Für unsere Initiative „Deutsches Kino ist (doch) geil!“ wählen wir jeden Monat einen deutschen Film, der uns ganz besonders gut gefallen, inspiriert oder fasziniert hat, um den Kinostart – unabhängig von seiner Größe – redaktionell wie einen Blockbuster zu begleiten. In diesem Monat ist die Wahl auf den präzisen Neo-Noir-Gangsterfilm „Der Tod wird kommen“ (Trailer siehe oben) mit Sophie Verbeeck als eiskalte Profikillerin Tez gefallen. Hier geht’s zur ausführlichen FILMSTARTS-Kritik.
Der „Der Tod wird kommen“-Regisseur Christoph Hochhäusler gehört seit seinem Durchbruch „Falscher Bekenner“ zu den absoluten Favoriten der FILMSTARTS-Redaktion. Auch gibt es nur wenige (deutsche) Filmemacher*innen, die so viel Ahnung vom Kino haben wie der Mitbegründer der Filmzeitschrift Revolver.
Deshalb freuen wir uns sehr, dass sich Christoph Hochhäusler dazu bereit erklärt hat, uns – zusätzlich zu den besonderen Erwähnungen „Schock“ und „Regen fiel auf nichts Neues“ – seine elf Lieblings-Gangsterfilme aus der deutschen Filmgeschichte zu verraten:
1931: „M - Eine Stadt sucht einen Mörder“ von Fritz Lang
Fritzs Langs erster Tonfilm streift Serienkiller-, Gangster-, Polizei- und Großstadtfilm – und brilliert in allen Genres! Lang selbst hat ihn einen im Studio gedrehten Dokumentarfilm genannt, und auch das stimmt, denn die Recherche prägt diesen Film mindestens so wie die Fantasie. Ein Meilenstein, den ich mir immer wieder ansehe, der mich immer wieder neu begeistert.
1933: „Das Testament des Dr. Mabuse“ von Fritz Lang
Ein Film passend zum Fieber unserer Zeit, geniale Fortschreibung des metaphysischen Supergangsters aus Norbert Jacques’ (übrigens sehr lesenswerter) Romanvorlage, die Lang ebenfalls verfilmt hat. Laut Christopher Nolan das große Vorbild für seinen von Heath Ledger gespielten Joker in „The Dark Knight“.
1957: „Nachts, wenn der Teufel kam“ von Robert Siodmak
Ein von Mario Adorf verkörperter Frauenmörder geht um. Kein Gangsterfilm im engeren Sinne, aber ein starker Film über ein Verbrechen im Verbrechen – und einer der schönsten Nachkriegsfilmen von Robert Siodmak.
1972: „Leichensache Zernik“ von Helmut Nitzschke und Gerhard Klein
Ein ungewöhnlicher und viel zu unbekannter Kriminalfilm, der die Jagd auf einen kaltblütigen Raubmörder zeigt, der die Berliner Zonenaufteilung der Nachkriegszeit für seine Zwecke ausnützt.
Ihr könnt euch den ganzen Film legal auf dem YouTube-Portal der DEFA Filmwelt ansehen:
1974: „Supermarkt“ von Roland Klick
Roland Klicks Film kreuzt Sozialstudie und Genre-Reißer. Das funktioniert so gut, weil beides miteinander verbunden ist: Die Enge der Möglichkeiten macht den Ausbruch der Gewalt zum Fluchtpunkt der Sehnsüchte.
1974: „Paul“ von Klaus Lemke
Aus einer formelhaften Situation – ein Gangster wird aus dem Knast entlassen und will alte Rechnungen begleichen – entwickeln Klaus Lemke und sein wunderbarer (Selbst-) Darsteller Paul Lyss ein Maximum an lustvoller, wahnsinniger Unberechenbarkeit.
1988: „Die Katze“ von Dominik Graf
Fulminanter Solitär. Dominik Grafs Film ist „amerikanisch”, vor allem darin, wie diszipliniert er den Heist erzählt: realistisch in den Details, nah an den Charakteren, ohne Angst vor Eskalation. Götz George, Gudrun Landgrebe, Heinz Hoenig und der Schauplatz Düsseldorf sind dagegen ausgesprochen bundesrepublikanisch. Es war befreiend für mich zu sehen, dass das so gut zusammengehen kann.
2010: „Im Schatten“ von Thomas Arslan
Minimalistisch-schöne Melville-Variation in einem spiegelglatten Berlin. Mišel Matičević spielt den Profigangster Trojan, als wäre er dafür geboren. Kleinod.
2010: „Der Räuber“ von Benjamin Heisenberg
Bewegung als Motor einer Figur, als Gesetz eines Genres. Ein rastloser Film über einen Bankräuber auf der Flucht vor sich selbst. Ein amerikanisches Pendent würde dieselbe Geschichte wahrscheinlich als einen Kampf um Freiheit erzählen. Bei Benjamin Heisenberg ist es ein Film über den Horror des Selbst.
2024: „Der Panther“ von Jan Bonny
Teil der Anthologie-Serie „DIE ZEIT Verbrechen”. Das rare Beispiel einer echten Dreistigkeit im deutschen Film. Jan Bonny und die Titelfigur Johnny – gespielt von Lars Eidinger, den ich nie besser gesehen habe – scheinen sich gegenseitig anzustacheln, sind Sparringspartner in dieser erschreckenden und schön riskanten Schlachtplatte, die sich an einem wahren Fall entzündet hat. Johnny ist ein Möchtegern-»Panther«, der gerade deshalb haarsträubend gefährlich wird, weil er sich und die Situationen, in die er sich begibt, falsch einschätzt.
2024: „Verbrannte Erde“ von Thomas Arslan
Kein Gramm Fett – die Ökonomie dieser Genre-Erzählung ist beinahe schmerzhaft, was zu den verengten Spielräumen der Hauptfigur passt, 14 Jahre nach dem ersten Auftauchen in „Im Schatten“. Trojan – den Mišel Matičević minimalistisch und dabei wunderbar präsent spielt – ist nicht nur auf Kontrolle aus, er beurteilt seine Lage auch ziemlich realistisch. Aber obwohl er sich mit jeder Faser zum Instrument seiner Rationalität macht, kann er nur wenig mehr als seine Haut retten.
Webedia
Christoph Hochhäusler war auch bei uns im Leinwandliebe-Podcast zu Besuch, um über seinen Neo-Krimi „Der Tod wird kommen“ zu diskutieren: Im Interview sprechen wir über seine Liebe zum Genrekino, den Umgang mit Waffen am Set – sowie das merkwürdige Gefühl, wenn man erstmals in fremder Sprache dreht und dann die deutsche Synchronisation seines eigenen Films überwachen muss. Ich kann euch also nur empfehlen, unbedingt mal hineinzuhören: