauptdarstellerin Julie Andrews für die Titelrolle zu engagieren!
Die sagte zunächst ab, woraufhin der spätere „Mord ist ihr Hobby“-Star Angela Lansbury angeheuert wurde. Zwar meldete sich alsbald Andrews bei Disney und beteuerte, es sich anders überlegt zu haben – doch zu diesem Zeitpunkt war die Tinte auf Lansburys Vertrag bereits trocken.
Ein langes Fantasy-Abenteuer wird kürzer und kürzer
„Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett“ gelangte zuerst mit einer Laufzeit von rund 140 Minuten auf die Leinwand: Das ausschweifend ausgestattete Musical tourte als sogenannte Roadshow durch die Staaten, danach machte es in der Radio City Music Hall in New York City Halt, wo die Disney-Studios mit einem Terminkonflikt konfrontiert wurden.
Die dortige, alljährliche und populäre Weihnachtsshow hatte Überlänge, weshalb es logistisch unmöglich wurde, einen Film mit über zwei Stunden Laufzeit zu zeigen. Also beschloss man, „Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett“ auf 117 Minuten zu stutzen. Unter anderem wurden ein Subplot und drei vollständige Musikeinlagen rausgeworfen, zwei weitere Lieder mussten Kürzungen über sich ergehen lassen. Diese Fassung wurde daraufhin regulär in den US-Kinos gezeigt.
Das erzürnte die Sherman-Brüder, die zuvor zähneknirschend drastische Kürzungen ihrer Disney-Filmmusicals „Der glücklichste Millionär“ und „The One And Only, Genuine, Original Family Band“ über sich ergehen ließen. Die Kürzungen von „Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett“ waren der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Die Brüder beschlossen, ihren Vertrag mit Disney auslaufen zu lassen – trotzdem sollten sie zu einem späteren Zeitpunkt zum Maushaus zurückkehren.
In Deutschland erfolgten weitere Kürzungen: Zuerst mit rund 100 Minuten Spielzeit ins Kino entlassen, dampfte man „Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett“ hierzulande im Laufe einer Kino-Zweitauswertung und diverser Heimkinoveröffentlichungen auf unter 90 Minuten ein. Vor allem der eigentlich entscheidende Handlungsfaden rund um die Nazi-Armee ist in Deutschland mittlerweile kaum mehr als eine Fußnote. An die Tricksequenzen, bei denen Disney-Urgestein Ward Kimball Regie führte und der nicht minder legendäre Disney-Zeichner Milt Kahl für die Designs verantwortlich war, traute man sich indes nicht heran.
Ein anderes, hierzulande quasi unbekanntes Fantasy-Abenteuer aus dem Hause Disney diente Peter Jackson und seinem Team als wichtiger, inszenatorischer Einfluss in der Entstehung der „Herr der Ringe“-Trilogie. Mehr dazu erfahrt ihr im folgenden Beitrag:
Dieser viel zu unbekannte Fantasy-Film mit Sean Connery diente Peter Jackson als Vorlage für "Herr der Ringe"*Bei diesen Links zum Angebot von Amazon handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.