Heute Abend könnt ihr einen der stärksten Liebesfilme der 1990er-Jahre streamen - mit zwei Hollywood-Stars in den Hauptrollen
Björn Schneider
Björn Schneider
-Freier Autor
Seit Björn als Kind „Spiel mir das Lied vom Tod“ und „Hook“ gesehen hat, ist er vom Medium Film und seinen (audio-)visuellen Möglichkeiten fasziniert. Am liebsten schaut er Horror, Western, Mystery und Thriller. Musicals und romantische Komödien kosten ihn allerdings Überwindung.

Viele denken bei Liebesfilmen an Melodramatik und eine Story, die auf die Tränendrüse drückt. Nicht so der 90er-Klassiker „Sommersby“, der im Kern weit mehr als „nur“ eine Romanze ist – und zwei Hollywood-Größen zeigt, die selten besser waren.

Es gab eine Zeit in der Kinogeschichte, da gehörten Liebesfilme und mitreißende romantische Dramen zu den beliebtesten Genres – und das zeigte sich auch an den Kinokassen. Es waren die frühen 90er-Jahre, als Filme wie „Pretty Woman“, „Ghost – Nachricht von Sam“ oder „Bodyguard“ mit emotionaler Tiefe sowie tragischen Wendungen begeisterten und die Massen anlockten.

Regelmäßig kamen diese (auch heute noch äußerst populären) Hollywood-Schnulzen auf weltweite Einspielergebnisse von 400 oder weit über 500 Millionen Dollar. Ein weltweites Box-Office von dieser Größenordnung in den frühen 90ern entspricht inflationsbereinigt heute einer Summe von etwa einer Milliarde Dollar! Und doch gibt es für den Verfasser dieses Streaming-Tipps einen 90er-Liebesfilm, der alle anderen aus diesem Jahrzehnt – und damit selbst die oben genannten Klassiker – überragt: Jon Amiels episch bebildertes und erlesen besetztes historisches Liebesdrama „Sommersby“ von 1993.

„Sommersby“ existiert auf DVD und Blu-ray*, günstiger als auf Silberscheibe gibt es den Film aber als kostenpflichtiges Video-on-Demand bei verschiedenen Anbietern. Abonnenten von Disney+ kommen sogar im Rahmen ihres Flatrate-Abos in den Genuss des Films.

Mit „Sommersby“ versuchte der Londoner Amiel, der 1990 mit der Komödie „Julia und ihre Liebhaber“ international bekannt wurde, auf jener „Schnulzen-Welle“ erfolgreich mitzureiten. Melodramen und Lovestorys waren zwar in Mode – doch „Sommersby“ war an den Kassen kein vergleichbarer Erfolg beschieden (das Einspielergebnis lag unter 150 Millionen). Und auch die Kritik nahm das Werk nur gemischt auf. Dennoch solltet ihr dieser sehenswerten Perle von einem Film eine Chance geben. Denn: „Sommersby“ erzählt eine universelle Geschichte über Identität und Hoffnung und vermengt letztlich verschiedene Genres schlüssig zu einem filmischen Rätsel, das lange nachhallt.

Wer ist dieser Mann? Das ist "Sommersby"

1867: Nach sechs Jahren kehrt Plantagenbesitzer John Sommersby (Richard Gere) aus dem Bürgerkrieg zurück auf sein Anwesen in Tennessee. Überrascht, aber erfreut von der Rückkehr des vom Krieg ausgezehrten Mannes sind die Einwohner des Ortes, die Sommersby längst für tot hielten. Gemischter fallen da schon die Reaktionen seiner Frau Laurel (Jodie Foster) aus. Sie erinnert sich noch an Johns Verhalten vor dem Krieg: Er war abweisend, gewalttätig und trank. Nach einem eher zurückhaltenden Empfang bemerkt Laurel allerdings, dass sich ihr Mann zum Besseren verändert hat. Er ist rücksichtsvoll, zärtlich und sorgt sich um seine Frau sowie um den gemeinsamen Sohn. Das fällt ebenso den Dorfbewohnern auf, die glauben, dass die heimgekehrte Person gar nicht Jack ist. Ist der Mann, mit dem Laurel Haus und Bett teilt, also womöglich gar nicht ihr Ehemann – sondern ein betrügerischer Hochstapler?

Amiel und die Drehbuchautoren (es waren gleich drei an der Zahl) nahmen sich die wahre Geschichte des Franzosen Martin Guerre vor, die 1982 bereits mit Gérard Depardieu als „Die Wiederkehr des Martin Guerre“ verfilmt wurde. Der französische Jurist und Autor François Gayot de Pitaval beschrieb die Taten dieses Mannes erstmals ausführlich – nachzulesen in seinem Buch „Geschichten aus dem alten Pitaval“, in dem außergewöhnliche Kriminalfälle und Urteile zusammengetragen sind.

Ganz und gar außergewöhnlich ist ferner die Inszenierung von „Sommersby“ und die filmische Umsetzung, für die sich Amiel entschied. Denn streng genommen ist sein Film nur in der ersten Hälfte eine von der Kraft und Macht der Liebe handelnde Romanze, in der sich zwei Erwachsene neu aneinander gewöhnen und von vorne beginnen.

Liebesfilm? Ja, aber nicht nur!

Da man sich der wahren Identität Sommersbys nie wirklich sicher sein kann und der Zuschauer die Auflösung erst ganz am Ende erfährt (nochmals getoppt durch ein ergreifendes Schlussbild), hat "Sommersby" auch immer etwas von einem klugen, auf Suspense setzenden Thriller mit Mystery-Touch. Aufgrund der zeitlichen und örtlichen Einbettung kommen Elemente des Western-Abenteuers und Historienfilms dazu. Amiel nutzt die eindrucksvolle, traumhaft-hypnotisierende Wirkung der weiten Landschaften, um darin einen metaphorischen Ausdruck für Laurels Innenleben zu finden.

Jene wuchtigen, einnehmenden Natur-Impressionen stehen für Laurels Gefühl der Unsicherheit, ihre tiefe Sehnsucht nach einem Ende der jahrelangen Einsamkeit und folglich nach einem Neubeginn mit John. Apropos Laurel und John: Die Darstellung der Liebesgeschichte zwischen ihnen gelingt deshalb so intensiv und jederzeit glaubhaft, da die Chemie zwischen den zwei Hauptdarstellern, den Weltstars Richard Gere und Jodie Foster, so wunderbar passt. Das gilt für die intimen Momente ebenso wie für die Szenen des Alltags, in denen die Beiden einfach nur miteinander diskutieren oder sich – über die Baumwollfelder hinweg – flüchtige Blicke zuwerfen.

Foster, die neben Julia Roberts damals die vermutlich populärste Schauspielerin Hollywoods war (ihr Oscar-Gewinn für „Das Schweigen der Lämmer“ lag erst ein Jahr zurück), agiert mit würdevoller Zurückhaltung und kehrt die Zerrissenheit ihrer Figur dennoch mimisch ausdrucksstark nach außen. Und der mit leidenschaftlicher Energie aufspielende 80er-Superstar Gere („Ein Offizier und Gentleman“) zeigt eine der besten Performances seiner Karriere – als undurchschaubarer, charismatischer Rückkehrer, der die Dorfbewohner für sich einnimmt und dem gleichsam Laurel schnell erliegt.

Das Sounddesign fällt für ein Liebesdrama überraschend sparsam aus und Amiel nutzt gerne auch mal die Stille als erzählerisches Mittel. Dadurch intensiviert sich die emotionale Fallhöhe einzelner Sequenzen ungemein. Zum Beispiel in einer der bewegendsten Szenen, ein Schlüsselmoment, in dem Ku-Klux-Klan-Mitglieder Sommersby und seine Familie einschüchtern. Der Grund: Der Heimkehrer setzt sich unmissverständlich für Menschlichkeit und Gleichheit ein und gewährt auch Schwarzen das Recht, auf seinen Feldern zu arbeiten. Hieran zeigt sich, dass „Sommersby“ auch ein durch und durch anspruchsvoller, gesellschaftskritischer Film mit politischem Bezug ist, der die sozialen Spannungen und den Wandel in den USA nach dem Sezessionskrieg thematisiert.

Bildgewalt und großartige Aufnahmen zeichnen noch ein anderes, prominent besetztes Abenteuer aus, das seit Kurzem bei Disney+ abrufbar ist. Es handelt sich um die Neuadaption eines der größten Klassikers der Literaturgeschichte:

Die Neuverfilmung eines der größten Abenteuer-Klassikers überhaupt: Bildgewaltiges Epos ab heute streamen

*Bei diesen Links handelt es sich um einen sogenannten Affiliate-Link. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision.

facebook Tweet
Ähnliche Nachrichten
Das könnte dich auch interessieren